Der Bau des Erfurter Stadions, ein Balanceakt

Die Mitteldeutsche Kampfbahn 1927-1931: Finanzielle Probleme, Billigarbeitskräfte und zwei streitende Sportverbände zur Weihe

Aussagekräftig: Leere Stellplätze der Arbeitersportler und leere Ränge. Die Eröffnung der Mitteldeutschen
Kampfbahn war insgesamt eine Blamage. Foto: Stadtarchiv

Aussagekräftig: Leere Stellplätze der Arbeitersportler und leere Ränge. Die Eröffnung der Mitteldeutschen Kampfbahn war insgesamt eine Blamage. Foto: Stadtarchiv

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VON RENÉ RÖDER

Erfurt. Die Vorfreude war riesig am 17. Mai 1931, der Einweihung der Mitteldeutschen Kampfbahn. Erfurt hatte nun endlich ein Stadion und zudem eines der größten und modernsten in Mitteldeutschland in jener Zeit. Dass diese Arena mehr für Großaufmärsche als für den Sport herhalten würde, war damals noch nicht klar.

Heimstätte für eine der ambitionierten Fußballmannschaften wie die Gauligisten S.C. Erfurt 95, V.f.B. oder Schwarz-Weiß wurde der riesige Komplex dennoch bis zum Zweiten Weltkrieg nie. Im Stadion fanden Turnfeste, Reiterspiele und Leichtathletikveranstaltungen statt, nur vereinzelt Fußballspiele. Mit Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 folgten Aufmärsche und Fackelzüge.

Vom gigantischen Plan blieb nur das Stadion

Die Weltwirtschaftskrise und später der Krieg verhinderten einen weit gigantischeren Komplex. Geplant war zunächst ein 33 Hektar großes Areal mit weiteren Sportstätten sowie einer Stadthalle mit Kongresszentrum und mehreren Ausstellungshallen. Der eigentliche Entwurf existierte schon 1925. Prof. Alfred Overmann erwähnt ihn in seinem Buch: Erfurt in Zwölf Jahrhunderten im Jahr 1929 detailliert.

Demnach sah die städteplanerische Idee eine gewaltige gartenarchitektonisch gestaltete Anlage vor, die begrenzt im Westen von den prachtvollen baumbestandenen Arnstädter Straße und im Osten vom Südfriedhof, einmal zum Park umgestaltet werden soll. Dem als Gesamtkunstwerk angedachten Sport- und Kulturzentrum anschließen sollte sich die Stadthalle, die auch Sportzwecken dienen soll und fortlaufend weitere Sport- und Ausstellungshallen, Plätze, Terrassen, Gartenanlagen. Laut Overmann solle damit das Projekt war 1929 in vollem Umfang aktuell Erfurt einen Komplex erhalten, der Erfurt als zentraler Stadt Deutschlands würdig ist.

48 000 Tagwerke von Arbeitslosen

Übrig blieb der Bau der Mitteldeutschen Kampfbahn, die von Johannes Klass entworfen und von der Firma Kernchen & Co. ab 1927 umgesetzt wurde. Möglich wurde dies maßgeblich durch den Einsatz von Arbeitslosen. Als bereitgestellte Mittel der produktiven Erwerbslosenfürsorge drückten sie die Kosten. Mit der Ende 1929 beginnenden Inflation wäre die Fortsetzung der Arbeiten dennoch fast nicht möglich gewesen. In Erfurt stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise von 6538 (1929) auf 20 000 (1932). Arbeitslosenunterstützung gab es nur selten. Oft buddelten Freiwillige nach langen Wartezeiten für ein paar Pfennige. Die Thüringische Landeszeitung berichtete am 10. Mai 1931: Der Fortgang der Arbeiten erfolgte nicht immer absichtsmäßig. Es gab, begründet durch die immer fühlbar werdende Notlage der Gemeinden, manche Auseinandersetzung über die Vollendung des einmal begonnenen Werks. Stadthalle, Turnräume, Tribüne usw. harren noch ihrer Inangriffnahme. Dafür wird in absehbarer Zeit kein Geld vorhanden sein.

