Untermann: "Thüringens Dörfer dürfen nicht sterben"

Heinz Untermann ist ein Kind des ländlichen Raumes. Der Liberale lebt in Großneuhausen, einem Örtchen mit knapp 800 Einwohnern. Er sitzt dort seit Jahrzehnten im Gemeinderat, war früher stellvertretender Bürgermeister und hat lange Zeit eine Kneipe betrieben. "Der ländliche Raum ist ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen", ist Untermann felsenfest überzeugt.

Heinz Untermann, der in Großneuhausen (im Bild) lebt, meint: "Wir müssen in die Attraktivität des ländlichen Raumes investieren und nicht die Menschen alle in die Städte umsiedeln." Archiv-Foto: Peter Hansen

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Erfurt/Großneuhausen. Umso aufgebrachter war der 64-Jährige der seit 2009 für die FDP im Landtag sitzt, als er hörte, dass es Forderungen gibt, reihenweise Dörfer in Thüringen dicht zu machen. Der Berliner Wissenschaftler Steffen Kröhnert hatte bei einer von unserer Zeitung moderierten Demografiekonferenz des Verbandes der Ersatzkassen sich davon überzeugt gezeigt, dass manche Dörfer in den nächsten Jahren aufgegeben werden müssten. "Für kleine Orte mit wenigen Einwohnern sollte man ein Programm auflegen, um den Bewohnern beim Umzug in besser versorgte Orte zu helfen", sagte Kröhnert. Außerdem regte er an, dass der Abriss von "Schrottimmobilien" in ländlichen Regionen gefördert werden sollte. Der Forscher vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlichte eine umfangreiche Studie über die Situation im Kreis Greiz. Demnach gibt es dort mehr als 200 Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern. Etwa die Hälfte davon habe überhaupt keine soziale Infrastruktur wie Schule, Arzt oder Kita.

Liberale empfehlen einen Blick über den Tellerrand

Für die Freidemokraten ist all das kein Argument, ganze Landstriche im Freistaat möglicherweise zu Wüstungen werden zu lassen. In der aktuellen Stunde des Landtags am morgigen Mittwoch wollen sie ihren Standpunkt nochmals klar formulieren. "Für Thüringens Zukunft – unsere Dörfer nicht sterben lassen!" ist der Tagesordnungspunkt überschrieben.

Untermann empfiehlt zur Weiterentwicklung dörflicher Gemeinschaften den Blick über den Tellerrand, genauer über Landesgrenzen. Im österreichischen Thüringen, wo die FDP-Fraktion kürzlich zu Gast war, gebe es bereits entsprechende Modelle. Neun Gemeinden hätten dort ein Kooperationsprojekt für Altenpflege und Schülerbetreuung ins Leben gerufen. In dem im vergangenen Jahr für acht Millionen Euro erweiterten und sanierten Sozialzentrum befänden sich 19 Einzelzimmer für langfristigen Pflegebedarf, neun Seniorenwohnungen, Kurzzeit-Pflegebetten sowie Betten für die Tages- und Nachtbetreuung, ein mobiler Hilfsdienst sowie ein Mittagstisch für Schüler.

Für Untermann sind die Aktivitäten in der Alpenrepublik ein Paradebeispiel, das auch auf Thüringen übertragen werden könnte. "Wir müssen in die Attraktivität des ländlichen Raumes investieren und nicht die Menschen alle in die Städte umsiedeln", sagt er. Dazu gehören aus seiner Sicht ebenso Erleichterungen für Kleinunternehmer, die sich engagieren wollen. So würden in Österreich "Tante-Emma-Läden" steuerlich besser gestellt, um sich gegen die Konkurrenz der großen Handelsketten behaupten zu können. "Warum sollte das nicht in Deutschland möglich sein?", fragt der Parlamentarier.

Funktionierendes Gemeindeleben gegen rechte Brut

Auch kleine Orte wie seine Heimatgemeinde Großneuhausen böten mit den vielfältigen Aktivitäten genug Anreize, dass sich inzwischen sogar wieder junge Erwachsene hier ansiedelten. "Wir haben einen Fußball-, einen Schützen-, und einen Feuerwehrverein", erzählt er. Auch die Landfrauen seien organisiert. Nicht zu vergessen die Kleingärtner und Kleintierzüchter.

Natürlich sei einer der wichtigen Faktoren dabei auch, die Anbindung an die urbanen Zentren aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund sei es wichtig, in den öffentlichen Personennahverkehr zu investieren. Und dort, wo es ein intaktes Gemeindeleben gibt, "hat auch die rechte Brut keine Chance", weist Untermann auf einen weiteren nicht zu unterschätzenden Aspekt hin.

Thüringen habe bereits viel getan, um seine Landstriche herauszuputzen, jetzt dürfe man nicht einen Irrweg einschlagen und sie plattmachen. "Dann wäre nämlich die ganze Dorferneuerung", sagt Untermann, "für die Katz."

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