Thüringer Radidol Bernhard Trefflich verstorben

Er löste mit seinen Erfolgen einen Radsport-Boom in Ostdeutschland aus, lehrte "Täve" Schur Mannschaftsdienlichkeit und blieb Zeit seines Lebens unbequem-geradlinig: Bernhard Trefflich. Der Weimarer erlag, wie erst jetzt bekannt wurde, am 15. Mai in Hannover im Alter von 86 Jahren einem Krebsleiden.

Bernhard Trefflich (2.v.r.) nach seinem Sieg beim ersten Lauf der DDR-Meisterschaft im Straßenfahren 1953 in Riesa. Foto: Bundesarchiv

Bernhard Trefflich (2.v.r.) nach seinem Sieg beim ersten Lauf der DDR-Meisterschaft im Straßenfahren 1953 in Riesa. Foto: Bundesarchiv

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Weimar/Hannover. "Er war im Sport ein harter Kämpfer, ein erstklassiger Handwerker und ein feiner Kerl", trauert Günter Siegesmund (80). Er und Trefflich - der bereits sechs Jahre zuvor ins Metier geschnuppert hatte und 1946 nun 22-jährig aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekommen war - schwangen sich damals als erste Weimarer wieder auf Rennräder. "Material gab's kaum. Gutes nur in den Westzonen. Jeder Schlauchreifen war, auch zigmal geflickt, Gold wert. Es war viel Idealismus dabei", sagt Siegesmund.

Zu zweit unternehmen sie dennoch Sonntags-Trainingsfahrten bis zu 240 km durch den Thüringer Wald. "Deshalb waren wir gute Bergfahrer." Beim Diamant-Preis wird der Klub Wismut Karl-Marx-Stadt auf den stämmigen, 1,80 Meter großen Trefflich aufmerksam. Bei der im Mangelsystem bevorzugten Wismut gibt's Top-Material und Trainingsmöglichkeiten. Trefflich, der bislang in seinem geliebten Beruf als Ofensetzer hart arbeitete und nebenbei fuhr, wird Staatsamateur. 1950 gelingt ihm in der allerersten DDR-Rundfahrt auch sein erster großer Gesamtsieg.

Erster Friedensfahrtsieg auf Unwetteretappe

Doch erst 1953 wird sein großes Jahr: Auf der dramatischen Unwetter-Etappe Berlin - Görlitz über 256 km erringt der zähe Thüringer bei der Friedensfahrt den ersten Tagessieg für die bis dahin mittelmäßige Rad-DDR. Am Ende der Tour folgen sein vierter Gesamtplatz und der erstmalige Triumph in der Teamwertung. Ehefrau Erika, sie lebt heute in Hannover, und die drei kleinen Töchter hören gebannt im Radio die Reportagen von Heinz-Florian Oertel. Später werden sie sich in familiären Weihnachts-Geschichten in der Presse wiederfinden.

Erfolge braucht das Land. Trefflich liefert sie, er wird "Verdienter Meister des Sports". Auslandsstarts in Schweden, der Schweiz und Jugoslawien, vom Normalbürger nur erträumt, folgen. Trefflich ist einer, von dem man lernen kann. Dem sechs Jahre jüngeren Schur, dessen Stern 1955 aufging, bringt er als "Leitwolf" mannschaftsdienliches Fahren bei. Der Weimarer Manfred Weißleder, später vielfacher Sprintsieger bei der Friedensfahrt, wird von Trefflich zum Radsport inspiriert: Er sieht das Vorbild im Spalier der Zehntausende beim heimischen "Rund um Belvedere" siegen.

Doch es läuft im Hintergrund nicht rund: Trefflich bekommt erstmals Ärger, weil er seine Töchter konfirmieren lässt anstatt sie zur Jugendweihe zu schicken. Die vor dem Training übliche politische Zeitungsschau ist ihm nervig, erinnern sich Angehörige. "Er war geradlinig, wollte sich politisch nicht vereinnahmen lassen", so Siegesmund. Auch beeinflusst von Schurs Aufstieg und dem Nachdrängen anderer Talente, hört Trefflich 31-jährig auf. Zieht sich zurück. Angebote als Klubtrainer, später gar als Nationalcoach, lehnt er ab. Stattdessen wird er daheim wieder Ofensetzer. Düst täglich mit dem Rad auf Arbeit in die Jenaer Straße. Passanten raunen ehrfürchtig: "Da kommt der 'Treff'!"

Auch sein Ruf als Handwerker eilt ihm voraus: Noch heute finden sich in und um Weimar Dutzende von ihm gesetzte Kachelöfen. "Er war auch da spitze", so Siegesmund. Allerdings sagt Trefflich nach wie vor offen seine Meinung. Auch beim Werkeln in Wohnungen, in denen die Stasi die Ohren spitzt. Immer wieder Probleme, dazu nur magere Rente in Aussicht. 1985 wird ihm die Ausreise in den Westen gewährt. Er wohnt in Hannover, kommt nach der Wende häufig zu Besuch. Plaudert mit Siegesmund über Jan Ullrichs Erfolge, Skispringen, die gute alte Zeit. "In Gedanken war er irgendwie immer hier", weiß der einstige Gefährte. Die Urne ist in Weimar beigesetzt.