Erfurter Arbeitsmarkt zeigt sich robust

Erfurt  Die Folgen der Corona-Pandemie und der Maßnahmen zu deren Eindämmung sind deutlich zu spüren.

Auch keine einfache Situation für die Agentur für Arbeit: Die Herausforderungen wie Klimawandel, Strukturwandel, fortschreitende Digitalisierung und die demografische Entwicklung bleiben dem Arbeitsmarkt auch nach der Pandemie erhalten. Das Bild ist ein Archiv-Bild.

Auch keine einfache Situation für die Agentur für Arbeit: Die Herausforderungen wie Klimawandel, Strukturwandel, fortschreitende Digitalisierung und die demografische Entwicklung bleiben dem Arbeitsmarkt auch nach der Pandemie erhalten. Das Bild ist ein Archiv-Bild.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

„Die Folgen der Corona-Pandemie und der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung waren 2020 deutlich sichtbar, gleichzeitig hat sich der Arbeitsmarkt robust gezeigt. Kurzarbeit und Wirtschaftshilfen von Bund und Land haben viel abgefangen und Beschäftigungen stabilisiert“, sagt Simone Faßbender, Chefin der Erfurter Arbeitsagentur, rückblickend auf das vergangene Jahr. Die Arbeitslosigkeit stieg im Jahresdurchschnitt um 18 Prozent.

Unternehmen halten – wenn möglich – an ihren Fachkräften fest

In Erfurt waren im gerade zu Ende gegangenen Jahr 7487 Menschen arbeitslos - 1132 mehr als 2019. Damit stieg die Arbeitslosenquote um 0,9 Prozentpunkte auf 6,6 Prozent. „Die Unternehmen haben, wo es ihnen möglich war, an ihren Fachkräften festgehalten. Das zeigen auch die Zugänge in die Arbeitslosigkeit, die verglichen mit 2019 sogar leicht gesunken sind“, so Faßbender. Im Jahresverlauf haben 8116 Menschen ihre Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt verloren. Das waren 135 beziehungsweise 2 Prozent weniger als 2019.

Gleichzeitig konnten jedoch auch weniger Menschen eine neue Beschäftigung aufnehmen. 6137 Menschen beendeten 2020 ihre Arbeitslosigkeit durch einen Job. Das sind 386 (6 Prozent) weniger als im Jahr zuvor.

Fachkräftemangel schreitet fort, Personalstrategie anpassen

Die Unterbeschäftigung ohne Kurzarbeit stieg im Jahresvergleich um 583 (6 Prozent) auf 9952. „Die aktuelle Herausforderung für Unternehmen besteht darin, zwei Strategien gleichzeitig zu verfolgen: Einmal müssen sie dafür sorgen, dass sie in der aktuellen Situation über die Runden kommen und gleichzeitig sollten sie Rahmenbedingungen für die zukünftige Entwicklung schaffen“, hält die Arbeitsagentur-Chefin fest. Der Transformationsprozess habe an Fahrt gewonnen, aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es immer weniger Fachkräfte.

Gefragt sei jetzt eine Personalstrategie, die bei der Personalsuche auch Menschen ohne mustergültige Lebensläufe in den Blick nimmt. Außerdem müssen die eigenen Beschäftigten stärker in den Fokus rücken: Arbeitsprozesse, Arbeitsplätze und Berufsbilder verändern sich und damit auch die Anforderungen an Qualifikationen und Kompetenzen der Beschäftigten. Beruflicher Weiterbildung komme eine zentrale Rolle zu. Die Arbeitsagentur fördert die Weiterbildung von Beschäftigten und bietet eine gezielte Beratung an.

Qualifizierung bleibt wichtig – Neues Beratungsangebot

2384 Menschen nahmen 2020 an einer von der Arbeitsagentur geförderten Qualifizierung teil. Das waren 338 (zwölf Prozent) weniger als im Jahr davor. Faßbender erläutert dazu: „Insbesondere im Frühjahr gab es einen erheblichen Einbruch bei den Qualifizierungsmaßnahmen. Den Umstieg von Präsenzunterricht auf digitale Angebote haben mittlerweile viele Bildungsträger gemeistert, doch nicht alles lässt sich virtuell erlernen. Gerade für Berufspraxis wie zum Beispiel Fahrpraxis im Lkw oder mit dem Gabelstapler braucht es Übung.“

Lebenslanges Lernen sei in der jetzigen Zeit, in der die Pandemie digitale Entwicklungen beschleunigt, wichtiger denn je. Seit Jahresbeginn bietet die Arbeitsagentur mit der Berufsberatung für Erwachsene eine gezielte Unterstützung an. Beschäftigte, die sich für eine Weiterbildung interessieren, Karriere machen oder sich beruflich um- oder orientieren möchten, können sich unter Telefon: 0361/30 22222 an die Berater wenden.

