Jenaer Reproduktionsmediziner kritisieren Zwei-Klassen-Medizin in der Kinderwunschbehandlung

Jenaer  Mehr als ein Drittel der Menschen zwischen 25 und 59 Jahren haben nach Angaben des Bundesfamilienministeriums einen unerfüllten Kinderwunsch. Gesetzlich Versicherte werden teils unnötigen Strapazen ausgesetzt.

In einem Zentrum für Reproduktionsmedizin werden bei einer Patientin Eizellen für eine künstliche Befruchtung entnommen.

In einem Zentrum für Reproduktionsmedizin werden bei einer Patientin Eizellen für eine künstliche Befruchtung entnommen.

Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Die Jenaer Reproduktionsmediziner Heidi und Andreas Fritzsche kritisieren eine Zwei-Klassen-Medizin in der Kinderwunschbehandlung: Bei gesetzlich versicherten Patientinnen würden – vorausgesetzt, sie sind verheiratet – seit 2004 nur noch maximal drei Behandlungen zur künstlichen Befruchtung zur Hälfte von den Kassen finanziert. Bei Privatpatienten hingegen übernehme die Krankenversicherung in der Regel die vollen Kosten für diese Behandlungen und auch für die sogenannte Kryokonservierung.

Dabei werden befruchtete Eizellen im sogenannten Vorkernstadium schockgefroren, bei minus 196 Grad Celsius gelagert und später zu einem geeigneten Zeitpunkt aufgetaut und weiterentwickelt. Vorteil dieser Methode: Der Patientin bleiben die Strapazen, die mit einem klassischen Versuch verbunden sind, erspart. Weder muss die Reifung von Eizellen hormonell stimuliert werden noch unter Narkose die Entnahme von Eizellen erfolgen.

„Es braucht dann nur noch ganz wenige Medikamente“, sagt Andreas Fritzsche, der die seit 1993 bestehende Praxis zu Jahresbeginn von seiner Mutter übernommen hat. Die Kosten für die Medikamente im sogenannten Kryozyklus beziffert der Gynäkologe „auf maximal 90 Euro“. Könne sich ein Paar, das gesetzlich versichert sei, die Kryokonservierung als Selbstzahler nicht leisten, blieben ihm nur die regulären drei Versuche.

„Das bedeutet für die Paare großen Druck“, sagt Heidi Fritzsche, jüngst vom „Focus“ zum fünften Mal in die Liste der Top-Mediziner aufgenommen. Allein schon das Wissen darum, dass es nur drei von den Kassen mitfinanzierte Versuche gebe, versetze die Patienten in Panik. Das wirke wie eine Sperre im Kopf, die sich negativ auf die Einnistung einer außerhalb des Körpers befruchteten Eizelle auswirken könne.

Ein klassischer Versuch, bei dem die Reifung von Eizellen durch Hormone stimuliert werde, sei vor allem für die Frauen eine große körperliche Belastung, sagt Heidi Fritzsche: „Die Frau muss sich 12 bis 14 Tage lang täglich Hormone spritzen und währenddessen immer darauf achten, dass sie sich die Spritze pünktlich verabreicht. Dann folgt unter Narkose die Punktion.“ Hinzu komme, dass viele Patientinnen nicht wünschen, dass ihr Arbeitgeber und ihre Kollegen etwas von der Behandlung mitbekommen, was den psychischen Druck noch verstärkt. Deshalb sei es „ungerecht“, dass nicht alle Paare die Möglichkeit der Kryokonservierung nutzen können. Nicht nur, weil Studien gezeigt hätten, dass die „Babys aus dem Eis“ genauso gesund seien wie auf natürlichem Weg gezeugte Kinder.

Das Verfahren sei in den vergangenen vier bis fünf Jahren auch durch die verbesserte Technik und mehr Knowhow erfolgreicher worden: „In unserer Praxis liegt die Schwangerschaftsrate bei Befruchtungen außerhalb des Mutterleibs bei 40 bis 45 Prozent pro Übertragung“, sagt Andreas Fritzsche. „Das heißt, pro Übertragung liegt die Chance der Frau, schwanger zu werden, bei 40 bis 45 Prozent.“ Damit liege die Rate sogar noch etwa 10 Prozent über dem deutschen IVF-Register (IVF = Befruchtung im Glas). Je mehr ein Paar die vorhandenen Möglichkeiten nutzen könne, umso größer sei auch die Chance auf eine Schwangerschaft.

