Geschäft mit Altkleidern: Eine Tonne bringt 400 Euro

Was für den einen abgetragen ist, kann für den anderen noch ein gutes Geschäft werden: Hinter Altkleidersammlungen steckt ein großer Markt. Etwa 750.000 Tonnen Gebrauchstextilien landen jährlich bei Altkleidersammlern in Deutschland.

Sortierung für den Second-Hand-Laden: Steffie Burbach und Diana Grobe (von links) überprüfen beim Apoldaer Unternehmen Resales die Qualität der Kleidung. Foto: Katja Dörn

Sortierung für den Second-Hand-Laden: Steffie Burbach und Diana Grobe (von links) überprüfen beim Apoldaer Unternehmen Resales die Qualität der Kleidung. Foto: Katja Dörn

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Weimar. Pro Tonne werden derzeit mitunter über 400 Euro gezahlt. Doch für den Verbraucher ist oft undurchsichtig, wer sammelt und für welchen Zweck. Und auch manche Stadt schaut mit Argusaugen auf die Container.

Jeder kennt das. Die einst so lieb gewonnene Jeans passt nicht mehr. Oder ist ausgewaschen und wird seit Monaten nicht mehr getragen. Wohin also damit? Für den Müll ist sie zu schade. Denn Textilien können wieder in den Recyclingkreislauf zurückgeführt werden.

Man könnte zu gemeinnützigen Institutionen gehen. Zum Beispiel zu einer Kleiderkammer. Die Caritas beispielsweise betreibt diese Sammelstellen. In der Regierungsstraße in Erfurt werden die Sachen von Bürgern abgegeben und wieder an Bedürftige verteilt. "Wir brauchen keine große Werbung, es hat sich über die Jahre eingepegelt", sagt Doris Grünhage, die sich als Sozialarbeiterin bei der Caritas auch um die Kleiderkammer kümmert. Etwa 3000 Bedürftige kommen jährlich, um sich Hosen, Shirts und anderes abzuholen. Einen Nachweis für ihre Not brauchen sie nicht bei der Caritas vorzulegen. "Man kennt die Menschen mit der Zeit", sagt Grünhage. Und wer Probleme habe, könne sich an die Beratungsstellen im gleichen Haus wenden.

Beim Gang zur Kleiderkammer kommt man aber auch an so manchem Altkleidercontainer vorbei. Malteser Hilfsdienst steht darauf in Erfurt, oder DLRG oder Kolping International. Gemeinnützige Institutionen, die eine Sondernutzungserlaubnis für das Aufstellen ihrer Container haben.

Seit Juni 2012 müssen Unternehmen durch das reformierte Kreislaufwirtschaftsgesetz ihre Sammlungen bei den Kommunen anzeigen. Allein in Thüringen haben das 195 Firmen für 783 Sammlungen getan, teilt das Thüringer Landesverwaltungsamt auf Nachfrage mit. Das sind 25 Neusammler. Die Mehrheit streben gewerbliche Ziele an (147 Unternehmen), 48 sind gemeinnützig.

Illegale Container: Ein "Katz- und Maus-Spiel"

Das Geschäft mit den Containern läuft so gut, dass auch immer wieder illegale aufgestellt werden. In Erfurt wurden seit 2012 neun Firmen aufgefordert, ihre Sammlungen zu unterlassen, da diese nicht angemeldet waren. In Gera sei der "Boom der illegalen Altkleidercontainer" vorbei, teilt Sprecherin Helga Walther mit. Die Stadt habe 2012, nach dem reformierten Kreislaufwirtschaftsgesetz, 30 Container einkassiert, für die keine Genehmigung vorlag.

In Jena kämpft man noch gegen die Illegalen. "Es ist ein Katz- und Maus-Spiel", sagt Martina Hicke vom Kommunalservice Jena (KSJ). Wenn ein Anbieter aufgefordert werde, seinen Container aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, tauche dieser an anderer Stelle wieder auf.

Dass die illegalen Container dem KSJ ein Dorn im Auge sind, hat einen besonderen Grund: Mit der Kleidersammlung verdient das städtische Unternehmen seit zwei Jahren selbst Geld. "Die Textilpreise waren 2012 sehr hoch", sagt Martina Hicke, Geschäftsbereichsleiterin beim KSJ. Der städtische Eigenbetrieb hat seitdem 135 Altkleidercontainer in Jena aufgestellt. Orange sind diese und tragen das Logo der KSJ. 412 Euro kostet jeder Container. Mit einer Tonne Altkleider habe der Eigenbetrieb das Geld wieder rein. Das Recyclingunternehmen Alta West in Merkers kauft der Stadt jede Tonne Altkleider für 420 Euro ab.

Gemeinnützige Sammler warfen dem Kommunalservice anfangs vor, den Markt abzugrasen. "Aber wir sehen uns im Recht, da wir ein flächendeckendes System haben und andere nur punktuell sammeln", sagt Hicke.

