Die fröhliche Anarchie der Ampelmännchen in Erfurt

Zwölf besondere Lichtgestalten weisen in Erfurt Fußgängern den Weg.

Der Mann mit Geburtstagstorte. Foto: Peter Michaelis

Der Mann mit Geburtstagstorte. Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. Rot. Die Welt steht still. Der Herr mit Hut streckt seine Arme nach beiden Seiten aus. Dann: ein Piepsen, ein Knacken später, manchmal ein lautloser Wechsel - Grün. Der behütete Herr mit einem entschlossenen Schritt nach vorn zeigt sich. Die Fußgänger können die Ampelkreuzung passieren.

Aber halt! Nicht immer ist es das korpulente, ausschreitende grüne Ampelmännchen, das Passanten den Weg frei gibt. Auf Erfurter Straßen und Kreuzungen ist es auch in anderen Rollen zu entdecken: Eis leckend, mit Regenschirm, als Wanderer mit Stock, Bäckergeselle, Schulanfänger oder Geburtstagskind. Ampelfrauchen gibt es auch: eine mit Handtäschlein behängte Dame auf Stöckelschuhen, eine Hexe und ein wuschelmähniges Mädchen mit einem Herz in den Händen.

Ihre Geschichte führt zurück in die Mitte der 1980er Jahre; und einer, der sie erzählen kann, ist Frank Rupprecht, Abteilungsleiter für Verkehr im Erfurter Tiefbau- und Verkehrsamt. "Erfurt ist nicht die einzige, aber die erste Stadt gewesen, die die besonderen Ampelmännchen hervorgebracht hat. Später fanden sich auch Nachahmer, etwa Halle und Dresden", sagt er. Vor ungefähr 30 Jahren gab es in der kommunalen Einrichtung Stadtbeleuchtung einen ebenso kreativen wie witzigen Mitarbeiter, der die Nagelschere nahm und damit dem in eine Aluminiumblech-Schablone gestanzten Ampelmännchen einen Regenschirm über den Kopf schnitt. Dieser Herr mit dem Regenschirm war wohl das erste der speziellen Ampelmännchen, es hat die Zeiten überlebt und regelt derzeit an der Kreuzung Juri-Gagarin-Ring/Bahnhofstraße den Fußgängerverkehr.

Wettbewerbe in den Mittagspausen

Was für ein herrlicher Einfall, fanden die Kollegen der Stadtbeleuchtung - und dann ging es richtig los. "Zeitweise haben die Mitarbeiter in ihren Mittagspausen richtige Ampelmännchen-Wettbewerbe veranstaltet", erzählt Frank Rupprecht. Irgendwann leuchteten die schrägen Männchen den Fußgängern heim. In der DDR-Straßenverkehrsordnung, die auch festschrieb, wie die Bilder der Ampeln auszusehen hatten, fanden sich die Erfurter Kreationen allerdings nie. "Formal war es ein Verstoß gegen geltendes Recht", sagt Frank Rupprecht. Hatte dieser Akt der fröhlichen Anarchie Folgen für die Mitarbeiter, auch politische? Der Abteilungsleiter schüttelt den Kopf: "Keine. Da wurden viele Augen zugedrückt."

Die Erfurter Sonderausführungen der Ampelmännchen wären ohne einen Mann namens Karl Peglau nicht zu denken. Im Oktober 1961 legte der leitende Verkehrspsychologe der DDR seine Entwürfe für den roten Steher und den grünen Geher vor. Bei Untersuchungen hatte sich zuvor herausgestellt: Die hohe Zahl der Verkehrstoten war vor allem damit zu erklären, dass sich Fußgänger wie Autofahrer nach den gleichen rot-gelb-grünen Ampeln richten mussten. Vor allem bei Nebel konnten sich Menschen mit einem gestörten Farbsinn nicht ausreichend orientieren. Die Vorzüge des Ampelmännchens setzten sich bald durch. Kein Wunder, dass die Erfurter den 50. Geburtstag der Peglau-Erfindung im Jahr 2011 auf ihre Weise feierten. Sie ersannen dem Männchen eine Geburtstagstorte und ein Glückskleeblatt am Hut; vor der Stadtbibliothek am Domplatz prangt es auf der Ampel.