Krise wirkt sich auf Bewerbersuche aus

„Zwar haben viele Unternehmen außerhalb der besonders betroffenen Branchen ihre Beschäftigten nicht entlassen, doch bei Neueinstellungen waren sie – verständlicherweise – zurückhaltend“, sagt Faßbender. 6841 neue Stellen haben die Unternehmen dem Arbeitgeberservice gemeldet, 17 Prozent weniger als 2019. Die größten Rückgänge verzeichnen Personaldienstleister, Information und Kommunikation, Erziehung und Unterricht, das Gastgewerbe, Kunst/Unterhaltung/Erholung sowie der Handel. Die öffentliche Verwaltung sowie die Logistikbranche suchten mehr neue Beschäftigte.

Beschäftigung ist gestiegen

Entgegen dem Mittelthüringer Trend ist die Beschäftigung in Erfurt leicht gestiegen. 109.632 Menschen waren im Juni 2020 versicherungspflichtig beschäftigt. Das waren 672 beziehungsweise 0,6 Prozent mehr als 2019. In Mittelthüringen ist ein Rückgang von 0,5 Prozent und in Thüringen von 1,1 Prozent zu verzeichnen.

Kurzarbeit in bislang ungekanntem Ausmaß genutzt, um Beschäftigte zu halten

Durch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes gelang es vielen Firmen, die Beschäftigung weitgehend konstant zu halten. Die Betriebe haben Kurzarbeit in bislang ungekanntem Ausmaß genutzt: 3332 Anzeigen auf Kurzarbeit für 34.910 Beschäftigte zeigten die Unternehmen über das ganze Jahr 2020 an. Die meisten davon im März (15.316 angezeigte Kurzarbeiter) und im April (11.796). Ab Mai sanken sie bis Juli (1028). Einen weiteren Anstieg gab es im Dezember (1448), aufgrund der Verschärfung der Maßnahmen, als wieder mehr neue Kurzarbeitsanzeigen gestellt wurden. Zum Vergleich: Während der Finanzkrise hatten im gesamten Jahr 2009 300 Unternehmen Kurzarbeit für 4088 Beschäftigte angemeldet.

Ausbildungsmarkt: Erstmals weniger Ausbildungsstellen

Erstmals deutlich sinkendes Ausbildungsangebot und anhaltender Bewerberrückgang – das ist die Kurzbilanz des Ausbildungsmarktes in Erfurt. Im Berufsberatungsjahr 2019/2020 waren in Erfurt 756 Jugendliche auf Ausbildungssuche. Das sind 47 (6 Prozent) weniger als 2019. Unternehmen meldeten deutlich weniger Ausbildungsstellen in fast allen Wirtschaftszweigen: 1250. Das sind 283 weniger als im Jahr zuvor.

„Ab März war der Ausbildungsmarkt von Unsicherheiten bei Unternehmen und Schülerinnen und Schülern geprägt. Das verzögerte oftmals die Vorstellungsgespräche und erschwerte die berufliche Orientierung sowie Ausbildungssuche. Dennoch haben 93 Prozent der Ausbildungssuchenden ihren Weg ins Berufsleben gestartet. Aufgrund der Pandemie beraten wir junge Menschen zur Berufswahl und Ausbildungssuche am Telefon und zunehmend auch online per Videochat“, sagt Faßbender.

Ausblick auf die anstehenden Herausforderungen, auch nach der Corona-Pandemie

„Die Pandemie und die erforderlichen Maßnahmen zur Eindämmung haben fast alle Branchen getroffen, einige wie das Gastgewerbe, den Tourismus, den Einzelhandel und das Verarbeitende Gewerbe besonders stark. Zusätzlich müssen sich die Unternehmen auch den bisherigen Herausforderungen wie Struktur- und Klimawandel, Digitalisierung, Wertewandel und rückläufiger demografischer Entwicklung stellen. Die Corona-Krise beschleunigt die Entwicklungen mit Folgen für den Arbeitsmarkt. Bereits jetzt kommen auf zwei ältere Beschäftigte ein jüngerer und in den nächsten zehn Jahren geht mehr als jeder fünfte Beschäftigte in Rente. Da ist es für Unternehmen wichtig, sich als attraktiver Arbeitgeber aufzustellen und in Aus- und Weiterbildung zu investieren“, sagt Faßbender.