Erfurt. Shane MacGowan war die Stimme von The Pogues und 1988 auf der Höhe seiner Kunst. Christian Werner über das Album „If I should fall from Grace with God“.

Wenn auf den diesjährigen Weihnachtsmärkten der Song „Fairytale of New York“ von The Pogues wieder durch die Gassen der Marktstände schunkelt, wird sicher das ein oder andere Glas Glühwein zum Toast auf Shane MacGowan erhoben werden. Man kann aber in stiller Trauer auch den Konsum von Alkoholika jeglicher Art kritisch überdenken. – Der irische Sänger war zeitlebens ein Trinker, den seine Tante bereits im Vorschulalter zum Alkohol gebracht haben soll. Eine Versuchung, die ihn ein Leben lang nicht mehr loslassen sollte.

Shane MacGowan ist am 30. November im Alter von 65 Jahren gestorben. Der Musiker und Pogues-Frontmann war für zwei Dinge berühmt, die erst einmal mit Musik nichts zu tun haben: Für seinen Alkoholkonsum, die damit verbundenen Exzesse und Ausfälle, sowie für seine schlechten Zähne.

The Pogues: Mutter aller Punk-Folk-Bands

Musikalisch aber hat er auch deutliche Meriten hinterlassen: The Pogues gelten als Mutter aller Punk-Folk-Bands. Als Sänger und Songschreiber prägte MacGowan die Hochphase der Gruppe von 1982 bis 1991; spätere Reunions konzentrierten sich einzig auf die Bühne.

Das Cover des Albums „If I should fall from Grace with God“ von The Pogues.
Das Cover des Albums „If I should fall from Grace with God“ von The Pogues. © Warner

Der bekannteste Song der Gruppe – oft gecovert, etwa von Sinéad O'Connor oder BAP mit Nina Hagen – ist „Fairytale of New York“, wohl der Weihnachtssong mit den meisten Schimpfwörtern. Die Single erscheint im Advent 1987 und stammt von dem dritten Album der Pogues „If I should fall from Grace with God”, das wenige Wochen später, aber bereits im neuen Jahr veröffentlicht wird. Es ist die erfolgreichste Platte der Band, die beliebteste mithin und der Zenit ihres Schaffens im Tonstudio.

Duettpartnerin ist erst eine Notlösung

Die Gruppe hatte einige Wechsel zu verkraften, die langjährige Bassistin Cait O’Riordan hatte die Band verlassen, um Elvis Costello zu heiraten. Für das geplante gesungene Streitgespräch zwischen MacGowan und ihr in „Fairy Tale…“ musste Ersatz her: Die Musikerin Kirsty MacColl, Ehefrau das aktuellen Band-Produzenten, war erst nur für eine Probeaufnahme eingesprungen und alsbald als würdig befunden.

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Die inzwischen auf acht Mann gewachsene Gruppe verließ für das Album die reine Lehre des Punk-Folks und öffnete sich stilistisch: In „Turkish Song of the Damned“ klingen orientalische Klänge an, „Fiesta“ ist ein bearbeitetes Cover der Lichtensteiner Polka, in „Metropolis“ klingt Ragtime, Swing und James-Bond-Theatralik an.

Über allem schwebt der Geist der irischen Folklore – und die launige, mal schnodderige, mal kratzbürstige und vom Punk geschulte Stimme Shane MacGowans. Er und seine Pogues haben traditionelle irische Instrumente wie Tin Wistle und Bodhran salonfähig gemacht für die Charts.

MacGowan singt über zerborstene Träume

Auch dafür ist „Fairy Tale…“ ein Paradebeispiel, zusätzlich gibt es Streicher, Blasinstrumente und Walzerelemente. In den Songtext dichtet MacGowan seine ewigen Lebens- und Liederthemen: Drogen, Liebe und zerborstene Träume, die er immer wieder projiziert in Geschichten über irische Auswanderer in Amerika. Ein Sehnsuchtsthema, ein Leidensthema.

MacGowan liebte das Leben, die möglichst kompromisslose Version davon. Eine seiner ersten Bans hieß Nipple Erectors, seine berühmteste Band nannte sich Pogue Mahone, der gälische Ausspruch bedeutet so viel wie „Küss meinen Hintern“. Erst auf Druck der Plattenfirma verkürzten die Musiker den Namen auf Pogues.

Wer den unsteten Lebenswandel MacGowans seit den Achtzigerjahren verfolgte, hätte wohl nie gedacht, dass er noch so viele Weihnachten erleben würde. Doch in die Trauer über den Tod dieses Überlebenskünstlers mischt sich auch eine Gewissheit: Es wird dieses Jahr zwar ein Weihnachten ohne Shane MacGowan, aber keins ohne „Fairy Tale of New York“. Es ist die Erfüllung eines Künstlertraums – etwas zu erschaffen, das bleibt.

Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor.