Thüringen braucht deutlich mehr Zuwanderung von Fachkräften

Erfurt  Die Botschaft des Chefs der Thüringer Arbeitsagenturen: Ohne viel mehr ausländische Arbeitskräfte wird das Land seinen Wohlstand nicht halten.

Einheimische Arbeitskräfte reichen laut Experten bald nicht mehr aus, den Fachkräftebedarf in Thüringen zu decken.

Einheimische Arbeitskräfte reichen laut Experten bald nicht mehr aus, den Fachkräftebedarf in Thüringen zu decken.

Foto: Patrick Pleul, dpa

Freilich hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Stimmen gegeben, die gesagt haben: Wir brauchen Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt in Thüringen. Doch so deutlich, wie der Chef der Arbeitsagenturen in Thüringen es vor Kurzem in Erfurt formulierte, sind solche Äußerungen selten gewesen. Wenn es sie überhaupt in dieser Eindringlichkeit gegeben hat. Zwar bemüht Kay Senius bei einem Termin in den Räumlichkeiten der Arbeitsagentur in Erfurt häufig das Monsterwort vom „Erwerbstätigenpotenzial“. Doch seine Botschaft ist trotzdem nicht misszuverstehen: Auch wegen des demografischen Wandels werden in den nächsten Jahrzehnten immer weniger Menschen in Thüringen im erwerbsfähigen Alter sein; also in etwa im Alter zwischen 15 und 65 Jahren.

Und nur, wenn Ausländer nach Thüringen kommen können und werden, um hier zu arbeiten, werden sich die Menschen – betriebswirtschaftlich: Arbeitskräfte – ersetzen lassen, die im Freistaat als Beschäftigte fehlen, weil sie aus Thüringen weggezogen sind, auspendeln oder nie geboren wurden.

Wer jetzt denkt: „Na und? Dann haben wenigstens all diejenigen Arbeit, die noch hier sind“, der denkt nicht weit genug. Auch das macht Senius ganz klar. Denn weniger Erwerbstätige sind ein großes Problem für den wirtschaftlichen Frieden im Land, der den sozialen Frieden im Freistaat ganz maßgeblich bestimmt.

Das liegt daran, dass es bei der Zahl der Erwerbstätigen nicht nur um Jobs für die geht, die arbeiten. Oder Stellen in Unternehmen, die besetzt werden müssen. Sondern auch um Steuern und Sozialabgaben. Denn nur, wenn jemand arbeitet, zahlt er auch Steuern, zahlt in die Kranken- und in die Rentenversicherung ein. Und nur, wenn viele, viele Leute das tun, ist in den öffentlichen Kassen genug Geld, um Straßen und Schulen zu bauen und zu sanieren und die Kosten für die Alten und Kranken im Land zu tragen. Gibt es nicht genügend Erwerbstätige, dann haben die zwar alle einen Job. Aber der Allgemeinheit fehlt Geld, das sie für die öffentliche Infrastruktur und steigende Anzahl von Alten und Kranken braucht.

Wohl auch, weil das so ist, kämpft Senius so intensiv darum, möglichst vielen Menschen in Thüringen klar zu machen, dass es ohne ausländische Arbeitskräfte im Land nicht gehen wird. Eben weil bei Frauen, Schwerbehinderten, Langzeitarbeitslose, Älteren oder Pendlern das „Erwerbstätigenpotenzial“ fast ausgeschöpft ist. Geradezu dankbar, sagt Senius bei dieser Gelegenheit, sei er Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der immer wieder erklärt, der Freistaat brauche Zuwanderung. Dringend.

Dass Senius mit diesem Lob für den Linke-Politiker keine politische, sondern eher eine persönliche Wertschätzung ausdrückt, wird dadurch sichtbar, dass der Mann von der Agentur in der Diskussion um Zuwanderung gleichzeitig auf etwas hinweist, das viele in Ramelows Partei nur ungern hören. Etwas, das die Thüringer CDU in der Diskussion um Migranten immer wieder unterstreicht. Auch Senius sagt ganz unverblümt, dass die Zuwanderung, die Thüringen brauche, eine Zuwanderung von Fachkräften sei; keine Zuwanderung von Flüchtlingen. Womit er eindeutig trennt zwischen Menschen, die nach Thüringen kommen sollen, weil sie dem Land nutzen, und denen, die aus humanitären Gründen Schutz und Aufnahme im Freistaat finden sollen. Derlei Trennung wird im linken politischen Spektrum abgelehnt, weil sie in der linken Lesart Menschen angeblich in Nützliche und Un­nütze einteilt.

Gleichzeitig spricht Kay Senius zwar davon, dass er als Optimist zuversichtlich sei, der Freistaat Thüringen könne in den nächsten Jahren tatsächlich viele Menschen aus dem Ausland als Fachkräfte gewinnen. Was aber eher eine Floskel ist. Denn das, was er als Gründe dafür benennt, dass nach seinen Angaben derzeit nur etwa vier Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in Thüringen Nicht-Deutsche sind, lässt auch keinen Zweifel daran, wie schwer es werden wird, Ausländer in den Freistaat zu locken. Weil eine Großzahl der Hindernisse für mehr wirtschaftlich erwünschte Zuwanderung nach Thüringen solche sind, die sich nicht per Gesetz oder Verordnung beseitigen ­lassen.

Zum Beispiel, sagt Senius, seien ausländischen Fachkräften die Verdienstmöglichkeiten wichtig, die es in der Region gebe, in die sie zuwandern wollten oder sollten. Doch bei den Durchschnittslöhnen liege Thüringen eben noch immer deutlich unter dem West- und sogar Ostniveau. Das mache das Land verhältnismäßig unattraktiv für Menschen aus dem Ausland. Das mittlere Einkommen im Freistaat liegt, je nach Berechnung, bei 2367 Euro brutto pro Monat, im Osten sind es 2510 Euro.

Und dann sei da noch die Sache mit der Willkommenskultur und der ausländischen Gemeinschaft in einer Region. Zuwanderer gingen dorthin, wo sie sich willkommen fühlten und bereits Menschen ihrer Nationalität lebten, sagt Senius; was die Zuwanderungserfahrungen aus Deutschland aus den vergangenen Jahrzehnten bestätigen. Doch nicht nur, dass es in Thüringen bislang nur so wenige Ausländer gebe, dass man kaum von entsprechenden Gemeinschaften in einzelnen Regionen sprechen könne, die attraktiv für weitere Zuwanderer seien. Besonders der Thüringen-Monitor, auf den Kay Senius verweist, zeigt seit Jahren, dass viele Thüringer vor allem Angst vor Fremden haben; und es vielerorts um die Willkommenskultur im Land damit schlecht bestellt ist.

Umso besorgniserregender für die Zukunft des Landes ist es also, dass Senius der Frage ausweicht, ob es eigentlich einen Plan für Thüringen gebe, wenn es nicht gelingen sollte, Hunderttausende Menschen aus dem Ausland nach Thüringen zu holen.

Leitartikel: Wohlstand für alle