Dass die gesetzlichen Kassen den Patientinnen nach einem erfolglosen Versuch die körperlichen Strapazen nicht ersparen, indem bei der nächsten Behandlung eingefrorene Eizellen genutzt werden, „macht keinen Sinn“, sagt Andreas Fritzsche. Nicht zu erklären sei auch, dass bei einer Patientin, bei der es infolge der Hormonstimulation zur Reifung ungewöhnlich vieler Eizellen gekommen ist und dadurch in höchste Gefahr gerät, der Versuch komplett abgebrochen werden müsse. „Das heißt, es ist nicht möglich, ihr die Eizellen zu entnehmen und sie erst dann zu übertragen, wenn es der Frau wieder gut geht“, erklärt Andreas Fritzsche. „Stimulation, Entnahme und Wieder einsetzen – das darf aus Sicht der Kassen nicht getrennt werden.“ Stattdessen werde der betroffenen Patientin ein Neustart zugemutet – mit demselben Risiko einer unkontrollierbaren Überreaktion.

Der Unterstellung, sie wollten mit der Kryokonservierung doch nur Geld verdienen, treten die beiden Jenaer Reproduktionsmediziner entschieden entgegen. Aus ärztlicher Sicht sei es einfach unethisch und nicht nachvollziehbar, weshalb Patienten neuerlich eine körperlich belastende Behandlung zugemutet werde, wenn es doch eine Alternative gebe. Zumal sich durch das Einfrieren auch die Chancen von Patientinnen, die sich nach einem erfolgreichen Versuch nach ein paar Jahren ein zweites Kind wünschen, verbessern. Denn während durch die natürliche Alterung die Zahl und Qualität der Eizellen abnimmt, bleibe die Qualität der eingefrorenen Zellen jahrelang gleich. „Die Medizin ist viel schneller als die Rechtsprechung, die Verwaltung und die Politik“, findet Heidi Fritzsche.

Die renommierte Reproduktionsmedizinerin befürchtet, dass sie es in ihrem Berufsleben nicht mehr erleben wird, dass Kryo-Versuche eine normale Kassenleistung werden. Und dass sich – gerade weil die Gesetzgebung in Deutschland hinterherhinke – weiterhin vieles in Grauzonen abspiele: So vermittle der Verein Netzwerk Embryonenspende Deutschland ungenutzte Eizellen als Spende an Paare, bei denen keine intakten eigenen Eizellen gewonnen werden können. In Strafprozessen seien die Spenden-Vermittler bisher stets freigesprochen worden…

Hintergrund: Jedes zehnte Paar braucht ärztliche Hilfe beim Kinderkriegen

Mehr als ein Drittel der Menschen zwischen 25 und 59 Jahren haben nach Angaben des Bundesfamilienministeriums einen unerfüllten Kinderwunsch. Nahezu jedes zehnte Paar ist demzufolge auf reproduktionsmedizinische Unterstützung angewiesen, um Nachwuchs zu bekommen.

Der Bund und neun Bundesländer – unter ihnen Thüringen – gewähren Ehepaaren, die sich zur Erfüllung ihres Kinderwunsches einer Behandlung nach Art der In-vitro-Fertilisation (IVF) oder der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) unterziehen, ab sofort im ersten bis vierten Behandlungszyklus einen Zuschuss von 50 Prozent des Eigenanteils. Bislang mussten betroffene Paare, die gesetzlich versichert sind, den vierten Versuch komplett selbst zahlen.

Auch Paare, die nicht verheiratet sind, erhalten in den beteiligten Bundesländern höhere staatliche Zuschüsse – nämlich bis zu 12,5 Prozent für die erste und dritte Behandlung und bis zu 25 Prozent für die vierte Behandlung.

Die Kosten für die Kinderwunschbehandlung lassen sich auch absetzen. Sie gelten als außergewöhnliche Belastung. Alle Kosten rund um die Behandlung – dazu zählen auch die für Medikamente sowie die Fahrten zum Frauenarzt oder dem Kinderwunschzentrum – können steuerlich geltend gemacht werden.

Anträge zur finanziellen Förderung der Kinderwunschbehandlung nimmt in Thüringen seit Januar die Stiftung Hand in Hand entgegen: Telefon (0361) 44 20 123 oder kinderwunsch@ts-handinhand.de .

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