Zalando klagt gegen Undercover-Reporterin, die im Erfurter Betrieb recherchierte

Zalando-Sprecher Boris Radke ist auch durchs Telefon gut hörbar sehr erregt. Er dürfte auch allen Grund haben, nachdem am Montagabend auf dem Sender RTL im Format "Extra" eine Reportage zu sehen war, bei der sein Unternehmen nicht gut wegkam.

Im Zwielicht: Zalando verklagt die RTL-Reporterin, die undercover im Erfurter Betrieb recherchierte und über Missstände der Firma berichtete. Foto: dpa

Im Zwielicht: Zalando verklagt die RTL-Reporterin, die undercover im Erfurter Betrieb recherchierte und über Missstände der Firma berichtete. Foto: dpa

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Erfurt/Köln/Berlin. Vermeintliche Verstöße gegen das Arbeitsrecht, Bespitzelung und Gängelung der Mitarbeiter im Erfurter Logistikzentrum wurden dabei im Rahmen einer Undercover-Recherche moniert. "Diese Form der Berichterstattung ist eine Sauerei", sagt der Zalando-Sprecher. Dass ein anonymer Mitarbeiter bei RTL dem Unternehmen "Stasi-Methoden" unterstelle, da sträubten sich ihm die Haare. "Wir hätten gerne Hinweise auf konkrete Missstände aufgegriffen und mit den Mitarbeitern besprochen."

Die eigenen Erfahrungen sähen anders aus. So weist man beim Online-Modehändler darauf hin, dass bei einer anonymen Mitarbeiter-Befragung herausgekommen sei: "88 Prozent unserer Mitarbeiter macht ihre Tätigkeit Spaß", zudem planten 84 Prozent der Mitarbeiter langfristig zu bleiben. In der "Extra"-Reportage hatte die Reporterin, die etwa drei Monate unentdeckt bei Zalando gearbeitet hat, zum Beispiel moniert, teilweise mehr als 20 Kilometer Fußweg während einer Acht-Stunden-Schicht zurückgelegt zu haben: "Wahrscheinlich ist die Dame an einem Tag bisher nie mehr als 10 Kilometer gelaufen", sagte Radke. Da schmerzten natürlich erst einmal die Füße. Seine Firma verbiete dabei keineswegs kategorisch das Sitzen während der Arbeitszeit, so wie im Film dargestellt. Dort wurde auch gezeigt, dass auf Basis von Produkten, die einzelne Personen aus Regalen in Pakete sortiert hatten - das sogenannte Picken -, die Leistung der Mitarbeiter verglichen wurde. Das, so kommentiert bei RTL ein Arbeitsrechtler, sei illegal.

Zalando-Sprecher Radke: "Auch wir haben uns natürlich arbeitsrechtlich beraten lassen und sind daher der Auffassung, dass unsere Vorgehensweisen in Ordnung sind." Sofern einzelne Teamleiter von dieser Norm abweichen würden, dürfe man daraus keine Rückschlüsse auf die Firma zu ziehen. Die RTL-Reporterin wurde von Zalando derweil entlassen, als ihre Arbeit entdeckt wurde - nun wird sie von Zalando verklagt.

Die Bundesagentur für Arbeit in Erfurt - bei der Arbeitsvermittlung ein wichtiger Partner des Unternehmens - sieht zumindest keine unmittelbaren Konsequenzen. Man werde die Berichterstattung im Rahmen der Zusammenarbeit thematisieren, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung . Grundsätzlich sei die Zalando Logistics GmbH & Co. KG ein Arbeitgeber wie jeder andere auch, heißt es.

Immerhin 1800 Personen haben allein die Arbeitsagentur in Erfurt sowie die Jobcenter der Region an die Zalando-Logistiktochter vermittelt. Weitere dürften auch von weiter her zum Logistik-Dienstleister des Versandhändlers vermittelt worden sein. Derzeit arbeiten dort mehr als 2000 Menschen, wie der Zalando-Sprecher der TLZ sagte. Die Einstellung der Vermittlungstätigkeit ist für die Agentur für Arbeit nur dann denkbar, wenn die Arbeit dort gegen "ein Gesetz oder die guten Sitten verstößt"

Gründung eines Zalando-Betriebsrats empfohlen

Beim Thüringer Wirtschaftsministerium gibt man sich ebenfalls reserviert. Verstöße gegen das Förderrecht seien nicht zu erkennen - Zalando hatte im Zuge der Ansiedlung in Erfurt mehr als 20 Millionen Euro Fördermittel zusätzlich zu 170 Millionen Eigenmitteln des Unternehmens erhalten. Fragen des Arbeits- und Datenschutzes müssten allerdings von den zuständigen Stellen - etwa dem Datenschutzbeauftragten oder dem Amt für Arbeitsschutz - überprüft werden.

Mit diesen Stellen solle Zalando umfänglich zusammenarbeiten. "Sollte es tatsächlich Belege für bewusste Verstöße gegen geltendes (...) Recht geben, wird auch die Frage der Förderfähigkeit neu zu stellen sein", heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. Grundsätzlich müssten Mitarbeiter Anlaufstellen im Betrieb haben - deshalb ermutige man die Menschen bei Zalando zur Gründung eines Betriebsrats. Dieser könne zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern auch eine Schlichtungsfunktion übernehmen. Vorverurteilungen des Unternehmens dürfe es nicht geben.

Firmensprecher Radke sieht Zalando zu Unrecht am Pranger: Andere Logistiker in der Region zahlten für eine vergleichbare Arbeit deutlich weniger - Einstiegslohn bei der Firma sind derzeit 8,79 Euro für "Picker".

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