Taubblinde in Erfurt: "Ein Leben fast wie Dracula"

Die Selbsthilfegruppe der Taubblinden in Thüringen traf sich in Erfurt - und sucht dringend Helfer.

Reden über Zeichen: Taubblindenassistentin Marita Müller verständigt sich mit einer Taubblinden mittels der taktilen Gebärdensprache. Die Taubblinde fasst Marita Müller an, um die über Handzeichen dargestellten Wortgruppen besser verstehen zu können. Foto: Maik Ehrlich

Reden über Zeichen: Taubblindenassistentin Marita Müller verständigt sich mit einer Taubblinden mittels der taktilen Gebärdensprache. Die Taubblinde fasst Marita Müller an, um die über Handzeichen dargestellten Wortgruppen besser verstehen zu können. Foto: Maik Ehrlich

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Daberstedt. Martin Pfeßdorf trägt eine modische Brille mit gelb getönten Gläsern. Was man zuerst für ein modisches Zitat halten könnte, hat einen medizinischen Hintergrund. Martin Pfeßdorf sieht nur noch ganz wenig. Der Mittvierziger ist am Usher-Syndrom erkrankt, das ihn die Welt nur noch per eingeschränktem Tunnelblick wahrnehmen lässt. Zudem leidet der schlanke Mann am Grauen Star. Die Sehkraft schwindet merklich. Eine Operation ist vorgesehen. Und Martin Pfeßdorf hofft auf diese Operation. Vielleicht ist es schon 2015 soweit.

Ein gesundheitliches Handicap hat Martin Pfeßdorf seit seiner Geburt: Er ist gehörlos. Er verständigt sich mit der Gebärdensprache - das ist ein ausgeklügeltes System aus Handzeichen und Gesten, welches die Gebärdensprachdolmetscherin Bianca Prußat in Worte für den Reporter übersetzt.

Martin Pfeßdorf ist ein wenig stolz, dass er am Sonnabend selbstständig per Bahn den Weg von seiner Südthüringer Heimatstadt Schmalkalden nach Erfurt zum Treffen der Selbsthilfegruppe Taubblinde Thüringen bewältigen konnte. Aber es wird zunehmend schwieriger. Auch, weil seiner Meinung nach Hör- und Sehbehinderten die Orientierung im Alltag immer schwerer gemacht wird.

Das fange schon bei der weißen Farbe der Blindenstöcke an. Bei gleißendem Sonnenlicht könne er ihn nicht erkennen. Somit wisse er dann auch nicht, wo sich die ertasteten Hindernisse befinden. Gelbe oder orange Stöcke wären besser. Das gleiche Farbspiel sei auch bei Fußgängerüberwegen angebrachter. Auch werde an Pollern mit Signalfarben gespart. Für Menschen wie Martin Pfeßdorf sind sie tückische Stolperfallen.

Der Redebedarf beim Treffen der Taubblinden-Selbsthilfegruppe ist hoch. Dauerbrenner schon seit vielen Sitzungen sind die fehlenden Taubblindenassistenten. Um zu verstehen, was gemeint ist, reicht für Außenstehende ein Blick in den Tagungsraum. An einer großen Tafel sitzen sieben Taubblinde aus ganz Thüringen und nur eine Taubblindenassistentin: die Erfurterin Marita Müller. Das ist viel zu wenig. Damit die Kommunikation dennoch klappt, helfen beim Dolmetschen eine Angehörige, eine Studentin und eine Gebärdensprachdolmetscherin.

Die Diskussion leitet Irmtraud Sieland, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe. Die Gehörlose leidet ebenfalls unter dem Usher-Syndrom. Sie gebärdet und stellt Wortgruppen mit Handbewegungen und Gesten dar.

Die Taubblindenassistentin Marita Müller übersetzt die Gebärden in die taktile Gebärdensprache für eine Taubblinde, die nur noch ganz wenig sieht und die Hände an die Arme der gebärdenden Marita Müller legt, um die Bewegungen besser nachvollziehen zu können.

Ein anderer Teilnehmer bekommt die Worte - wenn man so will - in die Hand geschrieben. Seine Frau übersetzt alles in Lormen, indem sie jeden Buchstaben per Punkte oder Striche in die Handfläche tippt.

"Viele sehbehinderte und blinde Gehörlose fühlen sich in der Kommunikation mit anderen benachteiligt und leben vereinsamt. Sie sind abhängig von Kommunikationshelfern und von Begleitpersonen. Wir brauchen interessierte Menschen, die bereit sind, uns zu helfen", gebärdet Irmtraud Sieland.

Natürlich - bei Behörden- oder Amtsbesuchen kommen Taubblinde den Dolmetscher bezahlt, aber Taubblinde brauchen im Alltag fast immer Begleitung: bei Einkäufen, Veranstaltungen, Gottesdiensten. Von der geringen Erwerbsunfähigkeitsrente, die viele Taubblinde bekommen, könne man das nicht bezahlen, so Irmtraud Sieland. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind aktiver, als man vermuten könnte. Viele der 23 organisierten Taubblinden - unter ihnen vier Erfurter - treffen sich mindestens achtmal im Jahr: jeweils in Erfurt und in Mühlhausen. Zudem werden gemeinsam Ausflüge unternommen: Ein Wandertag ist für den 14. Juni geplant. Dann soll es durch den Erfurter Steiger gehen. "Interessierte sind herzlich eingeladen. Und wenn sie wissen möchten, wie es sich anfühlt, gehörlos und sehbehindert zu sein, halten wir Augenbinden und Gehörschutz bereit", erzählt Irmtraud Sieland.

Wenn man dann mit diesen Einschränkungen ein paar Schritte gemacht habe, könne man die Augenbinde wieder lüften und den Gehörschutz abnehmen. Die Taubblinden können das nicht. Vielmehr noch - bei vielen von ihnen verschlechtert sich der Gesundheitszustand. Die Sehkraft lässt immer mehr nach.

Wie zum Beispiel bei Martin Pfeßdorf, der jedoch nicht den Humor verloren hat. Er führe ein Leben fast wie Dracula, lässt er die Gebärdensprachdolmetscherin Bianca Prußat übersetzen. Dunkelheit umgebe ihn. Mit der Dunkelheit müsse er sich arrangieren.

Wer mit der Selbsthilfegruppe in Kontakt treten und seine Hilfe anbieten möchte, schreibt eine E-Mail an: irma­sieland@googlemail.

Der Internetauftritt der Selbsthilfegruppe

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