Honoré Daumiers Karikaturen im Kunsthaus Apolda

Mit Zeichnungen von Honoré Daumier avanciert das Kunsthaus Apolda mit der Ausstellung "Michelangelo der Karikatur" ab Sonntag zum Karikaturenkabinett.

Unter der Obhut der Kuratoren Andrea Fromm und Thomas Beege fand auch "Das ministerielle Irrenhaus" (1832) seinen Platz in Apolda. Foto: Peter Michaelis

Unter der Obhut der Kuratoren Andrea Fromm und Thomas Beege fand auch "Das ministerielle Irrenhaus" (1832) seinen Platz in Apolda. Foto: Peter Michaelis

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Ein kecker Federschwung, eine schnelle, elegante Kurve - und schon offenbart die Tusche die berückende Wahrheit hinter dem schönen Schein zahlloser französischer Charaktere und Stereotypen des 19. Jahrhunderts. Und das bis zum 17. Juni, denn unter der konzeptuellen Obhut des Kuratorenduos Andrea Fromm und Thomas Beege hat das Apoldaer Kunsthaus Avantgarde einen neuen Coup gelandet: Ab Sonntag sind dort etwa 140 Lithographien, Zeichnungen und Bronzeplastiken des weltberühmten Karikaturisten Honoré Daumier (1808-1879) in einer gleichnamigen Ausstellung zu sehen.

"Dieser stille Mann mit dem hintergründigen Charakter und messerscharfen Blick schuf in etwas mehr als 45 Jahren nahezu 4000 Lithographien, Holzschnitte und Zeichnungen für kritische, innovative Journale wie 'La Caricature' und 'Le Charivari' und hinterließ damit ein umfangreiches Oeuvre", erklärt Kurator Beege. Die intentionelle Wirkung auf den Betrachter beschrieb dessen Freund Charles Baudelaire einmal wie folgt: "Er, dessen kluge Künste machen, daß wir uns schließlich selbst belachen, er, Leser, ist ein weiser Mann. Ein Spötter ist er ohne Gnade. Doch sein Herz ist untadelhaft..." Mit diesem reinen, unverfälschten Willen zur nicht mehr zur Gänze frei objektivierbaren Personen- und Gesellschaftskritik entwarf Daumier mit Humor und Ironie seine Akteure am moralischen Reißbrett und fing auf diese Art die Pariser Zeitgenossen aller Schichten ein. Dabei schilderte er mittels ausdrucksstarker Mimik und Gestik, Authentizität und Plastizität nicht nur seine Solidarität für die Zeitgenossen, sondern übte sich auch als Sittenrichter in Bezug auf die unmoralische Bereicherung der Mächtigen auf Kosten anderer vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen in der Seine-Metropole.

So persiflierte Daumier Aufstieg und Fall des französischen "Bürgerkönigs" Louis-Philippe, die Thronbesteigung Napoleons III. und die Expansionspolitik europäischer Großmächte bis zur Niederlage Frankreichs gegen Preußen im Jahre 1871. Zudem widmete er sich satirischen Figuren wie der des bürgerlichen "Robert Macaire, Philanthrop", der als selbstgerechter Wohltäter auftritt, sein soziales Engagement jedoch lediglich auf das Vermögen ausrichtet.

Der Grund für das umfangreiche Schaffen des mittellosen Autodidakten Daumier war politischer Natur: Die französische Julirevolution des Jahres 1830, an der auch er teilgenommen hatte, führte zur Einführung der Pressefreiheit. Damit beherrschte mit einem Mal ein starkes Instrument unabhängiger Meinungsbildung die gesellschaftliche Bühne, das in der Lage war, dem amoralischen Treiben neuer Machthaber zuzusetzen - allen voran dem "Bürgerkönig", dem der Ruf der Korruptionsunterstützung zu Gunsten aufkommender Großfinanz vorauseilte. Die Geburtsstunde der Karikatur war gekommen.

Detailverliebt trotz Minimalismus

Was unter dem Briten William Hogarth noch eine Reihe von satirischen Erzählillustrationen des 18. Jahrhunderts darstellte, avancierte nun im Paris des 19. Jahrhunderts zur Waffe gegen Regime, Willkür und gesellschaftliche Missstände. Woche für Woche entstanden von der Hand des Zeitungsangestellten Daumier bis zu fünf Lithographien, in denen er auch sich selbst - beispielsweise in "Ein Herr, der unter seinen Verhältnissen lebt" - durch Schwarz-Weiß-Kontraste im Schnee darstellt oder Bewegung suggeriert, indem er den Hut eines Bildjournalisten in "Nadar erhebt die Fotografie auf die Höhe der Zeit" über den Dächern der Stadt tanzen lässt. Auf dieser Grundlage schuf der Künstler mit beispiellosem, künstlerischem Talent und journalistischem Mut ein Kaleidoskop von - mit überlängten Nasen und kurzen Hälsen überzeichneten und stilisierten - Menschentypen, welches ihn zum Vorreiter der gedruckten Bildsatire, zum "Michelangelo der Karikatur" (Jules Michelet) machte. Noch dem heutigen Betrachter vermitteln seine Zeichnungen ein nach wie vor gültiges, ikonographisches Gesellschaftsbild über alle Ländergrenzen hinweg.

Wenig verwunderlich erscheint dabei, dass Kleidung, Haltung und Physiognomie der Abgebildeten stets Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Position zulassen - vom wohlhabenden, aber rigorosen Bourgeois bis hin zum alten Mann, der sich beim Anblick der straffen Körper junger Frauen seiner Lust erinnert. "Daumier bricht die Komplexität des Wesens eines Menschen auf eine einfache Zeichensprache herab", erläutert Andrea Fromm, das bedürfe nur selten einer näheren Erklärung.

Doch trotz allem Minimalismus - die Arbeiten Daumiers sind detailverliebt und opulent. Nicht im Großen, versteht sich. Der Effekt auf die Rezipienten ist entscheidend. Und war besonders groß, wenn der kreative Funke auf den zwielichtigen Herzog Louis-Philippe von Orléans traf. Als entschiedener Gegner des "Bürgerkönigs" griff Daumier hierzu ein Meisterwerk seines Verlegers auf, indem er entscheidend zur karikaturistischen Etablierung der "Birne" als Spottbild der herzöglichen Gesichtsform beitrug. So ergötzt der Künstler im Februar 1832 die geneigte Leserschaft mittels eines Blattes namens "Der Albtraum", auf welchem der Revolutionsfunktionär Marquis de Lafayette (1757-1834) von der übergroßen, einem breiten Gesäß gleichenden Birne belastet wird.

Die sprechende Botschaft ist hier die Distanzierung des Marquis' von den Ergebnissen der Julirevolution und von Louis-Philippe, der auf dem Blatt so treffend zum Albtraum stilisiert wird, dass nicht nur die Bevölkerung, sondern auch der im französischen Exil weilende Heinrich Heine nicht umhin kam zu bemerken, dass "die Birne ... zu einem stehenden Witz geworden ist, und hunderte von Karikaturen, worauf man sie erblickt, sieht man überall ausgehängt... Noch nie ist ein Fürst in seiner eigenen Hauptstadt so sehr verhöhnt worden." Kein Wunder, dass die "Birne" die Zeit überlebte - und uns zuletzt in der Verballhornung des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl begegnete.

Honoré Daumier - "Michelangelo der Karikatur", bis 17. Juni, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr; Katalog, 96 S., 13.50 Euro

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