2013 Jahr konnte der KSJ etwa 350 Tonnen Altkleider einsammeln. Nach Abzug aller Kosten bleiben 64.000 Euro Gewinn, die in den städtischen Gebührenhaushalt flossen und damit den Bürgern zugute kamen, sagt Martina Hicke.

Das Ziel hatte der KSJ noch höher gesteckt: 508 Tonnen Altkleider wollten sie anfangs jährlich einsammeln. Doch etwa 100 nicht genehmigte Container, die in Spitzenzeiten in der Stadt stehen, machen dem kommunalen Sammler einen Strich durch die Rechnung.

Viele karitative und kommunale Sammler können am Ende wenig mit der Masse an Altkleidern anfangen. Also landen sie im Wirtschaftskreislauf. Hier kommt das in Apolda ansässige Unternehmen Resales Textilhandel und Textilrecycling ins Spiel. Es hatte sich auch beim KSJ beworben, um die Textilien abzukaufen. Alta West bot Jena dann aber einen höheren Preis.

Zu Resales kommt eine noch gut erhaltene Jeans auf verschiedenen Wegen. Sie könnte entweder von einem gemeinnützigen Sammler wie der Arbeiterwohlfahrt oder den Maltesern stammen, die ihre Tonnen von Altkleider gegen Bares an Resales abgeben. Die Jeans könnte aber auch in einem der 400 Altkleidercontainer von Resales in Thüringen eingeworfen werden und so ins Sortierwerk nach Apolda gelangen.

320 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. Viele Hände sind auch nötig, damit jeden Tag 350.000 Kleidungsstücke sortiert werden können. Sie werden in bis zu 300 Lastwagen angeliefert, in denen jeweils neun Tonnen Textilien Platz haben.

Jeder dieser großen Container wird sorgsam entleert. In der ersten Vorsortierung prüft eine meist weibliche Angestellte flink, was Müll ist und was, wie beispielsweise die Jeans, noch weiterverwertet werden kann.

Das System ist eingespielt. Über sieben Tonnen stemmen die Mitarbeiterinnen in einer Schicht. Ein Knochenjob, für den sie meist mehr als den Mindestlohn über 9 Euro pro Stunde erhalten, sagt Lars Henkel von Resales.

Dann folgt die zweite Vorsortierung: Hosen, Hemden und andere Textilien werden in 32 Containern verteilt. Die lange Erfahrung vieler Angestellten ist offensichtlich. Ein kurzer Blick genügt meist, bis die Frauen erkennen, was für den Auslandsmarkt geeignet ist und was für die Second-Hand-Shops von Resales. Zielgerichtet werfen sie die Kleidung in die jeweiligen Container.

Wenn die Jeans keine Makel aufweist, könnte sie die Qualitätsprüfung bei der Nachsortierung für die Second-Hand-Shops bestehen. Doch nur etwa vier Prozent der angelieferten Textilien seien überhaupt für den deutschen Markt tauglich, erklärt Lars Henkel. Diese werden bundesweit für 31 Läden aufbereitet, sechs Second-Hand-Shops betreibt Resales in Thüringen.

Vielleicht aber entspricht die Jeans nicht mehr der aktuellen Mode. Und die Hosentaschen sind auch schon durchgewetzt. Was der Deutsche nicht mehr anziehen will, sehe man in anderen Gegenden aber noch als "sehr schön" an, sagt Henkel. Gut 50 Prozent der bei Resales sortierten Kleider werden exportiert: nach Afrika, China und Osteuropa.

Die Ärmeren erhalten den westeuropäischen Überfluss an Kleidung. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Noch in den 1990er Jahren forderte "Fairwertung", der Dachverband der Textilverwerter, eine sogenannte "Afrika-Quote". Nur zehn Prozent der Kleidung sollten an den armen Kontinent geliefert werden, um die heimische Textilindustrie nicht zu gefährden. 2003 ist die Quote wieder aufgehoben worden, auch weil der Markt sich zur "wichtigen Versorgungsgrundlage für Textilien" entwickelt habe, wie Fairwertung in einem Bericht schreibt. Wer Altkleider kaufe, könne sich keine neuen Textilien leisten.

Resales verschifft die für den afrikanischen Markt vorsortierten Textilien in zusammengepressten grünen Säcken. Großhändler an Küstenstädten nehmen diese in Containern an und verkaufen sie wiederum an Zwischenhändler, die sie zu Marktfrauen bringen. "Mitumba" werden die Bündel genannt. In einem könnte die in Westeuropa abgetragene Jeans mit anderen Hosen landen. Auf einem Markt in Tansania könnte sie jemand erwerben, dessen Geldbeutel zu klein ist, um sich eine neue Jeans zu kaufen.

Einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen hätte dieser Handel allerdings nicht, räumt der Dachverband Fairwertung ein. Doch um die Textilindustrie aufzubauen, seien hohe Investitionskosten und Rahmenbedingungen nötig - für viele Länder noch ein rotes Tuch.

In Deutschland indes landet bei Textilrecyclern teilweise Unbrauchbares. Mitunter purzeln völlig verdreckte und zerrissene Sachen aus den Containern. "Die frühere Kleiderspende ist jetzt die Entsorgung", sagt Lars Henkel von Resales. Etwa 12 Prozent der Altkleider können nur noch als Putzlappen weiterverwertet werden. 10 Prozent sind reiner Müll, sagt Lars Henkel. Als textile Rohstoffe werden 17 Prozent der Altkleider eingestuft. Sie landen später beispielsweise als Umzugsdecken oder Trittschalldämmung wieder auf dem Markt.

Gewerbliche Sammler klagen gegen Städte

"Fast 50 Prozent der Ware ist nicht kostendeckend", erklärt Henkel. Exorbitante Gewinne blieben im Recyclinggeschäft aus, sagt Lars Henkel von Resales.

Überhaupt sei der Markt gerade in "Aufruhr", sagt er. Während in Thüringen die städtischen Sammler noch eine Ausnahme bilden, sei dies bundesweit ein immer größerer Trend. Sehr zum Unmut der gewerblichen Sammler.

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung kritisiert, dass Städte Anbieter verdrängen würden. Bundesweit klagen Recyclingfirmen gegen Kommunen. Auch Resales mache dies, bestätigt Lars Henkel vom Unternehmen. In München beispielsweise seien sie vom Platz vertrieben worden. Das Gericht habe den Bestandsschutz von Resales bestätigt, da die Stadt erst seit Kurzem selber sammelt. Die Planungssicherheit der Textilrecycler dürfe nicht gefährdet werden, sagt Henkel.

Auch in Thüringen war in einigen Fällen das "öffentliche Interesse" ein Grund, warum Unternehmen die Sammlung verweigert wurde, teilt das Landesverwaltungsamt auf Nachfrage mit. Beispielsweise in Jena und Weimar. Beschwerden habe es dagegen aber nicht gegeben.

Doris Grünhage von der Caritas jedenfalls sind die Container kein Dorn im Auge. Wer bei ihnen abgibt, der entscheidet sich bewusst dafür. Überhaupt: "Ich bin bass erstaunt, was manche Leute abgeben", sagt die Sozialarbeiterin.

Zur Sache: Was am Ende gezahlt wird

Vergleichspreise, mit denen Resales handelt:

Ausgaben:

Ankauf: 30 bis 40 Cent pro Kilo Altkleider

Plus Kosten für das Sortierwerk: 75 Cent pro Kilogramm

Einnahmen:

25 Cent pro Kilo Putzlappen

13 Cent pro Kilo textile Rohstoffe (für später Nutzung als Dämmung, etc.)

1 Euro pro Kilo Kleidung, die nach Afrika, Asien oder Osteuropa verkauft wird

Second-Hand-Handel in Deutschland: Über 1 Euro

Den Schrank voll: Zum Thema überbordender Kleiderschränke schreibt Katja Dörn

Viel und billig. Dies wird in einigen Kleiderschränken sichtbar. Gerade an Wochenenden stürzen die Deutschen in die Einkaufszentren, um die Kleiderberge daheim noch größer wachsen zu lassen.

Mit Freundinnen habe ich letztens versucht, nichts zu kaufen und dennoch neue Sachen abzustauben: per Kleidertausch. Jede brachte mit, was nur noch herumliegt. Dann wurde gewühlt. Am Ende fand nicht alles eine neue Besitzerin, aber jede hatte etwas Neues erhalten, ohne eben Geld dafür auszugeben. Der innere Drang zum Einkaufen war erst einmal besiegt.

Klar, wer Geld hat, muss in Deutschland nicht in Lumpen gehüllt herumlaufen. Das wäre bei mancher Arbeitsstelle und im Freundeskreis auch nicht gern gesehen.

Doch bevor wir das, was einmal günstig erworben wurde und nun Fäden zieht, in den Müll schmeißen, sollten wir die Alternativen kennen. Viele Textilien haben ihre Lebensdauer noch lange nicht erreicht. Gerade wenn man bedenkt, welche energiereichen (und zum Teil unmenschlichen) Produktionsketten nötig sind, um überhaupt ein T-Shirt herzustellen. 10.000 Liter Wasser für ein Kilogramm Baumwolle ist nur eines der bekannteren Beispiele. Die Pestizide nicht zu vergessen, die in den Anbauländern versprüht werden. Vielleicht sollte man daran denken, wenn man mal wieder schränkeweise nichts anzuziehen hat.

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