Medizinstudenten aus Jena üben mit Schauspielpatienten Arztgespräche

Mit Schauspielpatienten lernen Medizinstudenten in Jena, wie Ärzte mit Patienten reden sollten.

Beim Anamnese-Grundkurs für Medizinstudenten mimt Maria Geldner (l.) im Gespräch mit Tonia Rocktäschel eine Kranke. Die 22-Jährige studiert selbst im vierten Jahr Medizin und weiß, wie wichtig das Training von Arzt-Patienten-Gesprächen ist. Foto: Peter Michaelis

Beim Anamnese-Grundkurs für Medizinstudenten mimt Maria Geldner (l.) im Gespräch mit Tonia Rocktäschel eine Kranke. Die 22-Jährige studiert selbst im vierten Jahr Medizin und weiß, wie wichtig das Training von Arzt-Patienten-Gesprächen ist. Foto: Peter Michaelis

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Jena. Frau Bellmann ist auf hundertachtzig. Kaum hat der Arzt die Tür zum Sprechzimmer geöffnet, um sie hereinzurufen, stürmt sie an ihm vorbei zum Schreibtisch: "Das ist ja wohl nicht die Möglichkeit", schimpft sie wie ein Rohrspatz. "Warum haben Sie mich so lange warten lassen?"

Es ist eine Szene, wie sie sich jeden Tag in Deutschland abspielen kann - und wahrscheinlich auch hundertfach abspielt. Doch wir befinden uns nicht in einem Sprechzimmer, sondern in einem Seminarraum der Jenaer Uni. Mitten in einer Probe für den Ernstfall. Denn Frau Bellmann, die gerade einen so wortgewaltigen Auftritt hingelegt hat, ist gar nicht Frau Bellmann, sondern eine Schauspielpatientin. Eine junge Frau, die die Rolle der Kranken nur mimt, damit angehende Ärzte das richtige Kommunizieren mit den Patienten lernen können. Mithin etwas, für das im Studium oft zu wenig Zeit bleibt, das aber enorm wichtig ist, um später im Gespräch wirklich zum Kern einer Erkrankung vordringen, die richtige Diagnose stellen und die entsprechende Therapie verordnen zu können.

Frau Bellmann hat sich inzwischen etwas beruhigt. Der Medizinstudent, der ihr gegenüber sitzt, hat ihr freundlich erklärt, dass er ihren Ärger durchaus verstehen kann, sich längere Wartezeiten aber oft nicht vermeiden lassen, weil natürlich dringliche Notfälle Vorrang haben. Aufmerksam verfolgen Kommilitonen seines Kurses das Gespräch. Sie registrieren, dass es offensichtlich richtig war, nicht auf Frau Bellmanns Ton einzugehen, denn das hätte die Situation nur zugespitzt. Im Laufe des Gesprächs stellt sich dann heraus, dass Frau Bellmann unter Kopfschmerzen leidet -stressbedingten Spannungskopfschmerzen.

In der Mehrzahl sind es ältere Damen

Die Medizinstudenten sind im dritten Semester, wenn sie im Fach Medizinische Psychologie zum ersten Mal auf Schauspielpatienten treffen. "Im Pflegepraktikum haben sie es zwar auch schon mit echten Patienten zu tun, da ergeben sich aber noch keine Arzt-Patienten-Gespräche, um die es uns hier geht", sagt Dr. Swetlana Philipp vom Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie.

Philipp bildet seit zehn Jahren - so lange gibt es diese Form des Trainings in Jena schon - Schauspielpatienten aus. 70 bis 80 mögen es bisher insgesamt gewesen sein, etwa zwei Dutzend benötigt sie pro Semester. Einige von ihnen sind selbst Medizinstudenten, die sich im Rahmen eines Wahlfachs dazu entschließen, in die Rolle von Kranken zu schlüpfen, andere sind Rentnerinnen und Rentner, die Interesse an medizinischen und Gesundheits-Themen haben und es spannend finden, an der Ausbildung künftiger Ärzte teilzuhaben.

"Es sind in der Mehrzahl ältere Damen, selten Männer, die durch Mundpropaganda davon erfahren, dass wir Schauspielpatienten suchen", erklärt Dr. Philipp. "Es macht ihnen Freude, etwas Neues zu lernen, mit jungen Leuten zu tun zu haben und in gewisser Weise auch ihren Tag dadurch zu strukturieren, dass sie vor den Studenten auftreten. Außerdem sind sie zeitlich meist sehr flexibel." Allerdings achtet Dr. Philipp bei der Ausbildung darauf, dass das Krankheitsbild, für das die Schauspielpatienten jeweils stehen, möglichst nichts mit ihnen persönlich zu tun hat, "weil das emotional zu belastend wäre".

