Jena. Der „Klang der Stolpersteine“ ruft am Abend des 9. Novembers auf die Jenaer Straßen: Erinnern, um der Zukunft willen. Wie sich die Jenaer Zivilbevölkerung engagiert.

Der „Klang der Stolpersteine“ ist ein Mahnmal aus Musik, das in diesem Jahr erstmals über Jenas Stadtgrenzen hinausklingt: der langjährige Stadtwerke-Chef Till Noack, der Jenaer Physik-Professor Gerhard Paulus und der Musiker Klaus Wegener haben das temporäre, dezentrale Klangdenkmal im Jahr 2017 erstmals initiiert. Ein Jahr zuvor waren Neonazis am 9. November durch Jena marschiert und verhöhnten so die Opfer der Pogromnacht von 1938, die den grausamen Startpunkt der systematischen Judenverfolgung im Nationalsozialismus markiert.

Die Initiatoren des Projekts bei der Verleihung des Sonderpreises für Zivilcourage: Physik-ProfessorGerhard Paulus (von rechts), Till Noack und der Musiker Klaus Wegener
Die Initiatoren des Projekts bei der Verleihung des Sonderpreises für Zivilcourage: Physik-ProfessorGerhard Paulus (von rechts), Till Noack und der Musiker Klaus Wegener © Thomas Stridde

Die drei engagierten Jenaer wollten den Rechtsextremen nie wieder am 9. November die Stadt überlassen. Sie wollten Orte mit einer musikalischen Botschaft des Friedens und der Versöhnung besetzen – eine Idee war geboren, die sich in den vergangenen Jahren zu einer politisch-künstlerischen Aktion der Jenaer Zivilgesellschaft entwickelte. Auch in Weimar, Bad Köstritz, Naumburg und sogar Rostock soll der „Klang der Stolpersteine“ am 9. November nun zu hören sein. Die Jenaer Gedenkaktion, die in diesem Jahr von der Stadt Jena mit dem Sonderpreis für Zivilcourage bedacht wurde, diente so als Vorbild für andere.

Die Zeit der Bewährung steht noch bevor

„Ich platze vor Stolz“, sagt Mitinitiator Till Noack dazu. Doch es gab deutliche Wünsche aus Jena an die Nachahmer: So soll auch in den vier anderen Städten etwa zeitgleich (18.15 Uhr) von allen Mitwirkenden das Lied „Dos Kelbel“ angestimmt werden. Das jüdische Lied erzählt von einem Kälbchen, das zur Schlachtbank gefahren wird und einer Schwalbe, die Pirouetten am Himmel dreht. Es spielt auf den Transport von Menschen in Konzentrationslager an. Eines jedoch sei besonders wichtig, sagt Till Noack. Es gehe nicht nur um die Vergangenheit, es gehe vor allem um die Zukunft. Es gehe darum, dass sich die Geschichte nicht wiederhole.

Als die Initiatoren der Gedenkaktion den Sonderpreis für Zivilcourage entgegennahmen, wies Gerhard Paulus auf den von Björn Höcke geführten AfD-Landesverband hin, den der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft hat. Er fürchte, so merkte Paulus an, dass der Sonderpreis zu früh komme, „weil uns die Zeit der Bewährung wohl erst noch bevorsteht“. Rasch könne „der Nazi aus Bornhagen“ (Höcke) in verantwortliche Position gelangen, „schlimmstenfalls Ministerpräsident werden“. Und weiter: „Weite Teile der Beamtenschaft, von der Universität bis zur Polizei, werden sich schnell mit denen arrangieren, die nun das Sagen haben – ganz gleich, ob die sich an Wort und Geist demokratischer Prinzipien oder rechtsstaatliche Normen halten...“

Gedenkort als Brücke zwischen damals und heute

Zum vierten Mal wird auch am Enver-Şimşek-Platz in Winzerla eine Station des dezentralen Klangdenkmals einladen.
Zum vierten Mal wird auch am Enver-Şimşek-Platz in Winzerla eine Station des dezentralen Klangdenkmals einladen. © Stefan Laudien

Das Versprechen „Nie wieder!“, das nach Kriegsende postuliert wurde, sehen die drei Initiatoren als gefährdet an. Gefährdet durch „reichlich 20 Prozent der Mitbürger“, die mit einer „rechtsextremen Partei sympathisieren“, ebenso wie mit den „Putins, Xis, Erdogans, Orbans und Trumps“, deren Bilanz „Krieg, abgeriegelte Metropolen, Zensur Korruption, Hyperinflation, Verrat und Peinlichkeit“ ist, so heißt es in der Ankündigungsbroschüre der Gedenkveranstaltung. Der „Klang der Stolpersteine“ müsse deshalb ein Projekt sein, das sich mit der Vergangenheit beschäftige, um der Zukunft willen, sagt Noack.

