Performance in Gera: "Elektrisierende Träume"

Die slowenische Künstlerin Polonca Lovsina bringt Besucher auf dem Geraer Marktplatz am Donnerstag und Freitag zum Träumen: mit einem Tanz, der im besten Wortsinne elektrisierend ist.

Letzte Vorbereitungen: Polonca Lovsin im Kunstverein Gera, wo ab Freitag eine Ausstellung über ihre Arbeiten beginnt. Den energischen Auftakt liefert die Performance auf dem Markt. Foto: Franziska Nössig

Letzte Vorbereitungen: Polonca Lovsin im Kunstverein Gera, wo ab Freitag eine Ausstellung über ihre Arbeiten beginnt. Den energischen Auftakt liefert die Performance auf dem Markt. Foto: Franziska Nössig

Foto: zgt

Gera. Manchmal fühlt er sich auf der Bühne wie in einem Puppentanz, sagt Konstantin: "Weil sich dann keiner von selbst bewegt, sondern wir gegenseitig unsere Füße in Position bringen." Und fühlt sich das merkwürdig an, sich auf diese Art zu bewegen, statt mit "richtigen" Schritten zu tanzen? "Och nein, das lernt man eigentlich ganz schnell", sagt der aufgeweckte Siebtklässler und wirkt ein bisschen unsicher, weil er doch eigentlich hier die Choreographie einstudieren und nicht Fragen beantworten wollte.

Heute und morgen Abend ab halb neun zeigt sich, wie gut Konstantin und die anderen Tänzer miteinander harmonieren: Auf dem Geraer Marktplatz setzen sie eine von der slowenischen Künstlerin Polanca Lovšin erdachte Performance um, für die die Londoner Choreographin Henrietta Hale die Bewegungsmomente lieferte. "Elektrisierende Träume" heißt das Projekt, bei dem die Tänzer allein durch ihre Bewegung Elektrizität erzeugen und einen Schriftzug zum Leuchten bringen. Und "Elektrisierende Träume" ist zugleich der Titel der Schau, die im Geraer Kunstverein am Markt Lovšins Kunst vorstellt und mit anderen ihrer Arbeiten vertraut macht. Ihre zum Teil ungewöhnlichen Entwürfe für mehr Nachhaltigkeit und die Erzeugung und Nutzung alternativer Energien baut sie in Aktionen ein oder überträgt sie in Videos und Animationsfilme. So sind in der von der Weimarer Kunsthistorikerin Silke Opitz kuratierten Ausstellung etwa die Videos "Solar Collection" und "Multipurpose Umbrella" zu sehen: eine mit Solarzellen bestückte Modekollektion liefert den Strom für Handy und MP3-Player, der Schirm sammelt Regenwasser, das als Trinkwasser genutzt werden kann.

100 Bewegungen in jedem der 14 Dynamo-Pakete

Für ihre Geraer Performance will Lovšin darauf aufmerksam machen, wie viel physikalische Kraft nötig ist, um überhaupt ein Fünkchen Strom zu erzeugen. Dafür hat sie in ihre Bühne - eine Schar Europaletten - Handdynamos eingebaut, die durch Kippschalter angetrieben werden. Etwa 100 Bewegungen müssen in jedem der 14 Dynamo-Pakete registriert werden, um genügend Strom für die Leuchtschrift "Elektrisierende Träume" zu erzeugen. Und doch wollte die Künstlerin kein physikalisches Lehrstück in Form einer Performance. "Wir sind doch heute fast schon allergisch, wenn wir ,Grüne Energie' oder ,Nachhaltigkeit' hören", hat sie beobachtet. Also übersetzt ein mechanisches Theater die abstrakte Elektrizität in etwas Anschauliches: Henrietta Hale hat die vor allem aus Rhythmen bestehende Choreographie entwickelt, die seit Montag nun Konstantin und andere Freiwillige aus Gera trainieren. Sie sind gespannt, ob ihre gemeinschaftliche Energie tatsächlich auch Energie erzeugen kann.

Bei den Proben jedenfalls besteht daran kein Zweifel. Das kleine Grüppchen stampft oder tänzelt unter Hales Zwischenrufen über die Kippschalter, was ein schnarrendes Geräusch wie von einer rostigen Feder hinterlässt. Konstantin findet auf den Europaletten seinen Rhythmus als hätte er nie etwas anderes gemacht. Dabei ist es nicht ohne, die Kippschalter gleichmäßig und im Takt zu bewegen. Astrid, die vom Alter her Konstantins Oma sein könnte, zuckt zusammen, wenn sie ihren Einsatz verpasst hat, und steigert sich dann umso eifriger in ihre Aufgabe. Wer hätte gedacht, dass Stromerzeugung so spannend und anstrengend sein kann.

Ausstellung bis 26. Juni, Kunstverein Gera; Performance am 12. und 13. Mai, 20.30 Uhr, Marktplatz Gera