Blick zurück aus der Dunkelkammer: Der Weimarer Fotokünstler Claus Bach

Claus Bach hat den Alltag und Untergrund der DDR auf Negativfilmen und Papierabzügen festgehalten

Foto:Peter Michaelis

Foto:Peter Michaelis

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Vergrößerungsgerät, Entwickler, Fotoschalen, Schneidetisch - in Claus Bachs Fotolabor ist alles noch an seinem Platz. Obwohl er es kaum noch benutzt. Höchstens mal, wenn ein Kunde einen ganz speziellen Papierabzug bei ihm bestellt oder ein besonderes Projekt ansteht. Dann lässt er die Jalousie herab und schaltet die Dunkelkammerbeleuchtung wieder ein. Rührt Entwickler und Fixiersalzlösung an und heizt die Trockenpresse vor. Das alles gehörte mal zum Alltag des Fotografen. Dunkelkammer - ein Wort aus dem 20. Jahrhundert!


"Im Labor war ich wie in einer Zeitkapsel eingeschlossen, nur das Radio lief", erinnert sich der Weimarer Fotograf und Künstler Claus Bach. In den 70er, 80er und 90er Jahren, als er jene Fotos aus dem Alltag und Untergrund der DDR schoss, die heute von Ausstellung zu Ausstellung wandern und in vielen zeitgeschichtlichen Dokumentationen zu finden sind. Aufnahmen von der Punkband "Der Rest" im Weimarer Jakobskirchgemeindehaus. Von den sowjetischen Offiziersfrauen, die mit flatternden Kopftüchern die Stufen der Gedenkstätte KZ Buchenwald herabsteigen. Oder von der Maidemonstration 1977 in der Karl-Liebknecht-Straße, als gerade eine Gruppe palästinensischer Studenten vorbeimarschiert. Schwarz-Weiß-Fotos, wie sie die digitale Bilderwelt von heute gar nicht mehr kennt. Und die sofort ins Auge stechen, wenn sie auf einer Zeitungsseite auftauchen.


Seit Oktober 2011 veröffentlicht die TLZ an jedem Donnerstag im Weimarer Lokalteil ein großformatiges Claus-Bach-Foto unter der Rubrik "Blick zurück". Die Bildkolumne erfreut sich allgemeiner Beliebtheit, zeigt sie doch nicht nur, was einmal war, sondern auch, wie sich alles verändert. "Die kleinen Läden da hinter der Palästinensergruppe gibt's nicht mehr", sagt Claus Bach. Aber einer der palästinensischen Studenten der damaligen Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen hat sich infolge der Bildveröffentlichung bei ihm gemeldet. Nach 35 Jahren! "Der ist heute Ingenieur und betreibt ein Baubüro in Dubai."


Claus Bach, der sich über jedes "Feedback" freut, achtet bei der Auswahl der zur Veröffentlichung bestimmten Fotos darauf, dass beim Rückblick die Jahreszeiten übereinstimmen. Die Motive wechseln und geben Einblick in alle Winkel der damaligen Gesellschaft. Mal grüßt eine Pioniergruppe mit "Immer bereit!", mal rebelliert der Elferrat der Hochschulstudenten im Gruppenfoto mit weißen Masken. Da wird eine verdienstvolle Köchin mit Präsentkörben in den Ruhestand verabschiedet oder liegen während des Zwiebelmarkts langhaarige Jugendliche im Gras. "Die Hippies auf der Wiese haben gestört. So etwas duldete man nicht", erinnert sich Claus Bach. "Im Jahr darauf wurde, um Zusammenrottungen zu verhindern, der Rasen zur Zwiebelmarkt-Zeit nass gespritzt."

Lieber die Nische als das Parkett


Claus Bach, 1956 in Schneeberg im Erzgebirge geboren, brach 1976 nach nur einem Jahr sein Studium der Baustoffverfahrenstechnik ab. Er blieb in Weimar, arbeitete als Buchdrucker, machte seinen Facharbeiter in Fotografie und war sieben Jahre als Fotograf an der Hochschule für Architektur und Bauwesen beschäftigt, ehe er sich 1985 in die Selbstständigkeit wagte. 1988 wurde er Mitglied im Verband Bildender Künstler.


