Sommerfrische als neues Wir-Gefühl – Schwarzatal stemmt sich mit Erfolg gegen den Niedergang

Bechstedt  Iba Thüringen: Burkhardt Kolbmüller sieht im Schwarzatal gute Chancen weg von der negativen Energie und hin zur positiven Entwicklung in der Bürgerschaft.

Schloss Schwarzburg.

Schloss Schwarzburg.

Foto: Gerald Müller

Es tut sich was im Schwarzatal – und das lässt sich gut unter Sommerfrische zusammenfassen. Was im Norden Bäder-Architektur heißt, das gibt es so ähnlich aus im Schwarzatal. Und dank dieser ansehnlichen Häuser, von denen heutzutage nicht wenige auf eine zeitgemäße Nutzung warten, lässt sich ein Zukunftsprogramm für die Region entwickeln, das nicht nur Touristen anlockt, sondern auch Menschen, die hier ihre eigenen Lebensentwürfe zeitweilig oder langfristig entwickeln wollen.

Sommerfrische knüpft an jene Zeiten an, als das Schwarzburg vor 100 und mehr Jahren betuchte und zum Teil weit gereiste Gäste hatte. Die Züge brachten Berliner in die Region. Und wer wollte, konnte von Schwarzburg aus an die Riviera fahren. Später war die Region bei FDGB-Urlaubern gefragt. Mit dem Ende der DDR brach diese Art des Tourismus’ in sich zusammen – und im Schwarzatal wurde die Stimmung düster. Inzwischen aber gibt es das „für die Region so wichtige neue Wir-Gefühl“, wie es Burkhardt Kolbmüller nennt – und dieses Wir-Gefühl hat viel damit zu tun, dass engagierte Menschen aus der Region, die sich in der Zukunftswerkstatt bereits zu Beginn des Jahrzehnts zusammenfanden, große Unterstützung bei von der Internationalen Bauausstellung (Iba) in Thüringen erhalten.

Vernetzung, Motor und Willkommenskultur

Architektin Ulrike Rothe von der Iba sagt: „Die Zukunftswerkstatt Schwarztal ist Vernetzer und Willkommenskultur, Motor und Querdenker sowie Projektpartner in der Umsetzung von zukunftsfähigen Projekten im Schwarzatal.“

Kolbmüller gehört zu denen, die nicht alteingesessen, aber in der Region heimisch geworden sind. Er wohnt seit 1990 hier und hat „den Niedergang des Schwarza­tales“ miterlebt. Wenn er an diese Zeiten denkt, sagt er: „Es machte sich negative Energie in dieser schönen Region breit.“ Was tun? 2011 wurde aus der Idee, sich mit einigen Menschen zusammenzusetzen, die ebenfalls etwas bewegen wollten, Wirklichkeit. Die Iba Thüringen gab es da noch nicht.

Bei der ersten Runde gab es eine klare Verabredung: „Es wird nicht gemeckert.“ Die Zukunftswerkstatt war zunächst ein loser Verbund, wurde dann zum Verein. Seit 2014 hat die Iba Thüringen mit der Zukunftswerkstatt Schwarzatal und der Leader-Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt eine Reihe von Projektsträngen entwickelt: An erster Stelle steht das „Zukunftsfähige Landschaftsbild Schwarzatal“, zweitens geht es ums Schloss Schwarzburg als Denkort der Demokratie und drittens um die Sommerfrische Schwarzatal. Herausragend ist dabei der „Tag der Sommerfrische Schwarzatal“. Es gibt die Musterimmobilien Haus Döschnitz und Haus Bräutigam. Der Bahnhof Rottenbach bewährt sich als Tor ins Schwarzatal. „Parallel dazu arbeiten wir gemeinsam an der Struktur der Sommerfrische Allmende Schwarzatal“, sagt Rothe.

Als Initialzündung gilt nach der erfolgreichen Bewerbung 2014 aus Kolbmüllers Sicht der Workshop 2015: Von der Iba eingefädelt, ging es um Baukultur in ländlichen Regionen. Dabei sei die Sommerfrische-Architektur so richtig ins Blickfeld gerückt. „Ohne die Iba wäre das Thema womöglich noch gar nicht so aufgeploppt, wie das jetzt der Fall ist“, schätzt Kolbmüller ein.

