Demografie: Staat soll Umzug aus Dörfern mitfinanzieren

Manchmal helfen nur radikale Lösungen. Kleinere Dörfer in weit entfernten Gegenden Thüringens werden schon in naher Zukunft nicht mehr zu halten sein. Davon jedenfalls ist ein Wissenschaftler überzeugt, der sich intensiv mit der demografischen Entwicklung in Deutschland beschäftigt.

Einen verstärkten Einsatz der Telemedizin bringt der neue Thüringer vdek-Chef Amin Findeklee (Mitte) ins Gespräch. Er über nimmt das Amt von Michael Domrös (rechts), der nach 16 Jahren als Leiter der Stabsstelle Innenrevision in die Berliner Zentrale wechselt. Ersatzkassen-Chef Thomas Ballast wünschte beiden für ihre neuen Aufgaben viel Glück. Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. Steffen Kröhnert heißt er. Beschäftigt ist er beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Seine Thesen klingen in manchen Ohren hart und brutal, aber vermutlich müssen solche Schnitte einfach sein. Nicht jedes Dorf in Thüringen ist überlebensfähig. "Diese regionale Ungleichheit müssen wir akzeptieren", sagt Kröhnert bei einem von unserer Zeitung moderierten Forum des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), das sich mit den Folgen des demografischen Wandels beschäftigt. Seine Rezepte klingen in den Ohren der Verteidiger der kleinen Dörfer im Freistaat wie eine Provokation: Überholte gesetzliche und infrastrukturelle Standards müssen an die Schrumpfung der Einwohnerzahl angepasst werden. Es muss einen Fonds für den Rückbau von Dörfern geben und für kleine Orte mit nur wenigen älteren Einwohnern muss es auch ein Programm geben, mit denen den Bewohnern der Umzug in einen besser versorgten Ort schmackhaft gemacht werden kann.

Neue Formen der Versorgung

Kröhnert plädiert für dezentrale Lösungen. Jede Region wisse am besten, wo die Probleme liegen. Deshalb sollten ihnen Finanzkontingente zur Verfügung gestellt werden, mit denen sie den demografischen Wandel in ihrer jeweiligen Region in den Griff bekommen können. Derzeit seien sie zu sehr von den Fördervorgaben auf Bundes- und Landesebene abhängig, unterstrich Kröhnert. Und das führe dazu, dass nur noch die Maßnahmen ergriffen würden, für die auch die übergeordneten Ebenen Gelder zur Verfügung stellten.

Der gravierende demografische Wandel bleibt auch nicht ohne Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. Neue Versorgungsideen müssten her, fordert in der Runde der Vorstandsvorsitzende des vdek, Thomnas Ballast. Er warnt eindringlich davor, an den Folgen des demografischen Wandels zu verzweifeln und mahnt dazu, die Lösung der Probleme "mit Augenmaß" in Angriff zu nehmen. Wie solche neuen Versorgungsformen aussehen könnten, zeichnet sich in Umrissen bereits ab: In Dorfgemeinschaftshäusern könnten Räume zur Verfügung stehen, in denen wechselweise Ärzte, Physiotherapie tätig sein könnten oder auch andere medizinische Dienstleistungen angeboten werden. Bedenken bei der Ärzteschaft gibt es gegen mobile Praxen. Zu viel der wertvollen Arbeitszeit der Mediziner gehe so für Fahrten drauf. Trotzdem ist der Wissenschaftler und Demografieexperte Kröhnert ein Verfechter der Idee, dass die medizinischen Angebote zu den Menschen kommen sollten und nicht umgekehrt. Fahrten aus entlegenen Dörfern zum Arzt seien in Zukunft kaum noch zu organisieren, da auch der öffentliche Nahverkehr ausgedünnt werde.

Auf den Spagat in der aktuellen Diskussion macht vdek-Chef Ballast aufmerksam: Während man in Brandenburg darüber diskutiere, ob man künftig noch garantieren könne, dass ein Arztbesuch mit öffentlichen Verkehrsmitteln künftig an einem Tag noch überhaupt möglich ist, streite man sich in Berlin darüber, ob für den Weg zum Hausarzt sieben Minuten zumutbar seien.

Einen verstärkten Einsatz der Telemedizin bringt der neue Thüringer vdek-Chef Amin Findeklee ins Gespräch. Und für Kröhnert ist auch die Rückkehr der Gemeindeschwester, die dem Arzt viele Wege und einfache medizinische Handreichungen abnimmt, eine Vorstellung, mit der man sich anfreunden könne.

Von einem Arztmangel will vdek-Chef Ballast nichts wissen. 50.000 schlössen in den nächsten zehn Jahren ihre Ausbildung ab, sagt er. Die Riesenaufgabe sei, sie in der Ausbildung in die richtigen Bahnen zu lenken und sie anschließend richtig übers Land zu verteilen. Das sei eine der entscheidenden Aufgaben der Zukunft.

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