Dieter von Levetzows lebhafte Gesten in Bronze

Der Urgroßneffe von Goethes später Liebe Ulrike von Levetzow lebt als Bildhauer am Niederrhein.

Begegnung mit Ulrike: Seine durch Goethe berühmt gewordene Urgroßtante kennt  der Bildhauer nur von Zeichnungen oder Gemälden wie diesem im Weimarer Stadtschloss. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Das Leben ist voller schöner Zufälle. Eingeladen bei Freunden in ihrer eleganten Essener Villa zeigt die Hausherrin stolz eine Neuerwerbung: "Spielende Kinder", eine Bronzeplastik. Der Schöpfer des Werkes sei auch da: Dieter von Levetzow. "Levetzow?" spreche ich den Künstler an, "kann es sein, dass...?" Und in der Tat: Vor mir steht, 85 Jahre alt und geistig rege, ein lebender Nachfahr von Goethes letzter großer Liebe: Ulrike von Levetzow.

73 war Goethe, als er sich 1821 in die Siebzehnjährige verliebte - im mondänen böhmischen Marienbad, wo der Weimarer Dichterfürst kurte und wo er oft und gern gesehener Gast im Hause der Witwe Amalie von Levetzow und ihrer drei Töchter war. Goethe war so unendlich verliebt in Töchterlein Ulrike, dass er ihr zwei Jahre später einen Heiratsantrag machte, überbracht vom Freund, dem Weimarer Großherzog Carl August.

Bei Amalie von Levetzow - das weiß der Bildhauer, dessen Vater Großtante Ulrike noch regelmäßig zu Ostern Blumen bringen musste - stieß die Avance auf wenig Begeisterung; zu sehr war die Mutter, selbst eine von Goethe durchaus immer noch bewunderte Schönheit, ob der Mesalliance der Lebensalter irritiert. Und bei Goethe-Sohn August und Schwiegertochter Ottilie - auch das ist bei Levetzows ein offenes Geheimnis - soll die mit dem Heiratsantrag verbundene Aussicht auf eine großzügige Apanage für das blutjunge Ding mit Blick auf die Schmälerung des Goetheschen Erbes alles andere als Jubelstürme ausgelöst haben.

Letztlich sei es aber Ulrike selbst gewesen, die sich gegen die Heirat entschied. Sie soll später noch zahlreiche Ehe-Angebote bekommen haben (die Rede ist von 14), ohne jemals einzuwilligen. Als sie mit 95 als "Stiftsfräulein" starb - man wird gern alt in der Familie der von Levetzows - hat sie ihrer Pflegerin eines ganz dringend aufgetragen: den Inhalt eines ganz bestimmten Kästchens zu verbrennen! Dieter von Levetzow ist sich sicher, dass Goethe-Briefe drin waren.

Martin Walser hat in seinem 2008 erschienenen Roman "Ein liebender Mann" die große, verzehrende Liebe dargestellt, der wir Goethes Marienbader Elegien verdanken, und natürlich war auch Dieter von Levetzow gebeten, als der Bundespräsident, damals noch Horst Köhler, aus Anlass der Buchvorstellung den Autor in das Hotel Elephant in Weimar einlud, in dem auch Goethe schon ein- und ausgegangen war.

Studium in Weimar

"Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide." Ob der Trennungsschmerz, den Goethe den Elegien vorangestellt hat, auch nur ansatzweise von Ulrike geteilt wurde, das kann man nur vermuten. Denn zwar hat sie noch im Alter trotzig zu Protokoll gegeben, was es nicht war: "Keine Liebschaft war es nicht." Aber die ganze Wahrheit hat sie denn doch lieber mit ins Grab genommen. Das liegt in Nordböhmen, in einem Dorf namens Trebivlice alias Triblitz. Dort, hinter der Kirche nahe dem Gutshaus ihres Stiefvaters, in dem Ulrike ihre letzten Jahre verbracht hat (heute ist dort eine Schule untergebracht), steht ein gelbes Tempelchen, von dem eine Freundin Dieter von Levetzow Fotos geschickt hat. Die Grabsteine von Mutter Amalie und ihrem dritten Ehemann, Graf Knebelsberg, findet man dort ebenso wie eine kleine Tafel mit den Eckdaten von Ulrikes Leben: *4.2.1804 - Leipzig, 3.11.1899 - Triblitz.

Dass Ulrike heute noch Verehrer hat - darauf deutet eine Geschichte hin, die der Bildhauer nicht ohne Bedauern erzählt. Er besaß nämlich Pantöffelchen von der Ahnfrau, zierliche Schühchen, vorne abgeflacht, oben Seide, unten Leder. Doch die hat irgend jemand aus seinem Atelier mitgehen lassen...

Dieter von Levetzow verbindet mehr mit Weimar als die Beziehung von Goethe und Ulrike. Er hat hier studiert, an der Kunstakademie, mit 16 Jahren schon. Bereits als kleiner Junge wollte er nie etwas anderes werden als Bildhauer; da mochten in der Familie der von Levetzows, die aus Mecklenburg stammt und deren Stammbaum bis ins 11. Jahrhundert zurück reicht, Admiräle, Reichstags- und Polizeipräsidenten und Minister typischer sein, da mag eine Levetzowstraße nahe der Berliner Siegessäule einem ihrer strammen Diener Preußens den Namen verdanken. Besitzer von Schlössern, in denen Könige und Päpste verkehrten, finden sich ebenso in diesem Geschlecht wie die Mitbegründer eines feinen Damenstifts für die unverheirateten Töchter der eigenen und anderer hochadeliger Familien.

