FC Rot-Weiß Erfurt: Ingolf Bienert hat über 400 Heimspiele gesehen

In Teil zwei der großen Stadionserie unserer Zeitung erzählt Ingolf Bienert, was er in über 40 Jahren als Fan des FC Rot-Weiß Erfurt im Steigerwaldstadion so alles erlebt hat.

Der heute 52-Jährige geht seit den 1970er Jahren ins Steigerwaldstadion und hat seither gut 400 Heimspiele live im Stadion erlebt. Foto: Maik Ehrlich

Der heute 52-Jährige geht seit den 1970er Jahren ins Steigerwaldstadion und hat seither gut 400 Heimspiele live im Stadion erlebt. Foto: Maik Ehrlich

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Löbervorstadt. Ingolf Bienert steht im Steigerwaldstadion an einem Nachmittag, fernab eines Spieltages seines verehrten FC Rot-Weiß Erfurt. Ein paar Leichtathleten ziehen ihre Trainingsrunden. Eigentlich ein ganz normaler Anblick. Ingolf Bienert schaut aber sehr zufrieden aus. Er lässt den Blick in die Weite schweifen.

Obwohl Nähe zum Geschehen für den 52-Jährigen ein hohes Gut ist, versprüht seiner Meinung nach das Steigerwaldstadion einen besonderen Charme. Dass Tartanbahn und breiter Rasenstreifen die Zuschauerränge vom Spielfeld trennen - geschenkt! "Das Steigerwaldstadion ist eigentlich ein schönes Stadion, besonders im Sommer, wenn die vielen Bäume grün sind", erzählt Ingolf Bienert, der hier bisher gut 400 Heimspiele des FC Rot-Weiß Erfurt live miterlebt hat.

Anfang der 70er Jahre ging er an der Hand des Vater zu den ersten Oberliga-Spielen. Richtig erinnern kann sich Ingolf Bienert noch an ein Spiel 1973: Vier Spieltage vor Schluss war der RWE in großen Abstiegsnöten. Es bestand kaum Hoffnung auf den Klassenerhalt, weil an diesem Spieltag der souveräne Tabellenführer Dynamo Dresden in Erfurt auflief.

Doch Rot-Weiß gewann sensationell 4:2, startete eine Aufholjagd in der Liga mit insgesamt drei Siegen aus den letzten vier Spielen und schaffte den Klassenerhalt. "Wir hatten keine Chance und haben sie genutzt", erzählt Ingolf Bienert.

Spontan fallen dem gebürtigen Erfurter neben dem 4:2-Erfolg gegen Dresden noch weitere Stadion-Highlights ein: Ein 2:0-Sieg 1985 gegen Lok Leipzig. Erfurt kontrollierte starke Leipziger und belohnte sich mit zwei späten Toren. Das war übrigens jene Leipziger Truppe, die gut anderthalb Jahre später im Europapokal der Pokalsieger erst im Finale gegen Ajax Amsterdam den Kürzeren zog.

Auch die Aufstiege 1991 und 2004 mit den entscheidenden Heimsiegen gegen Brandenburg und Saarbrücken sind unvergessen. Im Gedächtnis von Ingolf Bienert hat sich aber auch die Friedensfahrt-Ankunft 1972 eingebrannt: "35"000 Zuschauer im Stadion, das war Wahnsinn".

Seine intensivste Zeit im Erfurter Stadion erlebte Ingolf Bienert als Schüler und Lehrling Ende der 70er Jahre bis Anfang der 80er Jahre. Seine Lieblingsspieler aus dieser Zeit waren Rüdiger Schnuphase, Jürgen Heun, Armin Romstedt oder Carsten Sänger. Das beste Erfurter Team nach der Wende hatte Ende der 2000er Jahre Trainer Pavel Dotchev mit den Spielern wie Albert Bunjaku, Daniel Brückner, Thiago Rockenbach da Silva, Patrick Kohlmann und Samil Cinaz zusammen.

Selbst als Ingolf Bienert berufsbedingt von 1990 bis 2003 in Frankfurt am Main, Düsseldorf und Berlin lebte, schaute er sich in regelmäßigen Abständen RWE-Heimspiele an.

Selbstredend ist Ingolf Bienert seit vielen Jahren Dauerkartenbesitzer und Vereinsmitglied. Seine Dauerkarte auf der Tribüne wird er aber mit der neuen Arena abgeben, um auf der Gegengeraden dann einen Sitzplatz zu ergattern, "weil ich dort einfach näher am Spielgeschehen dran seien werde", begründet der Projektleiter einer Softwarefirma.

Obwohl Ingolf Bienert nichts gegen die Leichtathletik hat - wie sollte er auch, hatte er doch auf dieser Tartanbahn zu DDR-Zeiten einen Bezirksmeistertitel erspurtet - sieht er die Entscheidung gegen ein reines Fußballstadion kritisch.

Ingolf Bienert hat den Eindruck, dass der Fußball in Erfurt nicht sonderlich geliebt wird. "Aber unter den jetzigen Voraussetzungen war die Multifunktionsarena die einzige Möglichkeit für den dringend nötigen Neubau", meint Ingolf Bienert und ergänzt: "Der Stadionneubau ist Grundvoraussetzung für Erfolg. Aber es besteht kein Automatismus zwischen Stadionneubau und Erfolg. Man bedenke nur, in welche Schwierigkeiten Stadionneubauten die Vereine aus Aachen, Offenbach und Magdeburg gebracht haben."

Natürlich würde sich Ingolf Bienert über Zweitliga-Fußball in Erfurt freuen. Aber Ligazugehörigkeit ist für ihn nicht so wichtig. "Wichtiger ist, dass Samstagnachmittag im Erfurter Stadion der Ball rollt", so Ingolf Bienert.

Er versucht, bei jedem Heimspiel und bei einigen Auswärtsspielen dabei zu sein. Eigentlich kann ihn nichts davon abbringen. Manchmal verzichtet er dann aber doch - seiner Frau zuliebe. Ingolf Bienert unterstützt das Erfurter Sportmuseum Erfordium, weil es seiner Meinung nach gut ist für die Fanbindung und Traditionspflege.

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