Cranach-Presse in Weimar: Ein delikater Abgesang

Eine Jahresausstellung der Anna-Amalia-Bibliothek widmet sich dem 100. Geburtstag der Weimarer Presse.

Als Gesamtschau mit kleinen Lückenliefert die Cranach-Presse-Ausstellung einen chronologischen Überblick. Foto: Peter Michaelis

Als Gesamtschau mit kleinen Lückenliefert die Cranach-Presse-Ausstellung einen chronologischen Überblick. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. "Das wichtigste Merkmal ist das starke Augenmerk auf die Typographie", erklärt Kurator Hans Zimmermann, seines Zeichens Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, im Angesicht der in erdbeerrotem Leder eingeschlagenen Buchbände der ehemaligen Weimarer Cranach-Presse (1913-1931). "Die weichen Lederfassungen sind ein ganz wesentliches Merkmal der Weimarer Buchdruckerei." Dabei beschränkt sich die Jahresausstellung "100 Jahre Cranach-Presse" der Bibliothek keineswegs auf die griffigen Bücher, die in allererster Linie "übersichtlich und gut zu lesen sein sollten", wie Kurator Zimmermann betont.

Illustriert durch Aristide Maillol

Die kleine, aber umfangreiche Schau gibt mit 58 Exemplaren der Buchkunst als Kernbestand und weiteren Ergänzungs- und Vergleichswerken gleichzeitiger Pressen, sowie Gemälden, Grafiken, Drucken, Briefen, Skizzen und einer kleinen Buchpresse einen streng chronologischen und historischen Überblick über das im Juli 1913 von dem nicht ganz zufällig in der Weimarer Cranachstraße wohnhaften Kunstmäzen Harry Graf Kessler gegründete Unternehmen, aber auch dessen Vorläufer. Mit einer nie zuvor in diesem Umfang gezeigten, 60-teiligen Fotodokumentations-Serie zur Entstehung wird der Besucher in Papier-freundlichem Dämmerlicht und Schlangenlinien durch die Schau im Renaissancesaal geleitet.

Dank der schwarz-weißen Darstellungen der Setzung von Wilhelm Shakespeares "Hamlet" kann jeder Schritt der Buchmanufaktur Anfang des 20. Jahrhunderts sukzessive nachvollzogen werden. Besonders wichtig sei es, so Bibliotheksdirektor Michael Knoche, einen umfangreichen kulturgeschichtlichen Eindruck über die Cranach-Presse zu liefern, die während ihres 18-jährigen Bestehens neben Harry Graf Kessler einen weiteren Geschäftsführer kannte, der 1902 auf Anraten des Grafen nach Weimar gekommen war.

Kein Geringerer als der gefeierte diesjährige Jubilar Henry van de Velde, der am 3. April 150 Jahre alt geworden wäre, vertrat Graf Kessler während des Ersten Weltkrieges und führte eine geschwungene, jedoch nicht geschnörkelte Schrift in Weimar ein. Das hätte seinem Sinn für effektvolle, pragmatische Ästhetik widersprochen.

Die gewundenen, teils marginal platzierten und reduzierten, teils opulenten und bildfüllenden Illustrationen der Cranach-Presse in Monochromie oder erstaunlicher Vielfarbigkeit gehen daneben auf internationale Künstler von Weltrang zurück. Hier wirkten im steten Blick auf die gleichzeitige "Arts and Crafts"-Bewegung neben dem "Alleskünstler" Henry van de Velde und dem Jugendstil-Künstler Marcus Behmer auch Größen der Kunstgeschichte wie der Engländer Edward Gordon Craig und der Franzose Aristide Maillol.

Salomo begleitet den Abschied

Vor diesem Hintergrund mag es wenig verwundern, dass die Weimarer Buchkunst im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts richtungsweisend gewesen seien, so Knoche. Neben den wunderbar reduzierten, zum Teil zweifarbigen Kriegspublikationen, die während Van de Veldes Wirkzeiten bis zu dessen endgültiger Abreise aus Weimar im Jahr 1915 entstanden, gibt es in der historischen Anna-Amalia-Bibliothek auch wahre Glanz- und Prachtstücke zu beschauen: Vergils "Eclogen" beispielsweise, oder aus der Vorgeschichte der Cranach-Presse die Vorzugsausgabe von Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen", das 1908 im Leipziger Insel-Verlag erschienen war. Mit diesem Verlag verband die Cranach-Presse später eine langjährige Zusammenarbeit, bis der Weimarer Stil dem Leipziger Unternehmen zunehmend missfiel.

Der Druck des "Zarathustra" in Gold und Purpur folgt der Schriftgestaltung durch Georges Lemmen, geschnitten wurde sie unter anderem von Harry Graf Kessler. Das ganzseitige Ornament jedoch, jenes vielschichtige prunkvolle Maßwerk des Ausschwingens und Zurückgreifens, jene fast altnordisch verflochtene, herrlich schönlinige Abstraktion, die das Auge fängt und das Herz mit Sehnsucht beschwert, ist Van de Veldes wohl prominentester Beitrag zur Weimarer Schau.

Diese nimmt mit dem rot gebundenen "Hohe Lied Salomo" mit der dezent goldenen Deckelprägung von 1931 und seinen erotischen Schwarz-Weiß-Illustrationen eines jungen Paares ihr jähes Ende - und das der bibliophilen Ausgaben der Cranach-Presse. Wie um den Abschied von der Weimarer Schmiede der Buchkunst noch einmal zu versüßen, umschlingt die junge Frau den athletischen Jüngling mit Arm und Bein, den Kopf und den hohen Busen ihm innig zugeneigt, während er mit ganzem Körper, sich spannend, ihre Liebkosung erwartet. Der delikate Abgesang auf die Graf Kesslers Cranach-Presse hätte nicht lieblicher daherkommen können.

Bis 10. August, Di-So 9.30-17 Uhr, Katalog (207 S.), 19.90 Euro (Bibliothek)

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