Jena „stinksauer“ wegen Plan für Impfzentren

Jena.  Dezernent Hertzsch ist entsetzt: Das Land will den Corona-Impfstoff in Praxen und nicht in Hallen spritzen lassen.

Eberhard Hertzsch, Jenas Sozial- und Gesundheitsdezernent.

Eberhard Hertzsch, Jenas Sozial- und Gesundheitsdezernent.

Foto: Stridde

Ein Impfzentrum für die Stadt, um auch die Jenaer mit dem Schutz gegen Corona auszustatten? Sozial- und Gesundheitsdezernent Eberhard Hertzsch (parteilos) mochte am Dienstag auf Anfrage der Zeitung seinen Unmut in keiner Weise verstecken. „Ich bin stinksauer“, sagte er in Richtung Landesregierung und deren Vorbereitung der Kampagne. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Bundesgesundheitsminister hat für Mitte Dezember den Beginn der Corona-Impfung in Aussicht gestellt

Schließlich hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für Mitte Dezember den Beginn der Corona-Impfung für Deutschland in Aussicht gestellt. Die Vorgehensweise des Freistaats findet Hertzsch „mehr als erstaunlich“, was heißen soll: „Offiziell wissen wir als Stadt gar nichts zu diesem Thema.“

Silke Fließ, Sprecherin des Thüringer Sozial- und Gesundheitsministeriums, hatte gegenüber der Zeitung bestätigt, dass der Freistaat die Kampagne „auf Hochtouren“ gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) vorantreibe. Angelehnt an die Struktur der Abstrichstellen solle es in Thüringen 29 Impfzentren geben (bei 23 Landkreisen und kreisfreien Städten) und zehn mobile Teams etwa für Pflegeheime. Man setze bewusst nicht auf große Hallen wie in anderen Bundesländern, sondern auf „wohnortnah verteilte“ kleinere Anlaufpunkte. Die KV kalkuliere je Impfstelle mit einem Arzt, zwei nichtärztlichen Fachkräften und einer Person für den Empfang. Auf den Aufruf der KV unter der Ärzteschaft zur Unterstützung dieser Struktur gebe es „einen ganz guten Rücklauf“, sagte Silke Fließ. Nach ersten Berechnungen könnten bei achtstündiger Öffnung einer Impfstelle pro Woche 29.000 Menschen geimpft werden. Da die Anlieferung des Impfstoffes in Mehrfachdosenbehältern erfolge, könne anfangs nur nach Terminvergabe gespritzt werden.

UKJ kann täglich 2000 Menschen impfen

Inoffiziell hatte Dezernent Hertzsch, wie er berichtete, schon eine Ahnung von den Plänen: Vor Wochen sei die Stadt von der KV angesprochen worden wegen der Anmietung einer Arztpraxis zur Einrichtung einer Fiebersprechstunde, um Hausärzte von Covid-19-Patienten zu entlasten. Dabei fiel auch die Frage an die Stadt, ob sie eines der Impfzentren einrichten wolle. Nach Rücksprache mit dem Krisenstab der Stadt, so berichtete Eberhard Hertzsch, habe er Unterstützung zugesagt. Am gestrigen Dienstag sei ihm von dem KV-Vertreter „zu meinem Entsetzen“ nun telefonisch mitgeteilt worden, dass eine der beiden von der Stadt angebotenen Praxen (drei Räume in Neulobeda) als Impfzentrum vorgesehen sei. Das betrachtet der Dezernent als „so nicht umsetzbar“ für Jena. Wolle sich auch nur die Hälfte der Einwohnerschaft impfen lassen, müsse man mit 55.000 Menschen rechnen.

Eberhard Hertzsch bittet nun das Ministerium, die Planungen für Jena zu überdenken. So biete etwa der Regionalverband des DRK eingespielte Logistik für solche Aufgaben. Und das Uni-Klinikum Jena (UKJ) sei nach eigenen Aussagen in der Lage, täglich bis zu 2000 Menschen zu impfen.

UKJ wie DRK bestätigten auf Anfrage der Zeitung, bislang vom Freistaat in keiner Weise in die Planungen einbezogen worden zu sein. DRK-Kreis-Chef Peter Schreiber gab sich überzeugt: „So etwas geht nur in großen Hallen.“ Und Alexander Humbsch, Leiter der Jenaer KV-Regionalstelle, berichtete, dass er und seine Thüringer Amtskollegen für den 2. Dezember zu einer Konferenz in Sachen Impfzentrum eingeladen seien. Ja, richtig, die Abfrage unter Arztkollegen zur Bereitschaft der Mitarbeit in Impfzentren laufe bereits, sagte Humbsch. „Das wird extrem fürstlich bezahlt.“

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