Dabei sah es lange nicht so aus, als ob es dahin kommen könnte. Mit der Wiedervereinigung galt auch in Erfurt die bundesdeutsche Straßenverkehrsordnung. Die dicklichen Lichtgestalten wurden beerdigt. Nur auf den T-Shirts, Lampen, Schlüsselanhängern und Fahrradklingeln des Designers Markus Heckhausen führten sie noch ein Leben nach ihrem Tod. Stattdessen erleuchteten die dürr-dynamischen westdeutschen Ampelmännchen nun die Fußgänger - bis sich 1996 über Erfurt "ein Sommerloch auftat", wie Frank Rupprecht sagt. Das Volk forderte die Ampelmännchen zurück, die Medien verbreiteten es und im Thüringer Ministerium für Bau und Verkehr klingelten die Telefone ununterbrochen.

Das Volk in Erfurt bekam 1997 seine DDR-Ampelmännchen zurück. Die bundesdeutsche Straßenverkehrsordnung blieb frei von ihnen. Aber es gab für Ampelanlagen zusätzliche Richtlinien: "Diese werden in den einzelnen Bundesländern eingeführt und bekommen damit Gesetzescharakter. Das heißt, jedes Land entscheidet für sich die Dinge, die nicht in der Straßenverkehrsordnung geregelt sind. Damit hatte Thüringen die Chance, die DDR-Ampelmännchen als zulässig zu erklären", erzählt Frank Rupprecht. Dann fügt der Abteilungsleiter noch einen Satz an: "Keine Genehmigung haben wir, diese zu verändern." Die Mitarbeiter im Straßenbetriebshof des Tiefbau- und Verkehrsamtes - es sind derzeit sieben - freuten sich, besannen sich auf ihre früheren Erfahrungen mit der Anarchie, setzten die Scheren an und schnitten neue Ampelmännchen. Einer von ihnen erdachte zur Einschulung seines Sohnes ein Ampelmännchen mit Zuckertüte und Schulranzen. Vor der Riethschule leuchtet es seitdem jeden Tag. "Wenn die Kollegen eine gute Idee haben, müssen sie mich nicht fragen", sagt Frank Rupprecht.

Wer die Augen im Straßenverkehr offen hält, entdeckt schnell, dass es keinen Eismann, keine Hexe, keinen Schulanfänger oder Wanderer doppelt gibt. Jedes der besonderen Ampelmännchen und -frauchen ist ein Unikat. In Erfurt stehen insgesamt 250 Lichtsignalanlagen, wie die Ampelanlagen in der Behördensprache heißen, mit etwa 1400 Fußgängersignalgebern. Derzeit marschieren etwa zwölf besondere Ampelmännchen und -frauchen durch die Stadt. Aber ganz genau kann man ihre Zahl nicht kennen, auch ihr Standort ändert sich immer wieder. Denn alle vier Monate werden die Ampeln gewartet, alle zwölf Monate die Lampen ausgetauscht und die Gläser gereinigt. "Das ist meistens die Gelegenheit, eine neue Schablone einzusetzen oder zu tauschen", erklärt Frank Rupprecht.

Unterrepräsentierte Ampelfrauchen

Jenseits aller ostdeutschen Identitätsdebatten liegen für den Abteilungsleiter die Vorzüge des DDR-Ampelmännchens auf der Hand: "Die Leuchtfläche ist im Vergleich zum westdeutschen Ampelmännchen 40 Prozent größer. Auch die Form trägt zu einer besseren Sichtbarkeit bei. Der rote DDR-Ampelmann sagt: ‚Halt!‘, der westdeutsche mit den Armen an der Hosennaht: Du kannst gehen."

Mit der Dame auf Stöckelschuhen, dem Mädchen mit Herz und der Hexe sind die Ampelfrauchen in Erfurt deutlich unterrepräsentiert. Frank Rupp­recht ist da pragmatisch: "Der Herr Peglau hat leider einen Ampelmann entwickelt und keine Ampelfrau. Aus diesen Schablonen lässt sich nur bedingt eine Frau entwickeln. Man müsste also das Symbol neu denken." In Dresden gebe es Ampelmädchen, aber diese seien Neuentwicklungen. Dann tippt er auf eine Abbildung und lächelt: "Die Belgier haben das Genderproblem gelöst." Ein tanzendes Ampelpaar in Rot und Grün ist dort zu sehen.

Und die roten Ampelmännchen? Es gab auch in Erfurt Ideen, diese zu verändern. Da hört der Spaß allerdings für Frank Rupprecht auf: "Es geht zum Schluss um die Verkehrssicherheit an der Ampel. Ich möchte nicht verantwortlich gemacht werden, wenn jemand sagt, das ist irgendein Spaß, deshalb ist Rot für uns tabu. Es heißt: Bei Rot sollst du steh'n."