Was nicht heißt, dass diese Familien, in denen bis heute das "Deutsche Adelsblatt" gelesen wird, unbedingt Geld hätten. Latifundien ja, liquide Mittel eher weniger. Auch da ist Dieter von Levetzow ein Außenseiter: Er konnte stets von seiner Kunst leben. Überall in Deutschland findet man seine kecken Skulpturen - auf Marktplätzen und an Promenaden ebenso wie in privaten Parks und Gärten. Allein am Niederrhein fanden wir zahlreiche Beispiele seiner unnachahmlichen Kunst.

Einer knapp gefassten Lebensgeschichte, die der kinderlose Künstler für die Nachkommenden aufgeschrieben hat, ist ein Vorwort vorangestellt. Darin schreibt der Regisseur und Intendant Professor Hellmuth Matiasek: "Dieter von Levetzow ist ein Menschenfreund." Ja, das strahlen dessen Skulpturen vor allem aus: die Hinwendung zum Leben und zur lebendigen Geste. Das festzuhalten, in Bronze zum Beispiel, ist eine hohe Kunst - ungleich schwieriger als die Gestaltung einer statischen Skulptur.

Es war 1941, als sich der Sechzehnjährige mit einem Elefanten aus Plastilin bei der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar um einen Studienplatz bewarb. Schon der kleine Dickhäuter war so überzeugend, dass der viel zu junge Aspirant eine Sondergenehmigung vom Kultusministerium aus Berlin bekam - allerdings mit einer Auflage: Keine Modellklasse für den Minderjährigen! Aber Berlin war weit: "Wenn du Bildhauer werden willst," befanden die Weimarer Professoren, "musst du schon hinschauen bei den Nackten!"

Das tut von Levetzow bis heute. Als ich ihm zum Dank für die Einweihung in die Prinzipien der Bildhauerei ein dickes Buch über das Goethe/Schiller-Denkmal in Weimar schenke, dankt er nach der Lektüre mit der Beobachtung, er habe alles angesehen und alles gelesen, aber im Bild habe er eines vermisst: den Zustand der Geistesheroen vor der Bekleidung. Ja, auch das habe ich gelernt: Die staatstragenden Bronzeplastiken, auch die zu Pferde, haben ihre Helden immer zuerst nackt gesehen; nur hat - aus Pietät - diesen Zustand niemand im Bild festgehalten.

In Beatrix' Gießerei

Die Bronze für das berühmte Weimarer Denkmal, geschaffen vom Bildhauer E. Rietschel, stamme übrigens aus türkischen Beutekanonen. Ja, so weiß Dieter von Levetzow, der nun bald 70 Jahre als Bildhauer tätig ist, auch Bronzeplastiken lebten früher gefährlich - immer erste Kandidaten für die Bedürfnisse von Kriegen, ähnlich den Glocken. Eine Keramikskulptur dagegen habe wenigstens die Chance gehabt, in Scherben entsorgt worden zu sein, um später ausgegraben und wieder zusammen gesetzt zu werden.

Dennoch: Levetzow liebt die Bronzeplastiken, besonders dann, wenn sie in einer so hervorragenden Gießerei wie Stijlaart im holländischen Tiel gegossen werden - dort, wo auch Beatrix, die Königin der Niederlande, gießen lässt. Kaum einer weiß, dass sie eine ganz hervorragende Bildhauerin ist. Das Fotografieren ihrer Werke ist allerdings nur für Privatzwecke erlaubt.

Wir besuchen die Gießerei, einen großen Betrieb in der Nähe von Utrecht. Der riesige Hof ist eine Art Parkplatz der Körperteile. "Das da ist ein Bein", sagt Levetzow und zeigt auf eine meterlange Hohlform aus Gips. Ist das Negativ nämlich einmal erstellt, kann man von einer Skulptur zehn oder noch mehr Exemplare gießen - theoretisch. "Ich hätte so gern den springenden Jungen, den ich in Kleve gesehen habe", sage ich. "Das geht nicht", antwortet der Künstler, "das ist ein Unikat für die Kreisverwaltung."

Ich tröste mich damit, dass ich viel erfahre über wichtige Grundregeln der plastischen Gestaltung. Etwa, dass ein Kopf beim Erwachsenen acht Mal in den Körper passt - "bei Putten vier mal", so der Künstler. Denn die Anatomie muss stimmen. Spannend finde ich auch seinen Vergleich von Bronzeplastik und Steinskulptur. "Stein ist anders", sagt von Levetzow, "die Figur ist drin, du musst weg hauen, was zu viel ist." Und dann erzählt er die wunderschöne Geschichte von Michelangelo, der in einem Klosterhof einen Marmorblock entdeckt und ruft: "Mein Gott, da ist ein Christus drin!" Worauf die Mönche nachts wie die Irren suchen ...

Natürlich hat dieser Künstler auch schon berühmten Menschen Totenmasken abgenommen. Von seiner Urgroßtante Ulrike von Levetzow gibt es offensichtlich keine. Aber wenn, dann würde ein Meister wie er sofort das Original erkennen - "an den unvermeidlichen Haaren".

Dieter von Levetzows Erinnerungen an Weimar

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