Milchpreise: TLL schätzt Lage entspannter als BDM ein

Jüngst gab es eine Alarmmeldung aus der Landwirtschaft: Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) hat sich in einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit gewandt, weil Supermärkte - allen voran Aldi - den Preis, den Molkereien für einen Liter Milch bekommen, im April um bis zu 4,5 Cent gedrückt haben. "Der Erzeugermilchpreis nähert sich damit einem weiteren Tiefpunkt an", heißt es bei den Milchbauern.

Hartes Brot: Die Milcherzeugung ist für viele Bauern derzeit nicht gewinnbringend. Trotzdem geben nur wenige auf. In Berlstedt wurde kürzlich sogar eine neue Milchviehanlage eröffnet. Foto: Sabine Brandt

Hartes Brot: Die Milcherzeugung ist für viele Bauern derzeit nicht gewinnbringend. Trotzdem geben nur wenige auf. In Berlstedt wurde kürzlich sogar eine neue Milchviehanlage eröffnet. Foto: Sabine Brandt

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Jena. Doch was muss ein Betrieb tun, um wirtschaftlich zu arbeiten? Einfach gesagt muss er mit seinen Produkten mehr erwirtschaften, als die Herstellung kostet. Bereits im März sank der Preis, den ein Bauer in Thüringen für einen Liter Milch mit 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß bekommt, von 32,8 Cent im Januar auf 32,2 Cent. Das aber ist nicht kostendeckend, wie Esther Gräfe von der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) sagt.

Wenige hören wegen Preisen auf

Denn die Herstellung von einem Liter Milch, so erläutert die Sachbearbeiterin für die Verfahrensökonomie der Rinderhaltung, koste im Schnitt 35 bis 38 Cent hierzulande. In der zweiten Jahreshälfte befürchtet der BDM einen Preisrückgang auf 25 bis 27 Cent: "Jetzt ist eingetroffen, wovor wir immer so eindringlich gewarnt haben! Billigmilch ruiniert die Existenz vieler Milchbauern. Es ist höchste Zeit zu handeln und die Interessen der Milchbauern vor die der Industrie zu stellen", sagte BDM-Chef Romuald Schaber. Sonst drohe die Schließung weiterer Milchviehbetriebe im Land.

Ganz so einfach sei das natürlich nicht, sagt die Expertin der TLL. Ja, die Supermärkte und Discounter versuchten die Kunden mit billiger Trinkmilch zu locken, damit noch andere Produkte gekauft würden. Und in der Tat, der Einzelhandel sitze in den Verhandlungen mit den Molkereien, dem Bindeglied zu den Bauern, am längeren Hebel und könne bei steigenden Milchmengen die Preise drücken. Dass die Bauern nun nach einer weiteren Mengenbegrenzung von Seiten der EU riefen, sei aber nur wohlfeil. Die Vergangenheit mit erheblichen Preisschwankungen habe gezeigt, dass das die Quotierung kein probates Mittel zur Verstetigung der Preise sei. Deshalb wird sie 2015 abgeschafft.

Im vergangenen Jahr habe es teilweise mehr als 35 Cent pro Liter für die Erzeuger gegeben - ein guter Schnitt. Man sei aber am freien Markt angekommen mit der Milch, dem müssten sich die Bauern stellen. Die Milchquote habe Schwankungen nur beschränken können. Doch der Einbruch der Preise im Jahr 2009 hat sich kaum auf die Zahl der Betriebe ausgewirkt. "So viele haben gar nicht allein wegen der Milchpreise aufgegeben, das hat eine Befragung im Jahr 2010 gezeigt", sagt Esther Gräfe.

Doch wie können die Höfe überleben - trotz dieser Preisdifferenz? "Es gibt ja auch bessere Zeiten für Trinkmilch", so die TLL-Expertin. Außerdem ließen sich zum Beispiel mit veredelten Produkten wie Käse durchaus gute Preise erzielen. "Molkereien, die da aktiv sind, können natürlich mehr Geld verdienen und die Bauern besser bezahlen." In schlechten Zeiten wird dann zwischen den Bereichen der Bauernhöfe schlicht quersubventioniert. Mit Hilfe der Pflanzenproduktion arbeite ein Hof am Ende mit schwarzen Zahlen. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede - Produzenten, die unterschiedlich effizient arbeiten. Da können die Kosten auch unter dem Schnitt von 35 Cent liegen - Gewinn ist dann trotzdem möglich.

Die Größe der Milchbetriebe in Thüringen liegt übrigens bei 300 bis 500 Tieren. Möglich sind auch 1500 oder mehr. "Den Zehn-Kühe-Betrieb, der manchmal in der Werbung zu sehen ist, den gibt es wahrscheinlich nicht einmal in Bayern", erläutert Gräfe. Relevant mehr Geld pro Liter erlösen lässt sich nur mit Biomilch. Wird die nach Standards, wie bei Bioland, erzeugt, lässt sich die Milch bei höheren Herstellungskosten für mehr als 40 Cent verkaufen. 2011 habe die Preisdifferenz zur konventionellen Milch etwa 8 Cent für die Erzeuger betragen. Doch auch dann sind staatliche Beihilfen - zum Beispiel aus dem Kulturlandschaftsprogramm - nötig. Doch auch hier zeigt sich die starke Position der Supermärkte: Während da für die billigste Milch um die 50 Cent fällig sind, zahlt man für einen Liter Biomilch locker einen Euro. Vom Thüringer Bauernverband war keine Stellungnahme zum Thema erhältlich.

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