Doch suchte er seinen Platz als Chronist mehr in der Nische als auf dem Parkett: "Mich hat immer der Alltag interessiert, nie der schöne Schein. Wenn ich abrissreife Häuser, Leute in einer Warteschlange oder Punks ablichtete, bekam ich manchmal von einem Kollegen zu hören: ,Das macht man nicht!' Doch, für mich gehörte es zur Realität. Und ich war im eigenen Auftrag unterwegs."


Claus Bach hatte Kontakte zur subkulturellen Szene in Halle, Leipzig, Dresden und des Prenzlauer Bergs in Ostberlin, war Mitherausgeber der "Günther-Jahn-Bach-Edition", in der handgemachte Künstlerbücher erschienen, und der Weimarer Kunstheft-Edition "Reizwolf", die im Untergrund kursierte. "So abenteuerlich sich das anhört, der Hintergrund war, dass wir in staatlichen Medien nicht veröffentlicht wurden."


Auch bei den Weimarer Demos im Wendejahr 1989 war er mit der Kamera dabei. Am 19. November gelangen ihm auf dem Weimarer Theaterplatz jene Aufnahmen, die heute zu den meistveröffentlichten gehören: Goethe und Schiller auf ihrem Denkmalsockel, mit einem Schild um den Hals: "Wir bleiben hier". "Die Kundgebung, auf der auch der Schriftsteller Wulf Kirsten sprach, sollte um zwölf beginnen. Ich war schon eine Stunde früher da und als erster auf dem Theaterbalkon, von wo man die riesige Menschenmenge gut überblicken konnte. Nach mir kamen die anderen Fotografen herauf, dann machte es nur noch klick, klick, klick."


Kunstfotografien und Selbstporträts gibt es im Arbeitslabor des Claus Bach auch. Längst nicht alle sind digitalisiert. Überhaupt ist dieses Archiv kein virtuelles, sondern ein handfestes - mit Ordnern und Pappkartons links und rechts im Regal. Die älteren Negativstreifen stecken in DDR-typischen blauen Taschen, die nach der Wende entwickelten sind auf A4-Seiten geordnet. Um an die Papierabzüge der 80er Jahre zu gelangen, muss Claus Bach mit dem Knie auf seine Arbeitsplatte klettern. Er nimmt einen Karton aus dem oberen Regalfach und öffnet ihn.

"Paare" konnten sich bewerben


Eine Aufnahme zeigt den schlacksigen Fotografen, mit der Hand an der Stirn, im langen offenen Laborkittel neben dem Vergrößerungsgerät. Ob in jener Zeit seine großartige "Paare"-Serie entstand, die demnächst im Neuen Museum Weimar gezeigt werden soll?


"Paare - das war so eine fixe Idee von mir: Ich wollte Leute fotografieren, die zusammen leben, in ihrem Zimmer oder in ihrer Wohnung - quer durch alle sozialen Schichten und Milieus." Nicht nur Ehe- und Liebespaare, auch Wohngemeinschaften, Geschwister, Freundinnen, Mutter mit Tochter, Vater mit Sohn und so weiter wurden zwischen 1986 und 1988 abgelichtet. Claus Bach begann in seinem persönlichen Umfeld und erweiterte den Kreis, indem er fremde "Paare" aufforderte, sich bei ihm zu melden. Im Weimarer "Gasthof zum Falken" stand eine beklebte Fotopapier-Schachtel mit Schlitz, durch den Interessenten Zettelchen mit ihrer Anschrift oder Telefonnummer einwerfen konnten. Claus Bach suchte sie dann daheim auf und fotografierte sie meist so, wie sie gesehen werden wollten: ein Rentnerpaar mit Vogelkäfig, zwei Schauspielstudenten beim Tanz, ein Punk-Paar vor Stereoanlage und Banner mit fünfzackigem Stern. Auch das ist Alltagskultur, die auf den Negativen und Papierabzügen des inzwischen weitgereisten Claus Bach, der zu Studienaufenthalten in London und New York weilte und heute natürlich digital fotografiert, eine Spur hinterlassen hat.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.