Erfurts Oberbürgermeister Dr. Bruno Mann nannte in seiner Einweihungsrede am 17. Mai 1931: Die Hauptarbeit bei der Herrichtung der Kampfbahn, deren Innenfläche 24 000 Quadratmeter umfaßt und rund 35 000 Zuschauern Platz bietet, entfällt auf Erdarbeiten und diese sind besonders geeignet für die Beschäftigung Erwerbsloser. Die Herrichtung des Geländes erforderte die Bewegung von 85 000 Kubikmeter Boden mit Nebenarbeiten rund 48 000 Tagwerke und gab damit umgerechnet 160 erwerbslosen Arbeitern ein Jahr lang lohnende Beschäftigung , so der OB.

Wohl kaum einer der billigen Zeitarbeiter wird ein Jahr lang durchweg beschäftigt gewesen sein. Insgesamt bezifferte Mann die Kosten so: Die Stadt buchte rund 500 000 Reichsmark. Kosten von denen rund 300 000 RM. auf Löhne entfallen. Die Hauptsumme wurde anleihemäßig beschafft. Ein nennenswerter Betrag wurde der Stadt jedoch aus Mitteln der produktiven Arbeitslosenfürsorge zurückvergütet.

Die zweigeteilte Weihe der Kampfbahn

Der Andrang war riesig am 17. Mai 1931, einem sonnigen und enorm heißen Sonntag. Endlich konnte an der Daberstedter Schanze die Stadionweihe der Mitteldeutschen Kampfbahn erfolgen. Im Vorfeld und bei der Feier ging es aber nicht gerade feierlich zu.

Es gab damals in politischen Umbruchzeiten zwei Sportverbände, die nicht gerade zimperlich miteinander umgingen. Die Arbeitersportbewegung, die vornehmlich Kommunisten und Sozialdemokraten vereinte, und die bürgerliche Sportbewegung, die auch von den Nationalsozialisten geprägt wurde. Ab 1933 wurde der Rote Sport verboten und die Sportbewegung ideologisch gleichgeschaltet, rigoros von Kommunisten und Juden bereinigt. 1931 waren die Arbeitersportler aber noch stark und auch zahlenmäßig bedeutend.

In seinen Erinnerungen an die Eröffnung schilderte Kurt Büschel 1991, 60 Jahre nach der Einweihung, dem Erfurter Stadtsportbund in einem Brief die besonderen Umstände. Wir mussten die Einweihung vormittags durchführen, und die Bürgerlichen konnten sie am Nachmittag vollziehen. Büschel war Mitglied des Kartells für Arbeitersport und Körperpflege . Er und seine Sportfreunde feierten von 8 Uhr bis 13 Uhr im Stadion. Die Allgemeine Thüringer Zeitung am 18. Mai 1931 beobachtet: Zwar nicht so geschlossen und diszipliniert wie die der bürgerlichen Turn- und Sportvereine, aber immerhin sehr wirkungsvoll präsentierte sich das Arbeiterkartell . 450 Turner führten gymnastische Übungen durch, 100 Radler zeigten einen Riesenreigen, beides befremdlicherweise fast ohne musikalische Begleitung , so die Zeitung.

Durch ihre unfreiwillige vormittägliche Feier können die Arbeitersportler allerdings auch das allererste Fußballspiel im Stadion verbuchen. Eine Wiener Arbeiterauswahl besiegte eine Erfurter Stadtauswahl mit 4:1. Das Endergebnis stand schon zur Halbzeit fest. Danach sang noch ein riesiger Massenchor unterstützt vom Arbeiterspielmannszug und einem Orchester zwei Lieder und die über 1000 Sportler und ihre Anhänger verließen noch vor der offiziellen Weihe aus Protest das Stadion.

