Arbeitnehmer gewninnen Einfluss in Ostdeutschland

Erfurt/Jena  Lange sah es so aus, als könnte der Osten Deutschlands gewerkschaftsfreie Zone werden – Das ist längst anders

Gewerkschaften trauen sich häufiger, Widerstand gegen Einschnitte ihrer Betriebe zu leisten. In der vergangenen Woche streikten Beschäftigte der beiden Erfurter Real-Märkte. Ihnen ging es darum, dass sich die Supermarkt-Kette künftig wieder an einen Tarifvertrag halten soll. Foto: Alexander Volkmann

Gewerkschaften trauen sich häufiger, Widerstand gegen Einschnitte ihrer Betriebe zu leisten. In der vergangenen Woche streikten Beschäftigte der beiden Erfurter Real-Märkte. Ihnen ging es darum, dass sich die Supermarkt-Kette künftig wieder an einen Tarifvertrag halten soll. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Nachdem sie jahrelang Mitglieder und damit auch an gesellschaftlichem Einfluss verloren haben, sind die Gewerkschaften auch in Thüringen offenbar wieder im Aufwind. Diese Einschätzung einer Studie der gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung teilen neben dem stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Bezirk Hessen-Thüringen, Sandro Witt, auch Vertreter der Thüringer Wirtschaft.

Die Beschäftigten seien zuletzt wieder mutiger geworden und forderten inzwischen selbstbewusster als noch in den 1990er oder 2000er Jahren ihren Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung, sagt Witt. Deshalb gingen sie wieder häufiger in die Gewerkschaften. Unter anderem die guten Tarifabschlüsse aus dem vergangenen Jahren hätten den Beschäftigten gezeigt, dass es sich lohne, sich im Arbeitsleben zu organisieren. Zentrale Motive von Arbeitnehmern für ihren Weg in eine Gewerkschaft seien die Aussicht auf einen besseren Einkommen sowie die Möglichkeit, bei Streitigkeiten mit dem Arbeitgeber Rechtsschutz zu bekommen.

Die Studie der Otto-Brenner-Stiftung sieht die Gewerkschaften im gesamten Osten Deutschlands seit einiger Zeit wieder an Einfluss gewinnen. Habe der gewerkschaftliche Organisationsgrad 1991 in den neuen Bundesländern noch bei etwa 50 Prozent gelegen, sei er bis zur Jahrtausendwende auf 18 Prozent abgestürzt. Damit habe der Osten zu einer „gewerkschaftsfreien Zone“ zu werden gedroht, heißt es in dem Papier.

Seit etwa Mitte der 2000er Jahre allerdings hätten nicht nur die von der Stiftung im Detail untersuchten Gewerkschaften IG Metall und Nahrung-Genuss-Gaststätten wieder einen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen: Bei den Metallern im Osten beispielsweise sei die Zahl der Mitglieder von 2006 etwa 130 000 auf 2014 mehr als 140 000 gestiegen.

Zudem würden Gewerkschaften auch in der Öffentlichkeit wieder anders wertgeschätzt und wahrgenommen als in der Vergangenheit, schreiben die Autoren der Studie, die an der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeiten. Es werde inzwischen keine „Abneigung“ oder gar „Hass“ mehr gegen Gewerkschafter geschürt, wird in der Studie ein Gewerkschaftssekretär zitiert.

Methodisch problematisch an der Untersuchung allerdings: Dafür wurden Daten aus Unternehmen herangezogen, die sehr viel größer sind, als es die Masse der Betriebe in Thüringen ist. So schlussfolgern die Autoren des Papiers vor allem auf Grundlage von Ergebnissen aus Unternehmen mit einer dreistelligen Zahl von Beschäftigten. Die Mehrzahl der Unternehmen im Freistaat ist allerdings viel kleiner. Nach Daten des Thüringer Landesamtes für Statistik für 2012 hatten von den damals in Thüringen existierenden etwa 98 000 Unternehmen etwa 78 Prozent maximal vier Mitarbeiter. Witt sagt, es gebe deshalb für die Gewerkschaften im Freistaat vor allem im Bereich der Kleinst-Unternehmen noch einiges zu tun, um dort wieder an Einfluss zu gewinnen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektro-Industrie in Thüringen, Stephan Fauth, sieht im Wiedererstarken der Gewerkschaften keine Gefahr für die Unternehmen im Land – wenn die Arbeitnehmervertreter in ihrer Rolle als Tarifpartner „mit Blick auf die reale wirtschaftliche Lage der Branche und der Betriebe“ agierten. „Wenn jedoch dem Ziel der Mitgliedergewinnung die wirtschaftliche Realität untergeordnet wird, ist es für beide Seiten von Nachteil.“ Die Gestaltung der Arbeitsbedingungen durch die Tarifparteien sei eine verantwortungsvolle Aufgabe. „Dies erfordert starke Gewerkschaften und starke Arbeitgeberverbände.“

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