Im Bistum Erfurt gehen Kirchenlehre und Leben signifikant auseinander

Eine Umfrage, die die katholische Kirche wieder auf den Boden der Realität zurückholt: "Das Zusammenleben vor einer Trauung ist kein Sonderfall, sondern ein Normalfall", wird beispielsweise im Bistum Freiburg die Stimmung an der katholischen Basis kommentiert.

"Überall in Deutschland gehen die kirchliche Lehre und das Leben signifikant auseinander", fasst Anne Rademacher, die Seelsorgeamtsleiterin im Erfurter Bistum zusammen. Foto: Marco Schmidt

"Überall in Deutschland gehen die kirchliche Lehre und das Leben signifikant auseinander", fasst Anne Rademacher, die Seelsorgeamtsleiterin im Erfurter Bistum zusammen. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt/Würzburg. Wenn sich die deutschen Bischöfe jetzt in Würzburg mit den Ergebnissen der vom Vatikan angestoßenen Umfrage zur Sexualmoral und zur Familienpolitik beschäftigen, dann müssen die Oberhirten wohl feststellen: Zwischen der offiziellen Meinung der Kirche und den Auffassungen der Gläubigen gibt es eine große Kluft. Oder wie es ein Dechant aus dem Bistum Erfurt sagte: 99 Prozent der jungen Menschen leben vor einer Trauung zusammen. Tendenz steigend ...

Im Erfurter Bistum wurden - im Gegensatz zu anderen Bistümern - nicht die Gläubigen direkt befragt. Vielmehr wurden die von der Bischofskonferenz ausgearbeiteten Fragebögen an alle pastoralen Mitarbeiter im Bistum verschickt, außerdem beschäftigte sich die Konferenz der Dechanten in Arbeitsgruppen damit, der Familienbund und der Katholikenrat wurden ebenso einbezogen.

Was dabei herauskam, unterscheidet sich allerdings kaum von den Resultaten in anderen deutschen Bistümern. "Überall in Deutschland gehen die kirchliche Lehre und das Leben signifikant auseinander", fasst Anne Rademacher, die Seelsorgeamtsleiterin im Erfurter Bistum das Resultat zusammen.

Das gleiche Ergebnis ergab die Befragung in anderen Bistümern. So sprachen sich die Gläubigen im Ruhrbistum mehrheitlich dafür aus, gleichgeschlechtlichen Paaren eine kirchliche Segnungsfeier zu ermöglichen, wie das Bistum mitteilte. Außerdem gehörten getrennt Lebende und wiederverheiratete Geschiedene zur Realität in den Gemeinden.

Im Bistum Mainz wünschen sich viele Katholiken Änderungen kirchlicher Positionen etwa zur Verhütung. Differenzen gebe es auch beim Thema Homosexualität, erklärte das Bistum. Zugleich zeige sich bei den Kirchenmitgliedern ein "eher rudimentäres Wissen über das katholische Eheverständnis". Ähnliche Ergebnisse hatte auch das Erzbistum Köln mitgeteilt.

Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann sprach von einer "fatalen Situation". Die Umfrage könne helfen, eine neue Offenheit und Ehrlichkeit herbeizuführen.

Im Auftrag von Papst Franziskus hatten sich mehrere Bistümer im Laufe der vergangenen Wochen um ein Stimmungsbild bemüht - zu Themen wie Scheidung, vorehelicher Sex und homosexuelle Partnerschaften. Der Papst will mit Hilfe der weltweiten Umfrage eine außerordentliche Synode im Oktober 2014 in Rom vorbereiten, in deren Mittelpunkt das Thema Familie steht.

Ein großes Problem ist nach Rademachers Angaben in Erfurt wie in allen anderen Bistümern auch auch die Position der wiederverheirateten Geschiedenen und die Haltung der Kirche dazu. Dabei wird die Frage des Ausschlusses von der Kommunion in der Kirche heftig diskutiert.

Wichtig ist den Gläubigen ebenfalls, dass sich die Kirche wieder stärker der Lebensrealität stellt und bereit ist anzuerkennen, dass bei allem guten Willen beispielsweise Ehen auch scheitern können. "Viele Menschen, die wiederverheiratet sind, fühlen sich ausgegrenzt und von der Kirche verletzt", heißt es beispielsweise in einer Stellungnahme des Bistums Limburg. Darüber hinaus wünschten sich viele Katholiken einen lebensnahen Blick der Kirche darauf, wie man Beziehungen in der Realität lebt. Ein Pfarrer machte darauf aufmerksam, dass die Elternkonstellation bei der Kommunion eines Kindes nur noch zu 50 Prozent die gleiche ist wie bei der Taufe. "Irreguläre Lebenssituationen sind Normalität", fasst ein anderer die Lage zusammen.

Aufrüttelnd müsste auch sein, dass viele Katholiken der Umfrage nach keine Erwartung mehr daran haben, dass sich an der Einschätzung der Kirche etwas ändert. Das zeigen die Stellungnahmen aus anderen Bistümern, die jetzt "Der Spiegel" zusammengetragen hat. "Die Menschen fühlen sich vielfach als Sünder und Versager behandelt", so das Bistum Augsburg. "Viele wünschen sich, dass nicht Verbote im Vordergrund stehen", hieß es im Bistum Dresden-Meissen. Und in Fulda hat man folgende Erkenntnis: "Junge Menschen fühlen sich von der Kirche nicht richtig wahrgenommen."

Katholische Laienvertreter haben mittlerweile Deutschlands Bischöfe aufgefordert, bei der Umfrage Transparenz walten zu lassen. Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" verlangte, die Ergebnisse "ungeschminkt und ungeschönt nach Rom zu geben, aber auch in Deutschland zu veröffentlichen". Der Chef des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sagte, die Umfrage habe eine starke Diskrepanz zwischen Lehramt und Wirklichkeit ergeben. Die Präsidentin des Familienbundes der Katholiken, Elisabeth Bußmann, ergänzte: "Die Umfrage hat eine Dynamik ausgelöst, die nicht mehr zu stoppen ist."

Die Umfrage soll der Vorbereitung einer Familiensynode im Oktober dienen. Anne Rademacher, die Erfurter Seelsorgeamtsleiterin, jedenfalls ist froh, dass dieses Stimmungsbild jetzt zusammengetragen worden ist. Eins ist in der Umfrage deutlich geworden: Vielen ist es wichtig, dass die Kirche sich mit dieser Kluft zwischen Lehre und Realität auseinandersetzt.

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