In einem Leserbrief in der Mitteldeutschen Zeitung vom 23. Mai 1931 mokierte sich ein Leser: Es scheint bei der ganzen Programmeinteilung eine sehr große Rücksicht auf das sogenannte Arbeitersportkartell vorgeherrscht zu haben, zum Dank dafür rückten die roten Sportler am Mittag ab und blieben der Weihe fern. Der Schock bei den Organisatoren war groß. Die abgesteckten Spaliere für die Arbeitervereine blieben zur Weihe frei und auch das Stadion war plötzlich halb leer.

Die Weihe im Radio

Erfurt hat ein Stadion! eröffnete der Rundfunkreporter des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig um 14 Uhr seine 40-minütige Direktübertragung aus Erfurt. Kurz darauf ertönte das Weihelied von Mozart und 800 Kehlen des Thüringer Sängerbundes sangen unterstützt vom Erfurter Orchester freistehender Musiker unter Leitung von Prof. R. Schneider das alte Wanderlied Grünet die Hoffnung von Jakob Kremberg. Danach weihte Erfurts Oberbürgermeister Dr. Bruno Mann die Mitteldeutsche Kampfbahn mit einer kurzen Rede und einem abschließend von 8000 Besuchern und knapp 5000 Sportlern intonierten dreifachen Hoch.

Zuvor waren 3000 Sportler aus 70 Erfurter Vereinen und über 2000 Kindern aus 25 Schulen Erfurts unter Leitung von Oberturnlehrer Hering in einem Aufmarsch der Vereine in das Stadionoval geströmt. Die Thüringer Allgemeine Zeitung berichtete am 18. Mai 1931 ganzseitig auf Seite 3: Fast alle Vereine waren vertreten. Hell leuchtete das Gelb, und Rot der Turner und Turnerinnen, das helle Rot der Reiter, das Dunkelgrün der Schützen und vermischte sich mit dem Weiß und Schwarz der Sportkleidung und dem satten Grün des Rasens. Das neue Stadion, wurde auch in der Thüringischen Landeszeitung gefeiert: Ein Jahrhundertbauwerk, das Erfurt Impulse verleihen wird...

Wenig Interesse der Erfurter am neuen Stadion

Jenseits der straff durchorganisierten Rundfunk-Übertragung ging es vor allem durch die vielen Kinder im Innenraum teilweise sehr ungeordnet zu, was später kritisiert wurde. Noch mehr sorgte aber bei der Erfurter Zeitungsleserschaft die angegebene Zuschauerzahl für Entrüstung. Leser er in der Mitteldeutschen Zeitung am 25. Mai 1931: Beim Betreten des Platzes überlief es mich kalt, als ich den größeren Teil der Zuschauerränge leer fand.

Die Zeitung hakte nach: In vielen Zuschriften, die wir nicht alle veröffentlichen können, wird die Zahl der 15 000 Zuschauer bezweifelt. Wir haben uns erkundigt und erfahren, dass insgesamt etwa 9000 Eintrittskarten gegen Bezahlung abgegeben wurden, also 8000 weniger, als bei der Weihe der Thüringer Landeskampfbahn in Weimar. Wobei zu berücksichtigen ist, dass von den 9000 zahlenden Besuchern nur ein kleiner Teil den ganzen Tag über auf dem Festplatz geweilt haben wird. Irgendwie peinlich, dass ausgerechnet das kleine Weimar doppelt so viele Bürger zu seiner Stadionweihe locken konnte.

Aber vielleicht hatten die Erfurter in dieser Zeit auch weniger das bunte Miteinander im Sinn. Nur ein Jahr später am 26. Juli 1932 belagerten 75 000 Zuschauer die Ränge und in den Innenraum der Mitteldeutschen Kampfbahn. 120 000 sollen den Weg durch Erfurt gesäumt haben um ihren Heilsbringer Adolf Hitler zu sehen. Spätestens da war auch in Erfurt der braune Wahnsinn angekommen.