Die genauen Todesumstände von Matthias Domaschk bleiben ein Rätsel

Erfurt/Jena/Gera  Matthias Domaschk starb 1981 unter ungeklärten Umständen in der Stasi-Untersuchungshaft in Gera. Die Arbeitsgruppe legt Ergebnisse zum Geschehen vor.

Das neugestaltete Ehrengrab von Matthias Domaschk auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Das neugestaltete Ehrengrab von Matthias Domaschk auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Foto: Thomas Beier/Archiv

Es bleiben Fragen offen: Das ist eines der Ergebnisse jener Arbeitsgruppe, die vier Jahre lang den rätselhaften Tod des DDR-Oppositionellen Matthias Domaschk in Stasi-Haft untersucht hat. Domaschk war am 12. April 1981 im Alter von 23 Jahren in Gera gestorben, nachdem ihn die DDR-Staatssicherheit festgenommen und stundenlang verhört hatte. Er war in der oppositionellen Gruppe der Jungen Gemeinde in Jena aktiv gewesen. Er hatte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und Kontakt zur Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ in Prag.

Die genauen Todesumstände des damals 23-Jährigen in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Gera sind bis heute nicht abschließend geklärt, wie sich jetzt bei der Vorstellung der wichtigsten Erkenntnisse in Erfurt zeigte: Mord oder Suizid? Letztlich bleibt eine eindeutige Antwort auch jetzt aus. Jedenfalls ist klar, dass es – wie immer es auch gewesen sein mag – nicht so gewesen sein kann, wie es damals von offizieller Seite dargestellt wurde.

Domaschks Tod hatte Anfang der 1980er Jahre in der Opposition nicht nur in Jena für tiefe Trauer gesorgt. Von Anfang an gab es die Vermutung, dass Domaschk im Stasi-Knast nicht den Freitod gewählt hatte. Erst nach dem Ende der SED-Diktatur konnten die erheblichen Zweifel an der angegebenen Todesursache angezeigt und öffentlich gemacht werden. Allerdings waren Anfang der 1990er Jahre Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Auch dies hatte allerdings nicht den Verdacht ausgeräumt, dass der Tod von Matthias Domaschk entweder gewaltsam herbeigeführt oder billigend in Kauf genommen worden war durch die Stasi in Gera.

Es sollte bis in den März 2015 dauern, ehe landesseitig dem Thema ein besonderes Augenmerk zukam: Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatte kurz nach Beginn der rot-rot-grünen Koalition die neue Arbeitsgruppe eingerichtet – auch, um das Aufarbeitungsversprechen aus dem Koalitionsvertrag einzulösen. Zudem hatte die einstige Lebensgefährtin Domaschks, Renate Ellmenreich, Ramelow gebeten, den Todesfall erneut untersuchen zu lassen. Sie und Domaschk haben eine gemeinsame Tochter: Julia.

Gemeinsam und unter anderem mit Hilfe des Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ sowie der BStU-Außenstelle Gera, von Rechtsmedizinern, Kriminaltechnikern und Zeitzeugen machte es sich die Arbeitsgruppe zur Aufgabe, Widersprüche zu klären. Es zeigen sich die Grenzen der Wahrheitsfindung, die Mauern des Schweigens sowie Hoffnungen und Enttäuschungen auf dem Weg der Klärung. Einen tiefen Einschnitt stellte für die Gruppe zudem der Tod von Peter „Blase“ Rösch im Jahr 2017 dar. Er war ein Freund von Matthias Domaschk und Arbeitsgruppenmitglied.

Wie sich all dies auf die Arbeitsgruppe auswirkte und welche Ergebnisse erzielt werden konnten, das hatten die Filmemacher Tom Franke und der Historiker Henning Pietzsch im Blick; sie begleiteten die Arbeit und haben in einem jetzt vorgestellten Film und einer Publikation die Ergebnisse zusammenfassend dokumentiert.

Domaschks Leben und Tod ist inzwischen auch künstlerisch bearbeitet worden.

Bei der gestrigen Präsentation der Arbeitsergebnisse wurden daher zwei Titel aus dem Musiktheaterstück „Das verlorene Leben des Matthias D.“ von Jochen Wich vorgetragen. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe werfen Fragen auf. Und es bleibt abzuwarten, wie diese Erkenntnisse nun in der Bildungsarbeit im Freistaat Thüringen eingesetzt werden.

Ebenfalls von Belang ist – bald 40 Jahre nach dem Tod von Matthias Domaschk und kurz vor der 30 Jahre zurückliegenden Friedlichen Revolution – wie die DDR-Aufarbeitung in der nächsten Legislaturperiode aussehen könnte.

Denn als abgeschlossen betrachtet werden kann sie nach allem, was offen ist, noch lange nicht. Darüber waren sich die Beteiligten der gestrigen Veranstaltung im Erfurter Stasi-Unterlagen-Archiv auf dem Petersberg klar.

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