Aufruf zur Annäherung: Im Rahmen des Weimarer Kunstfest erfährt die Arte Povera eine Renaissance

Anhand von 46 authentischen Arbeiten eröffnet die aktuelle Ausstellung im Neuen Museum Weimar einen Dialog und eine Wiederbegegnung mit der Arte Povera - jener auf Unmittelbarkeit und Aufbruch setzenden Kunst der späten 1960er Jahre.

Vielgestaltig im Neuen Museum: Yannis Kounellis, "o.T.", 1991. Foto: Peter Michaelis

Vielgestaltig im Neuen Museum: Yannis Kounellis, "o.T.", 1991. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Als einst der Kunsthistoriker Germano Celant im Angesicht rebellischer Kunstpositionen Turins, Mailands und Roms den Begriff "Arte Povera" prägte, hätte er wohl niemals eine Vergesellschaftung dieser wunderbar reduzierten Arbeiten mit Weimar und Franz Liszt in Erwägung gezogen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Was in den späten sechziger Jahren in Folge einer allgemeinen Aufbruchstimmung als Kunst der Nähe, der feinsinnigen Intellektualisierung im Angesicht plumpen Materialismus und europäischer Geschichtsverdrossenheit begann, hat seinen Weg inmitten einer Aufbruchrenaissance zum Neuen Museum der Kulturstadt und zum Kunstfest "pèlerinages" gefunden.

Dort geht es, der Titulierung folgend, auf eine Reise, wie sie augenscheinlich nicht typischer für das konzeptionelle Signet des Neuen Museums sein könnte. Energetisch, elektrisiert und vielfach geistig stimulierend entführt die intentionelle Wanderung in die Welt der Zahlen, der Biologie, der Geographie und der Spiritualität. Die Transzendenz der 46 durchweg authentischen Arbeiten von Giovanni Anselmo bis Michelangelo Pistoletto ist, im weitesten Sinne des diesjährigen Kunstfest-Mottos "Anrufung", keineswegs erdacht, sie ist von Grund auf impliziert - gebannt in der artistischen Verve fast magischer Überhöhung oder sublimer Unterhöhlung traditionell-artistischer Prozesshaftigkeit.

Abseits der ausgetretenen Pfade herkömmlicher Kunstrezeption und -produktion vermitteln sensibel arrangierte, zumeist unscheinbare Dinglichkeiten wie Briefmarken, Spiegel und Tierhäute die Nähe zwischen Werk und Betrachter, um das Bewusstsein à la "povera" ohne große Tändelei für die Bedürfnisse und Offerten des Einzelnen zu schärfen.

Im charmanten Wortspiel mehr "Aufruf" denn "Anrufung" ergeht die Aufforderung mithin nicht an eine allumfassende göttliche Kraft, sondern an den Menschen als mediales Gefäß, dessen bisherige Kunstkenntnisse hinterfragt und im Stil eines antiken "Horror vacui" mit dem effektvollen Gusto der "Arte Povera" überschrieben werden.

Blick in die Antike

Vielgestaltig treten die Objekte in existenzieller bis greifbarer Wandel an den Einzelnen heran, um sich nicht selten des Gehörs höherer (Geistes-) Mächte zu versichern. Dass sie dabei gar mit Assoziationen zu der altertümlichen Götterwelt aufwarten, ist dem meisterhaften kuratorischen Händchen Friedemann Malschs geschuldet. Dass der Vaduzer Direktor des jungen, im Jahr 2000 eröffneten Kunstmuseums Liechtenstein mit dem visuell greifbaren Entree differenzierte Kunstfest-Akzente setzen kann, begreift er als große Chance, per Kunstdialog mit den Ländergrenzen auch gedankliche Schranken zu überwinden - hin zu einer Stärkung der langjährigen freundschaftlichen Beziehungen zu Weimar.

Was im Großen der Wunsch, ist im Kleinen bereits Realität. Als Malsch zusammen mit Valentina Pero Arbeiten aus der noch jungen, etwa 100 "arme Werke" umfassenden Museumssammlung wählte, waren ihm die Besonderheiten des hiesigen Neuen Museums Inspiration. Ebenso wie die vier Eckräume, in denen sich unter anderem die Arbeit Mario Merz "Senza titolo" als mit Fibonacchi-Zahlen versehenes Iglu aus Netzstoff, Bienenwachs und häuslichem Parkettuntergrund, als urtümliche, improvisierte Antithese zu der massiven Bauweise der 70er Jahre präsentiert.

In der "Prellergalerie" mit ihren Illustrationen der Homerischen "Odyssee" liegt, besonders "anrufend", Pans Flöte dem Betrachter zu Füßen. Ihr Klang gefroren, überzogen von weißem Reif, wie die Kupferplatte, auf der sie als Teil der Installation "Un flauto dolce per far mi suonare" (Eine Flöte, um mich zum Klingen zu bringen) von Pier Paulo Calzolari in seinem typischen Spiel mit Kühlmechanismen platziert wurde.

Dass der, von erstarrtem Wasser gebundene Ton nicht zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft zu Prellers Sirenenmalerei zu finden ist, darf als ein dramaturgisches Augenzwinkern der Kuratoren verstanden werden.

Völlig anders führt Giulio Paolini den Betrachter an die Kunst heran - indem er das Kunstwerk als solches hinterfragt. Bei "Dimostrazione" (Beweis) stehen sich zwei Malstaffeleien rückseitig gegenüber, auf ihnen Kreidetafeln mit einem stark vereinfachten Abbild einer Staffeleirückseite, deren genaue Zuordnung fehlschlagen muss.

Lügnerische Kunst

"Der Gedanke einer Malerei tritt als unzureichend und lügnerisch in Erscheinung", erklärt Malsch, "denn Malerei gibt vor, etwas zu sein, was sie nicht ist - ein Apfel beispielsweise. Doch Paolini gesteht seiner Arbeit diesen illusionistischen Anspruch nicht zu, bringt den Betrachter dadurch zum Nachdenken über die traditionelle Kunstproduktion und -intention."

"Nullus enim locus sine genio est" (Kein Ort ist ohne Geist) gravierte der Künstler an anderer Stelle auf eine unscheinbare Metalltafel und entfremdete das ursprüngliche Werbeschild mit der toten Sprache. Im Zusammenhang mit Ausstellungsort und -kontext erzielt diese Arbeit eine Schlüsselrolle - bleibt doch die "Anrufung" vor Ort. Und damit als "Genius Loci" manifest in Weimars Kunstfest-Mikrokosmos.

28. August bis 21. September, Di-So 11-18 Uhr; Eröffnung: Sonntag, 26. August, 11 Uhr; Katalog, 104 S., 19.90 Euro

Das Programm zum Kunstfest

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