Ein Jenaer Gedenkort am 9. November schlägt die Brücke ins Jetzt besonders deutlich. Auch wenn im Neubaugebiet Winzerla naturgemäß keine Stolpersteine zu finden seien, so werde doch bereits zum vierten Mal – initiiert von Pastorin Friederike Costa und Markus Meß vom Winzerlaer Stadtteilbüro – am Enver-Şimşek-Platz der Opfer des NSU gedacht. Damit steht neben dem Gedenken der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus auch das Gedenken der muslimischen Opfer des NSU. Die Opfer der menschverachtenden Ideologie von vor 80 Jahren werden neben die Opfer von rechtem Terror gestellt, denen Anfang der 2000er-Jahre die gleiche hasserfüllten Gesinnung zum Verhängnis wurde. Am Enver-Şimşek-Platz werde die Gruppe „Samba Paradieso“ lautstark gegen menschenverachtendes Gedankengut antrommeln und StadtjugendpfarrerAndreas Simon trete ans Mikrofon, sagt Markus Meß.

Jenaer Schüler: „Grandiose Beteiligung“

Klang der Stolpersteine 2023: Der Schüler Benno Engelmann von der Universaale-Schule zeichnete im Rahmen des Schulprojekts, zum
Klang der Stolpersteine 2023: Der Schüler Benno Engelmann von der Universaale-Schule zeichnete im Rahmen des Schulprojekts, zum "Klang der Stolpersteine" dieses Bild. © Benno Engelmann

Bereits seit 2018 ist auch die Universaale-Schule am „Klang der Stolpersteine“ beteiligt. Die Geschichtslehrerin Anne Rudolph freut sich in diesem Jahr über die „grandiose Beteiligung“ ihrer Schüler aus der 11. Jahrgangsstufe. Jährlich stehe das Thema Erinnerungskultur auf dem Projektplan. Drei Stolpersteine würden die Schüler in diesem Jahr begleiten. Die Menschen, deren man an den Stolpersteinen in der Mittelstraße 44, der Otto-Schott-Straße 44 sowie dem Magdelstieg 67 gedenke, seien Opfer der Aktion T4, erklärt Anne Rudolph. Diese Bezeichnung werde für den systematischen Massenmord an Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1941 unter Leitung der Zentraldienststelle T4 verwendet. Die Universaale-Schüler werden eine auf der Biografie eines Opfers basierende Kurzgeschichte vortragen, ebenso ein Gedicht. In der Mittelstraße werde ein selbst gedrehter Film gezeigt und die Schülerband werde spielen.

Erstmals dabei sind auch Schüler des Angergymnasiums mit einer Theaterperformance an der Brücke am Gembdenbach, an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 2 in Jena-Ost. Lehrerin Miriam Husemann hat das Projekt initiiert und im Fach Darstellen und Gestalten mit Schülern der 12. Klasse umgesetzt. Im April 1945 sei belegbar mindestens eine Person unter der Brücke am Gembdenbach ermordet worden als der Todesmarsch durch Jena zog. Dieser Marsch gilt als das letzte große Verbrechen der NS-Herrschaft in Jena. Am 11. April 1945 trieben etwa 120 bewaffnete SS-Männer mehr als 4.000 Menschen aus dem KonzentrationslagerBuchenwald quer durch Jena. „Viele Zeitzeugen erinnern sich an das Klappern der Holzschuhe, die die Häftlinge trugen“, sagt Miriam Husemann. Die Schüler des Angergymnasiums haben aus Zeitzeugenberichten eine Performance entwickelt, außerdem werde es eine historische Einführung geben.

Zeitlicher Ablauf des dezentralen und zentralen Klangdenkmals

  • 17 Uhr: Laternenumzug durch das Damenviertel
  • 17.30 Uhr: Podcast-Walk vom Volkshaus zur Papiermühle mit DJ-Smoking Joe (Mindestalter 12 Jahre)
  • 17.45 Uhr: Kurzkonzerte und künstlerische Projekte an den Stolpersteinen und anderen historischen Orten in ganz Jena
  • 18.15 Uhr: Dos Kelbel erklingt
  • 18.30 Uhr: Treffen am Theatervorplatz und gemeinsamer Weg zum Westbahnhof
  • 19 Uhr: gemeinsame Gedenkveranstaltung des Jenaer Arbeitskreises Judentum und der Stadt Jena
  • 20 Uhr: Stiller Abschluss auf dem Marktplatz

www.klang-der-stolpersteine.de