Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden

Klaus-Dieter Simmen
| Lesedauer: 4 Minuten
Judy Slivi in ihrer Ausstellung. Das Mitglied von Arbeit und Leben in Thüringen hat die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Thüringer Arbeiterbewegung erforscht.

Judy Slivi in ihrer Ausstellung. Das Mitglied von Arbeit und Leben in Thüringen hat die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Thüringer Arbeiterbewegung erforscht.

Foto: Klaus-Dieter Simmen

Gotha.  Judy Slivi hat die Geschichte von Jüdinnen und Juden in der Arbeiterbewegung erforscht. Im Gothaer Tivoli ist ihre Ausstellung zu sehen.

Seit dem 12. Oktober ist in der Gedenkstätte Tivoli die Ausstellung „Jüdinnen und Juden in der Arbeiterbewegung Thüringens“ zu sehen, die zuvor schon in anderen Thüringer Städten gezeigt wurde. Im 19. Jahrhundert begannen sich Juden wie auch die Arbeiterschaft zu emanzipieren. Sozial, kulturell und politisch benachteiligt, war es für viele Juden naheliegend, sich in der entstehenden Arbeiterbewegung zu organisieren. Die Ausstellung umfasst Biografien von Frauen und Männern mit jüdischen Wurzeln, die in Thüringen wirkten. Zusammengetragen hat sie die Gothaerin Judy Slivi. Wir sprachen mit ihr.

Was reizt Sie an diesem Thema?

Als ich mein Buch „Geschichte der Stadt Gotha 1918 bis 1933“ schrieb, bin ich schon einigen dieser Personen begegnet, wie zum Beispiel Fritz Noack. Während des Lockdowns habe ich diese Fakten zusammengetragen und Uwe Roßbach, dem Geschäftsführer von Arbeit und Leben in Thüringen zukommen lassen. Der fand das Thema wichtig, weil es neben Frühzeit und Holocaust auch zu „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ gehört.

Wie haben diese Menschen ihren Glauben und ihr Wirken für die Arbeiterklasse vereinbart?

Das ist das irreführende an dem Titel der Ausstellung. Die meisten Protagonisten haben ihren Glauben aufgegeben und sind Atheisten geworden. Was natürlich ihre Gegner nicht davon abhielt, ihre jüdischen Wurzeln zu nutzen, um sie zu diffamieren und antisemitisch anzufeinden.

Fritz Noack war da offenbar eine Ausnahme.

Richtig. Er blieb seinem Glauben treu. Und er war überzeugter Zionist. Diese Bewegung wollte in Palästina einen Nationalstaat errichten. Dementsprechend baute Noack in Thüringen eine zionistische Jugendorganisation auf. Er war ein aktiver sozialistischer Zionist. Damit blieb er aber die Ausnahme. Wobei dieses Feld in Thüringen noch wenig erforscht ist.

Wer war dieser Fritz Noack?

Ein in Berlin geborener Arzt, den es nach Gotha verschlagen hatte. Hier wirkte er als einziger jüdischer Kreisarzt in Thüringen. Allerdings war er deshalb in der Stadt schon Mitte der 20er Jahre heftigen Anfeindungen ausgesetzt. So verweigerten ihm beispielsweise Lehrer und Eltern von Schülern des Ernestinum Meldungen über ansteckende Krankheiten, weil er Jude war. Gleich nach der Machtübernahme der Nazis verlor er seinen Posten. Noack ging mit seiner Familie nach Palästina, als Jude und SPD-Mitglied wäre er wohl in Deutschland nicht lange in Freiheit geblieben. In Israel engagierte er sich als Arzt, nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat er sein Land bei der Weltgesundheitsorganisation.

Wer sich auf diese Art von Spurensuche begibt, trifft oftmals auf schillernde Persönlichkeiten wie Fritz Noack. Wer hat sie noch fasziniert?

Na ja, alle sind auf ihre Art besondere Menschen. Das will ich in meiner Ausstellung zeigen: Wie sie für ihre Überzeugungen eingetreten sind, wie sie dafür Nachteile hingenommen haben, ohne sich beirren zu lassen. Ich zeichne den Lebensweg von elf Sozialdemokraten und Kommunisten nach, weitere zwei oder drei Personen werden bis zum Jahresende nach dazu kommen.

Über die Arbeiterbewegung zu schreiben ist nicht einfach…

… weil das rasch mit der DDR in Verbindung gebracht wird. Aber das ist Quatsch. Keine der Personen in der Ausstellung hat jemals die DDR erlebt. Sie alle wurden zuvor entweder von den Nazis umgebracht, nahmen sich aus Verzweiflung das Leben oder wanderten, wie Noack, aus.

Schon in den 20er Jahren ging das Gespenst der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung um. Ist Ihnen das heute in der Ausstellung ebenfalls begegnet?

Ja, leider. In Arnstadt sagte mir ein Ausstellungsbesucher, dass es falsch gewesen sei von Hitler, die Juden zu vergasen. Es hätte ausgereicht sie aus Deutschland zu vertreiben. Das macht mich sprachlos. Aber es zeigt, wie wichtig es ist, sich mit diesem Teil jüdischer Geschichte in Thüringen auseinanderzusetzen.

Wird die Ausstellung von Vorträgen begleitet?

Am 21. Oktober halte ich einen Vortrag über Fritz Noack, am 27. Oktober gibt es einen Film über den Schriftsteller Jan Koplowitz zu sehen.