Eichsfeld: Schneider und Schuhmacher sterben aus

Was macht man, wenn die Absätze abgelaufen sind oder der Reißverschluss kaputt ist? Man geht zum Schuster oder zum Schneider. Doch was macht man, wenn es im Ort keinen Schneider oder Schuster mehr gibt? Man fährt in die Stadt und versucht dort sein Glück. Auch damit könnte es bald vorbei sein, denn die Schneider und Schuster werden immer weniger. Im Landkreis Eichsfeld kann man die verbliebenen Schuhmacher fast an einer Hand abzählen.

Schneidermeisterin Renate Görig ist seit 1993 in Worbis selbstständig. Lehrlinge bildet sie nicht mehr aus. Foto: Otto Roth

Schneidermeisterin Renate Görig ist seit 1993 in Worbis selbstständig. Lehrlinge bildet sie nicht mehr aus. Foto: Otto Roth

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Leinefelde-Worbis. Uwe Schollmeyer war bis vor einigen Jahren Innungsmeister der Schuhmacher bei der Kreishandwerkerschaft. Weil immer mehr Schuster ihren Job an den Nagel hängten, musste sich die Innung den Schneidern anschließen, die ebenfalls unter Nachwuchsmangel leiden.

Der Niedergang vollzog sich allmählich. Bis 1990 gab es im Landkreis noch relativ viele Schuster, die auch noch Lehrlinge ausbildeten. Nach der Wende sank die Attraktivität des Berufes, "keiner wollte mehr Schuhmacher werden", sagt Schollmeyer. Der geringe Verdienst habe viele Jugendliche abgeschreckt und zeitweise sei auch nicht genug Arbeit da, das sei ein weiterer Grund. Weil Schuhe aus China mitunter so billig angeboten würden, überlegten es sich viele Kunden zweimal, ob sich ihre alten Schuhe noch einmal besohlen lassen oder sich gleich ein paar neue kaufen.

Neue Schuhe hat Uwe Schollmeyer noch nie angefertigt, obwohl er es könnte, "Dafür fehlt im Eichsfeld einfach die Kundschaft", sagt der Leinefelder Schuhmachermeister. Verlangt werden kleinere Reparaturarbeiten. Die Kunden lassen ihre Absätze erneuern oder die Schuhe neu besohlen. Die Auftragslage ist sehr saisonabhängig, die meiste Arbeit hat Uwe Schollmeyer in den Übergangszeiten, "wenn die Leute ihre Schuhe wechseln".

Obwohl er noch davon leben kann, glaubt Schollmeyer nicht an eine rosige Zukunft des Schuhmacherhandwerks. "Wir sind ein aussterbender Beruf wie die Stockmacher". Trotzdem mache ihm seine Arbeit immer noch Spaß, "ich mache das gewissenhaft", versichert der Leinefelder.

Schneidermeisterin Renate Görig ist seit 1993 in Worbis selbstständig und seit sechs Jahren Innungsobermeisterin. Auch sie hatte in DDR-Zeiten mehr als genug Arbeit. Die Wartezeiten betrugen für die Kunden bis zu einem halben Jahr. Ihr letzter Lehrling war ihre Tochter Yvonne, die ihre Lehre von 1998 bis 2000 absolvierte. Einen weiteren Lehrling auszubilden, kann sich Renate Görig nicht leisten: "zu teuer". Im Landkreis bilde keiner mehr aus, die jüngste Schneiderin sei knapp 50. Kleider oder Anzüge macht Renate Görig eher selten. Ihr Hauptgeschäft sind ebenfalls Reparaturen wie Ändern oder einen neuen Reißverschluss einsetzen. Der Verdienst ist wie beim Schuhmacher eher bescheiden. "Und es gehört heute viel Idealismus dazu, Schneider werden zu wollen", hofft Renate Görig, dass es auch weiterhin Schneider im Eichsfeld gibt.