In der Schulung, die etwa vier Stunden dauert und genauso wie der eigentliche "Auftritt" mit zwölf Euro pro Stunde vergütet wird, erarbeiten die Psychologin und die Schützlinge miteinander die Eckdaten jedes Falls, eine Art Legende. Die Rolle umfasst sowohl die körperlichen und psychischen Symptome und die Krankengeschichte als auch das Anliegen des Patienten im ärztlichen Gespräch und Persönlichkeitsmerkmale. Die Schauspielpatienten müssen schließlich glaubhaft verkörpern, dass sie unter diesen oder jenen Beschwerden leiden - und sie sollen auch lernen, den angehenden Ärzten nach dem Gespräch eine Rückmeldung zu geben.

Ihnen zu sagen, wie sie welche Frage oder Bemerkung empfunden haben, welchen Eindruck der Medizinstudent auf sie gemacht hat. Dr. Swetlana Philipp: "Das ist anfangs gar nicht so einfach: Die Schauspielpatienten müssen ja in ihrer Rolle bleiben und sich gleichzeitig merken, wie sie die Gesprächsführung fanden. Aber das klappt in der Regel erstaunlich schnell."

Ein Gespräch dauert zwischen zehn und 30 Minuten - mehr, als später im richtigen Alltag Zeit sein wird. "Das ist uns schon klar, dass wir hier nicht so viel Zeitdruck haben", sagt Dr. Philipp. "Aber wir üben die Gesprächsführung ja schließlich, und die Studenten sollen lernen, so genau wie möglich zu fragen." Denn das könne dem Patienten sogar unnötige Untersuchungen ersparen, vom finanziellen Aspekt gar nicht zu reden. "Hier bin ich ein Fan von Langsamkeit."

Doch nicht nur die Studenten bekommen ein Feedback für ihre Leistung von den Schauspielpatienten, den Kommilitonen und der Dozentin, auch mit den "Simulanten" spricht Dr. Swetlana Philipp im Anschluss. Sie sollen Gelegenheit haben, ihre Eindrücke zu schildern und so ihre Arbeit auch abzuschließen. Dr. Philipp weiß, dass einige Schauspielpatienten vor ihrem ersten "Auftritt" ein bisschen aufgeregt sind, "oft ein Kribbeln da ist", sie ihre Aufgabe aber dann sehr gut meistern. Und sie weiß auch, dass die Medizinstudenten das Training sehr sinnvoll finden und zu schätzen wissen, dass sie Zeit für die Gespräche mit den Patienten haben. Zumal die Anforderungen während des Trainings steigen: vom normalen Anamnese-Gespräch bis zum Überbringen einer Todesnachricht oder der Mitteilung, dass der Patient lebensbedrohlich erkrankt ist.

Frau Stiller gibt fast nichts von sich preis

Auch Maria Geldner, die jetzt im siebten Semester Medizin studiert, haben die Übungsgespräche mit Schauspielpatienten gut gefallen. So gut, dass sie sich entschloss, selbst eine "ausgebildete Kranke" zu werden und verschiedene Rollen einzustudieren. Eine davon ist die Frau Bellmann, die Frau, die gleich losbellt, wenn ihr etwas nicht passt. Die andere - Nomen est omen - ist Frau Stiller. Eine Patientin, "der man alles aus der Nase ziehen muss", wie Maria lachend erklärt. Der Arzt muss sie sehr eingehend und behutsam befragen, um zu erfahren, dass auch sie an Kopfschmerzen leidet.

Maria Geldner macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Rolle der Frau Bellmann mehr liegt - und sie schon manchen Studenten mächtig erschreckt hat, wenn sie als Frau Bellmann wütend ins Zimmer schoss. Die 22-Jährige aus Gera, die Hausärztin oder Internistin werden will, hat bereits in der Schule gern Theater gespielt und kein Problem damit, sich eine Bühne zu erobern - selbst wenn diese nur ein Seminarraum ist. "Schauspielpatient zu sein, das bringt mir sehr viel", sagt sie. "Man wird viel empathischer, wenn man auch selbst in der Patientenrolle ist." Maria Geldner findet es gut, dass das Thema Kommunikation nicht nur theoretisch abgehandelt, sondern geübt wird. Das Training helfe, sich auf verschiedene Persönlichkeiten einzustellen - etwa den Vielredner oder Charaktere wie Frau Stiller -, aber beispielsweise auch auf interkulturelle Aspekte. Dr. Swetlana Philipp: "Bei einer russischen Patientin kann es zum Beispiel passieren, dass sie als erstes einen Kasten Pralinen auf den Tisch stellt. In Russland ist das ganz normal und hat auch nichts mit Bestechung zu tun. Jeder ist eben anders sozialisiert."

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