Bahnverkehr: Jena für mindestens sechs Jahre abgehängt

Jena  Neue Fernverkehrszüge in Ostthüringen sollen von 2018 an zwischen Gera und dem Ruhrgebiet rollen. Die Verbindung Saalfeld-Jena-Leipzig verschlechtert sich für lange Zeit.

Künftig selten in Jena: Sobald die ICE-Strecke Leipzig-Erfurt-Nürnberg fertig ist, fährt in Jena der ICE nur noch im Morgengrauen und zur Abenddämmerung. Foto: Peter Michaelis

Künftig selten in Jena: Sobald die ICE-Strecke Leipzig-Erfurt-Nürnberg fertig ist, fährt in Jena der ICE nur noch im Morgengrauen und zur Abenddämmerung. Foto: Peter Michaelis

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Lange Gesichter in Jena – noch längere Gesichter in Saalfeld. Von Ende 2017 bis Ende 2023 wird auf der Strecke zwischen Leipzig und Saalfeld deutlich weniger Zugverkehr unterwegs sein als bisher. Der Fernverkehr nach alten Konzept ist dann ausgelaufen – richtig schnelle Züge fahren dann an Jena vorbei und über Erfurt von Berlin nach München und zurück. Gleichzeitig greift das neue Fernverkehrskonzept der Bahn noch nicht, das vorsieht, möglichst alle Städte, die mehr als 100 000 Einwohner haben, ans Fernverkehrsnetz anzubinden.

Immerhin, einen Olivenzweig soll die Stadt bekommen. Ab Dezember 2018 wird auf der Ost-West-Achse, auch bekannt als Mitte-Deutschland-Verbindung, täglich drei Mal in jede Richtung ein doppelstöckiger Intercity über Gera, Jena und Erfurt fahren. Abhängig davon, wann die Strecke bis Chemnitz elektrifiziert ist, könnte der Zug von dort bis nach Nordrhein-Westfalen fahren. Wann der „Fahrdraht“ gespannt wird, ist noch weithin unklar. Der Freistaat Thüringen und die Bahn haben sich bisher lediglich dazu bekannt, dass sie eine schnelle Verwirklichung zum Ziel haben.

„Eine allgemeine Zufriedenheit haben wir nicht erreicht“, sagte denn auch Thüringens Infrastruktur- und Verkehrsministerin Birgit Keller (Linke). Sie nennt das, was die Ostthüringer Vertreter gern als „Ostthüringer Bahngipfel“ bezeichnet hätten, „Bahndialog“. Das drückt aus, was man in Jena dazu empfindet. Ralph Lenkert, Linke-Bundestagsabgeordneter, ist „eher enttäuscht“. Er und viele andere in der Saalestadt haben sich eine frühere Anbindung durch das neue Fernverkehrskonzept der Bahn erhofft. Immerhin, so finden sie, habe sich die Bahn ein bisschen bewegt. War doch die Anbindung durch das Saaletal einst für 2030 ins Auge gefasst worden.

Wissenschaftsstandort leidet stark

Nun wird Jena „nur“ für sechs Jahre abgehängt. In dieser Zeit, so fürchtet man, könnten viele Pendler die Lust verlieren, noch mit der Bahn zur Arbeit zu fahren. Immerhin stehen auf dem Weg nach Leipzig oder Berlin eine ganze Reihe von Fernbusverbindungen zur Verfügung, die auch noch deutlich billiger sind als die Fahrt mit dem Zug. Klaus Bartholmé, Kanzler der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, macht sich Sorgen um den Wissenschaftsstandort Jena. „In Verhandlungen mit Professoren können wir derzeit damit argumentieren, dass der Weg zum Beispiel nach Berlin nicht so lang ist“, sagte er nach dem Bahngipfel. Es sei eher Ausnahme als Regel, dass sich jemand, der zuvor in Berlin gearbeitet habe oder dort lebt, in Jena nur einen Zweitwohnsitz nimmt und häufig pendelt. Das werde nun erschwert.

Bartholmé ist zudem enttäuscht darüber, dass für die Zeit von Ende 2017 bis 2023 offenbar nicht ernsthaft darüber nachgedacht wurde, einen erweiterten Fernverkehr, der sich für die Bahn wohl nicht rechnen würde, mit Landesmitteln in Teilen zu fördern. Stattdessen würden immer mehr Verbindungen zwischen Erfurt und Halle etabliert – zusätzlich zur schnelleren ICE-Verbindung, die am 13. Dezember in Betrieb geht. Er halte es für fraglich, dass es bei der Bahn darum gehe, dass sich Strecken rechnen müssen. „Das ist doch Daseinsvorsorge“, moniert der Kanzler.

DB-Fernverkehrs-Vertreter Alexander Quirin redet sich damit heraus, dass eine solche Kooperation zwischen einem Land und der Bahn juristisch nicht geregelt sei – also auch einstweilen nicht machbar.

Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter zeigte sich am Rand des Treffens überrascht, dass sich die Bahn überhaupt noch bewegt habe. „Vor ein paar Jahren hat sich das ja noch ganz anders angehört.“ Jena ist offenbar zugute gekommen, dass die Bahn im Zuge des Erfolgs der Fernbusse allgemein um Kunden fürchtet und deshalb auch künftig längere Fahrten in kleinere Städte wie Jena ermöglichen will. „Wir bauen aber auf weitere Gespräche, damit es nicht bis 2023 dauert“, sagt er sichtlich enttäuscht. Die Anbindung sei wichtig für den Standort – und die Kunden würden sich in der Zeit entwöhnen. Genau das bestreitet die Bahn und geht davon aus, dass Reisende bereits heute sehr flexibel seien, was ihre Reiseplanung angeht. „Multimodalität“ nennt Quirin das. Deshalb sei man optimistisch, dass nach einer gewissen Zeit die neuen Angebote ab 2023 angenommen würden. „Die Leute wollen ja weiterhin nach Leipzig, Berlin oder Hamburg und zurück fahren – das wird sich nicht bis dahin geändert haben.“ Und was sich heute in Richtung der Fernbusse entwickelt, kann sich nach dieser Logik bei einem guten Angebot eben auch wieder in Richtung der Bahn entwickeln.

Vorerst aber bleibt es bei Nachteilen für den Bahnverkehr in Jena. Zumindest in der Übergangszeit wird die so wichtige Strecke nach Leipzig deutlich weniger schnell bedient. Wer heute in minimal 56 Minuten per ICE in Leipzig oder von dort aus zurück in Jena ist, braucht aller Voraussicht nach im Jahr 2018 fast anderthalb Stunden – der Umweg über Erfurt und die neue schnelle ICE-Strecke helfen dabei auch nicht weiter, denn damit braucht man erstes mehr Zeit und zweitens mehr Geld. Das sagte Olaf Behr vom Bündnis „Fernverkehr für Jena“.

Alle anderen Fahrtzeiten – etwa nach Frankfurt, Bamberg oder München – bleiben etwa gleich oder verkürzen sich unwesentlich. Man spürt, dass das Land ein wenig in der Bredouille steckt: Der Bahn kann man nicht ins Fernverkehrsgeschäft hineinreden – und um ausbleibende Verbindungen mit Nahverkehr auszugleichen, fehlt das Geld. Die Regionalisierungsmittel sind im Zuge der Verhandlungen bei einem der zahlreichen Asylgipfel als Verhandlungsmasse auf den Tisch gekommen – und Thüringen droht das Schicksal, in nächster Zeit mit deutlich weniger Geld auskommen zu müssen. Es lässt sich also nicht jede Lücke stopfen, die ausbleibender Fernverkehr reißt.

Schlimmer als für Jena fällt der Wegfall des Fernverkehrs für Saalfeld aus. Dort wird man in Zukunft damit leben müssen, zwischen den Stühlen zu sitzen. Saalfelder Firmen arbeiten häufig nach Süden – und die Bahn verwies am Montag darauf, dass der Weg von Saalfeld zur neuen ICE-Strecke, die durch Coburg führt, doch nicht sehr weit sei. Zudem fühlt man sich benachteiligt, wenn ab Ende 2017 jeweils morgens und abends zwischen Jena und Berlin ein Zug, laut Bahn „wahrscheinlich ein ICE“, fahren soll. Dass der nicht bis Saalfeld verlängert wird, ist aus Sicht der Südostthüringer Stadt nicht verständlich. „Wir haben uns bei den zwei Zügen nach Jena bei der Wirtschaftlichkeit schon auf dünnem Eis bewegt“, so DB-Vertreter Alexander Quirin. Die Verbindung noch stärker auszuweiten, sei wirtschaftlich nicht tragfähig. Punkt. Aus.

Lange Vollsperrung zwischen Jena und Weimar

Profitieren dürfte der Bahnhof in Göschwitz. Größere Ausbauten sind hier zwar nicht geplant. Doch die Fernverkehrszüge sollen zumindest hier halten können, damit Passagiere zwischen Nord-Süd- und Ost-West-Linien umsteigen können, ohne durchs Stadtzentrum laufen zu müssen. Die Bahn erwartet jedoch nicht, dass übermäßig viele Passagiere von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Nicht neu, aber noch einmal bekräftigt wurde die Tatsache, dass Jena und Erfurt künftig alle 30 Minuten miteinander verbunden werden sollen. Die Forderung aus Ostthüringen wird seit Jahren erhoben und lässt sich realisieren, sobald die Strecke zweigleisig ausgebaut ist. Das wird der Fall sein, nachdem im kommenden Jahr eine weitere langfristige Vollsperrung der Strecke zwischen Weimar und Großschwabhausen erfolgt, um den Ausbau zu komplettieren.

Auf der Ost-West-Strecke droht zudem eine weitere Sperrung, wenn dort irgendwann eine vollständige Elektrifizierung angestrebt wird. Nicht jedes vorhandene Bauwerk ist aktuell dafür geeignet – es könnten also weitere Baumaßnahmen notwendig werden. Dann droht den Passagieren auf der gebeutelten Strecke erneut Ungemacht – und den Straßen höhere Belastung durch Autos und Busse voller Pendler, die schlicht keine andere Möglichkeit haben als auf die Straße auszuweichen.

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