TLZ-Zukunftsforum: Folgen und Chancen des Erfurter Logistikbooms

Logistikboom in Erfurt - und kein Ende in Sicht? Das 13. Erfurter Zukunftsforum diskutierte am Dienstag Abend in Erfurt über die Konzentration von Logistik-Unternehmen in und um Erfurt.

Der Zeitfaktor ist der Grund, warum Logistik-Unternehmen so viele Dinge lieber per Lkw und Transporter auf der Straße befördern, sagt KNV-Geschäftsführer Uwe Ratajczak. Der Kunde will die Ware sofort. Foto: Marcus Scheidel

Der Zeitfaktor ist der Grund, warum Logistik-Unternehmen so viele Dinge lieber per Lkw und Transporter auf der Straße befördern, sagt KNV-Geschäftsführer Uwe Ratajczak. Der Kunde will die Ware sofort. Foto: Marcus Scheidel

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Erfurt. Heute im Online-Shop ein schickes Kleid entdeckt und am liebsten morgen schon per Paket ins Haus schicken lassen und vorm Spiegel anprobieren - am liebsten mit einem Paar passenden Schuhen vom Konkurrenzunternehmen. Die Liste ließe sich mit Büchern, CDs, Werkzeugen, Elektronik und mehr beliebig erweitern. Der Kunde und der Markt erwarten, dass die Ware lieber vorgestern ins Haus flattert. Und sich bei Nichtgefallen genauso problemlos zurückschicken lässt.

"Irgendwie muss das Zeug in die Geschäfte gelangen"

"Auch wir transportieren unsere Bücher über die Straße", räumt Uwe Ratajczak ein. Er ist Geschäftsführer bei KNV. Derzeit entsteht im Norden Erfurts "das größte Bücherregal" Europas. In Kühnhausen wird eine Fläche von etwa 44 Fußballfeldern überbaut. 1000 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Das Bild von der Logistik-Branche, die lediglich Päckchen packt und per Lkw kreuz und quer durch die Republik schickt, versuchten auch die weiteren Podiumsgäste zu relativieren. "Logistik betrifft uns alle, irgendwie muss das Zeug ja in die Geschäfte gelangen", hatte Gudrun Gießler vom Mitveranstalter "Wir für Erfurt e.V." in ihren einführenden Worten gesagt.

Gegen das Etikett, Logistik findet hauptsächlich auf den Straßen statt, wehrte sich auch Joachim Werner vom Logistik Netzwerk Thüringen e.V., dessen Unternehmen Axthelm+Zufall seit 1996 in Nohra sitzt. Und er bescheinigt Thüringen, dass es für die Logistik fantastisch aufgestellt ist.

"Logistik hat ihren Ursprung in der Produktion der Industrie. Und Logistik hat sehr viel mit Technik und IT zu tun", begründete er, warum es vieler qualifizierter Mitarbeiter bedarf.

Jobs in breiter Vielfalt angeboten

Wie sich die Ansiedlung von großen und zahlreichen kleineren Unternehmen der Logistik-Branche direkt auf eine niedrigere Arbeitslosenquote auswirkt, lässt sich in Zahlen schlecht ausmachen, betonte Beatrice Ströhl von der Arbeitsagentur Erfurt. Der Bedarf dieser Firmen an Arbeitskräften beschränkt sich jedoch nicht auf Leute, die angelernt werden und Päckchen packen, sondern umfasst eine Ebene mit betrieblicher Berufsausbildung und Leute mit Hochschulausbildung. Nach solchen Spezialisten - geschätzt 150 bis 180 von den 1000 angestrebten Mitarbeitern - sucht beispielsweise KNV, während das Logistikzentrum selbst noch Baustelle ist.

Von etwa 100.000 Menschen in Arbeitsverhältnissen in Erfurt würde Ströhl bis zu 18.000 im weitesten Sinne der Logistikbranche zuordnen. "Natürlich ist da auch die Fachverkäuferin im Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt eingerechnet. Aber egal wie man den Bereich abgrenzt: Diese Zahl hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Und dies hat die Senkung der Arbeitslosenquote befördert." Was man mit Sicherheit sagen könne: Menschen mit abgebrochenen beruflichen Biografien, gewissermaßen beruflich in schwierigem Fahrwasser, fanden im größeren Umfang Arbeit.

"Wir sagen nicht von vornherein, das machen wir nicht"

Kritische Stimmen, zum Beispiel aus dem Stadtrat, zu möglichen weiteren Ansiedlungen von Logistikern nimmt Kathrin Hoyer, Beigeordnete der Stadt für Wirtschaft und Umwelt, sehr wohl war. Doch würde sie keinen potenziellen Investor wegschicken, sondern jeden freundlich empfangen, über Ziele und Pläne sprechen. "Wir sagen nicht von vornherein, das machen wir nicht - außer bei einem Atomkraftwerk." Sie stehe dazu, dass sie sich eine intensivere Nutzung der Bahnanschlüsse wünsche. Und auch wenn die Idee von Gründächern gern belächelt werde, gebe es baulich sehr viel mehr Möglichkeiten, künftig mit Flächenversiegelung besser umzugehen. Bislang sei das aus Kostengründen von den Unternehmern nicht gewünscht.

Die Entwicklung auf dem Gebiet der Leiharbeit beziehungsweise Zeitarbeit sieht laut Ströhl in Mittelthüringen so aus, dass sie häufiger in feste Arbeitsverhältnisse mündet. "Ohne kommen wir nicht aus, sonst passiert zu Spitzenzeiten wie Weihnachten nichts. Allerdings halte ich eine Beschäftigung von Leiharbeitern über Monate und Jahre für betriebswirtschaftlichen Unsinn", urteilte Ratajczak und erntete in dieser Runde damit keinen Widerspruch.

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