Wie eine „Lawine, die ins Rollen“ kam, beschreibt er das, was seither geschah. An der Iba schätzt er neben aller praktischen Hilfe vor allem, das „überregionale Einspeisen in Netzwerke, die wir zuvor gar nicht kannten. Das hat uns viel gebracht.“ Mit Blick auf die Mitstreiter im Tal gibt er sich gegenüber der Iba dabei durchaus selbstbewusst und spricht von einer „Win-Win-Situation, denn auch wir sind ein ganz guter Partner für die Iba.“

Rothe würdigt die Zukunftswerkstatt Schwarzatal als Beleg für „die Selbstorganisationsfähigkeit im regionalen Zusammenhang. Die Kommunikation über die Zukunftsgestaltung stützt sich in der Region auf zahlreiche Verbündete, die vor allem im Netzwerk der Zukunftswerkstatt Schwarzatal mitwirken.“ Die Fragen, die sich den Engagierten stellen, klingen schlicht: Wie wollen wir leben und wie erzählen wir unsere Zukunft? Was heißt hier gutes Leben? Doch Antwort darauf zu finden, ist nicht so einfach.

Gerade geht es darum, wie über eine Stiftung Häuser in Erbpacht reaktiviert werden können. Stichwort: Allmende. Gemeingut oder gemeinschaftlich genutzter Besitz. Pilotprojekt ist das Haus Bräutigam. Kolbmüller hat es vor Jahren vom Vorbesitzer erhalten, weil der keine weitere Verwendung für die einstige Pension in Halbhöhenlage in Schwarzburg hatte und sich die Abrisskosten sparen wollte. Nun gehört die Immobilie dem Verein „Zukunftswerkstatt“, der allerdings solche Häuser nicht selbst sanieren und bewirtschaften kann und will. Kolbmüller schwebt eine „Art Hütten-Idee“ vor, die auch „für einige andere Häuser im Schwarzatal“ die Rettung sein könnte.

Kolbmüller sieht „das Tal nicht primär als touristische Destination“, sondern als „einen lebenswerten Raum auch für neue Leute“. An die Stelle des Frustes, der auch Humus für einen Rechtsdrall darstellt, wie Wahlergebnisse zeigen, hofft er, dass es gelingt „einen neuen Geist hier einziehen zu lassen“.

Realistisch betrachtet werde sich das Schwarzatal touristisch „nicht an Südtirol oder am Elsass“ messen können, sagt Kolbmüller. „Wir haben hier nicht die Gastkultur, die ein Tourist in solche Regionen ganz selbstverständlich erwartet.“ Das Schwarzatal solle einen eigenen Weg gehen: „Wir machen – und darin ist die Iba stark – punktuell und zum Teil mit homöopathischen Dosen klar, was geht. Und wir hoffen, dass das ausstrahlen wird.“ Ein gutes Beispiel ist jenes Sommerfrische-Haus in Dröschnitz, das im vergangenen Jahr eröffnet und jüngst mit dem Thüringer Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Die „andere Art von Tourismus“ könnte so aussehen: Interessierte, wie jetzt ein Gruppe im Umfeld der Bauhaus-Uni Weimar, gründen einen Verein, übernehmen das Haus Bräutigam in Erbpacht. Sie sanieren, regeln den Ausbau und Erhalt. Das Eigentum verbleibt derweil bei einer Stiftung. Kolbmüller sieht dafür gute Chancen: „Die Landlust boomt in den Städten. Aber ein Haus kaufen: Das ist eine hohe Schwelle. Wenn es uns aber gelingt, dank der Erbpacht die Schwelle niedrig zu machen, werden auch jüngere Stadtbewohner dieser Landsehnsucht nachgeben. So kommen neue Leute ins Tal, die neue Leute nach sich ziehen. Das passiert jetzt gerade.“

Weimarer Verein sorgt sich um Haus Bräutigam

Die Idee, sich nicht mit dem Besitz belasten zu müssen und dennoch auf lange Zeit eine feste Bleibe auf dem Land zu haben, ist anziehend, wie das Beispiel aus Weimar zeigt: Schon mehr als 20 Personen haben sich zusammengefunden: Architekten, Bauingenieure – manche studieren noch, andere stehen schon im Berufsleben. Nun steht die Sanierung an. Geregelt wird, macht Kolbmüller deutlich, dass jeder, der freiwillig Hand anlegt, diese Leistung gut geschrieben bekommt und später gegen Zeit im Haus eintauschen kann. „Ich bin ganz baff, wie weit die schon sind mit der konkreten Umsetzung“, sagt Kolbmüller. Auch hier habe sich die Iba hilfreich gezeigt – und den Interessierten den Weg zu Fördermitteln gewiesen.

Wichtig aus Kolbmüllers Sicht ist, dass mit der „Hütten-Idee“ keine aufwendige, sondern eine „sparsame Sanierung“ verbunden ist, bei der es in erster Linie um den Erhalt solcher Sommerfrische-Häuser geht. Das bedeute, dass in diesen Immobilien nicht Touristen mit einem Mehr-Sterne-Anspruch absteigen, sondern Menschen, denen es eher um einfaches Leben in Gemeinschaft geht und „die neues Leben ins Tal bringen. Ich denke, dass hier städtische Communities andocken werden“, hebt er hervor. „Niemand will, dass wieder so viele Leute im Schwarzatal Urlaub machen, wie das zu DDR-Zeiten und in den 1920ern der Fall war. Wir wollen das schon deshalb nicht, weil die heutzutage alle mit dem Auto kämen – und alles verstopfen“, sagt Kolbmüller. Gerade deshalb seien zukunftsträchtige Ideen für das Tal so wichtig.

Um das Projekt mit dem Namen „Sommerfrische Allmende Schwarzatal“ voranzubringen, braucht es die Trias-Stiftung , die Immobilien „ nicht marktorientiert“ verwaltet, wie Kolbmüller betont, denn: „Der Markt richtet es ja nicht in diesen ländlichen Regionen“, wo solche Häuser kaum einen monetären Wert darstellen – und dem Verfall preis gegeben sind. Noch liegt der Plan allerdings auf Ministeriumsebene. Seit mittlerweile einem Jahr, weshalb es nun auch bei einem Sommerfrische-Haus in Bockschmiede hinter Sitzendorf ein Privatinvestor richten soll: Die Immobilie wurde für 41.000 Euro an einen Mann aus dem europäischen Ausland verkauft. Das Dach sei dicht, aber am Haus – sehr ruhig und an einem Bach gelegen – sei einiges zu machen, sagt Kolbmüller. Der Käufer hatte das Anwesen vor dem Zuschlag nicht einmal in Augenschein genommen und jetzt angekündigt, er werde seinen Anwalt vorbeischicken, um nachschauen zu lassen, was er erworben habe. Kolbmüller hätte sich das Anwesen gut im Bestand der Stiftung vorstellen können: „Aber wir sind noch nicht so weit...“

Das Schwarzatal hat vermeintliche Investoren kommen und verschwinden sehen. „Dass beim Kauf nur der Preis interessierte und nachher womöglich nichts passiert, haben wir immer wieder.“ Kolbmüller spricht von Dutzenden solcher Fälle, die seit 1990 aufgetreten seien, und auch davon, dass manches Haus mittlerweile nur noch eine Ruine und damit verloren sei. Immer wieder stellt sich folgendes Problem: Wenn die neuen Eigentümer die Lust verloren haben und nicht mehr greifbar sind, rotten solche Immobilien vor sich hin.

Aber Kolbmüller und seine Mitstreiter verzagen nicht und verweisen auf die Hoffnungsschimmer. Davon gibt es einige, beispielsweise mit Blick auf die Jugendherberge in Schwarzburg, die sich im Eigentum der Gemeinde befindet. Wenn die jetzige Herbergsmutter, die „mit ganz viel Herzblut und unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen“ bei der Sache war und ist, nächstes Jahr in Rente geht, sollen drei junge Familien aus Dresden in Erbpacht einsteigen, um eine Herberge – etwa auch mit waldpädagogischer Ausrichtung – anbieten zu können. Ebenfalls ein Auge auf die Region geworfen haben Menschen aus Berlin, die sich gut mit dem Ferienhaus-Geschäft auf Rügen auskennen – und nun ins viel ruhigere Schwarzatal wollen. Der Kontakt kam über die Iba zustande. Der Kauf eines leerstehenden Wohnblocks sei bereits getätigt worden. Die Übernahme einer Gaststätte sei der nächste Schritt. „Wenn einer kommt und so ein Haus schick ausbaut und Ferienwohnungen anbietet, ist das vollkommen in Ordnung“, sagt Kolbmüller. Bei den Berlinern habe er den Eindruck: „Die wissen, wovon sie reden.“ Er hofft, dass solche positiven Beispiele dafür sorgen, dass noch mehr Zuzügler Fuß zu fassen.

Neue Leute wegen der Demokratie wichtig

Wichtig sei, „dass die Häuser und Ortsbilder erhalten bleiben und über die Sommerfrische auch in unsere Gesellschaft eine andere Dimension reinkomm. Einiges ist schief gelaufen“ seit 1990, manches von außen, anderes durchaus auch „selbst verschuldet“ in den Jahren nach der friedlichen Revolution, sagt Kolbmüller. Abwanderung und Überalterung sind die Folgen. „Wenn mittlerweile 30 Prozent AfD wählen, heißt das, dass 70 Prozent nicht die AfD wählen. Und das Erste, was wir tun müssen, ist: Diese 70 Prozent stärken. Und das Zweite: Wir brauchen neue Leute – aus demografischen und aus demokratischen Gründen“, hebt er hervor.

Arbeitsplätze, die beim jetzt begonnenen Wandel im Schwarzatal gewiss auch entstehen werden, spielen nicht die Hauptrolle. An qualifizierten Stellen ist in der Region kein Mangel: Ob bei Otto Bock in Königssee oder in Unternehmen in Saalfeld. „Überall steht da: Wir suchen. Und gesucht werden nicht irgendwelche Hilfskräfte...“, weiß Kolbmüller. In dieser Hinsicht ist die Region offenbar nicht abhängig.

Anders sieht es aus, wenn es um das Digitale geht. Gut also, dass die Thüringer Wirtschaftsstaatssekretärin Valentina Kerst, die als Fachfrau auf diesem Gebiet gilt, zum Tag der Sommerfrische am letzten Augustsonntag ins Schwarzatal kommen will. Kolbmüller und seine Mitstreiter wissen nur zu gut, dass noch einiges passieren muss, damit die Region Teil der Vernetzung ländlicher Räume wird und nicht im Funkloch verharrt. Kolbmüller macht sich zudem auch Gedanken über bürgerschaftliche Möglichkeiten beim Breitband-Ausbau.

Zukunftsfähiger Landschaftsraum

Der Tag der Sommerfrische lag bisher in den Händen der Zukunftswerkstatt: Doch nun soll – dank Iba, Tourismusverein Rennsteig-Schwarzatal und weiterer Partner – dieses Vorhaben aller Voraussicht nach beim regionalen Tourismusverein angesiedelt werden. Kolbmüller freut sich darüber: „Dann können wir uns als Zukunftswerkstatt wieder anderen Themen widmen.“ Sein Plan: Die Zukunftswerkstatt soll „neu aufgestellt“ werden, gerade auch mit „den neuen Leuten im Tal“. Dabei stelle sich etwa die Frage, wie Gastlichkeit möglich wird, wenn die klassische Gaststätte keinen Betreiber findet? Die Antwort darauf ist noch Zukunftsmusik.

Ulrike Rothe von der Iba hebt hervor, dass das „resiliente Schwarzatal als Kooperation auf landschaftlich-regionaler Ebene die Möglichkeit bietet, jenseits der kleinteiligen Verwaltungsstrukturen und ihrer möglichen Neuordnung“ zu entwickeln – und zwar als „gemeinsamen zukunftsfähigen Landschaftsraum.“ Und dies haben auch Kolbmüller und seine Mitstreiter weiterhin im Sinn.

Stadt und Land: 28 Iba-Vorhaben

  • Die Internationale Bauausstellung (Iba) Thüringen wurde 2012 auf Beschluss der Landesregierung gegründet, der Freistaat ist einziger Gesellschafter.
  • 2014 erfolgte der Aufruf Zukunft „StadtLand“. Von den aktuell 28 Iba-Vorhaben haben sich bereits 12 als Projekt qualifiziert. Iba-Kandidat wird, wer gute Ideen und Konzepte für die Wechselwirkung von Stadt und Land vorweisen kann, für Beziehungen zwischen Individuen und Natur, Siedlung und Landschaft, Gesellschaft und Ressourcen.
  • Die Iba dauert bis 2023, regionale Projekte sollen darüber hinaus wirken. Wir stellen einzelne Projekte vor.
  • Informationen gibt es unter: www.iba-thueringen.de

www-sommerfrische-schwarzatal.de Tag der Sommerfrische, Sonntag, 25. August, bereits am Samstag, 24. August, gibt es einen Erzählsalon: 19 Uhr, Kultursaal Schwarzburg

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