Postkunst in Erfurt: Mail Art löste bei Stasi Misstrauen aus

Birger Jesch gewährt Einblick in seine Kunst-Post-Sammlung, die jetzt im Thüringer Landtag in Erfurt ausgestellt wird.

"Artist stamps": Unter diesem Titel hat Birger Jesch mehrere Collagen von Mail-Art-Objekten zusammengestellt. Zu sehen sind sie im Rahmen einer Gruppenausstellung, die im Thüringer Landtag gezeigt wird. Foto: Sabine Brandt

Foto: zgt

Blankenhain. Das Gesicht einer unbekannten Person aus einer Werbeanzeige der Zwanzigerjahre, ein anonymes Strahlemännchen, brachte Birger Jesch 1980 ziemlich in die Bredouille. Das Porträt hatte er zu einem Stempel verarbeiten lassen. Den Stempel benutzte er für vieldeutige Collagen, auch auf dem Umschlag eines Briefs an seinen Künstlerkollegen Jürgen Gottschalk.

Gottschalk lebte damals nach seinem Freikauf aus der Stasi-Haft in Hannover/BRD, Jesch in Volkmannsdorf/DDR. Es waren die Achtzigerjahre, und zumindest diesseits der innerdeutschen Grenze wurde eine bestimmte Behörde nervös, als sie das Mail-Art-Objekt zu deuten versuchte. Das Porträt, so vermuteten die Aufpasser der DDR, zeige doch gewiss den Staatsratsvorsitzenden. Was das denn zu bedeuten habe.

Birger Jesch, der heute in Blankenhain im Weimarer Land lebt und arbeitet, konnte den Verdacht damals gerade noch mal entkräften. Wenn besagtes Stempelbildchen überhaupt einem zu jener Zeit lebenden Unantastbaren ähnelte, dann allenfalls Ceausescu. Die um die Sicherheit der DDR besorgte Behörde stufte den Brief dann doch noch als harmlos ein.

Den beanstandeten Umschlag zeigt Jesch jetzt im Rahmen seines Beitrags "artists stamps" für eine Gruppenausstellung im Thüringer Landtag: "Macht! Kunst!" wird diesen Donnerstag eröffnet. Natürlich gab sich die Staatssicherheit alle Mühe, die Mail-Art-Szene der DDR im Auge zu behalten. Jesch, Gottschalk und zwei weitere Künstler aus Dresden standen im Mittelpunkt eines "Operativen Vorgangs": Der "OV Feind" war später Gegenstand einer Diplomarbeit an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit. Thema: "Die erfolgreiche Zerschlagung der Dresdener Künstlergruppe".

Birger Jesch staunte nicht schlecht, als er die Akte in den Händen hielt. "Für uns war unsere Zerschlagung schon deshalb interessant, weil wir vier uns überhaupt nicht als Gruppe begriffen hatten."

Mail Art, zu deutsch: Post-Kunst, hatte ihren Höhepunkt in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Ihr Zweck ist der Austausch künstlerischer Statements in Wort und Bild.

Dass solcher Korrespondenz in der DDR eine besondere Bedeutung zukam, verstand sich von selbst. Mail Art "stellt eine Form subkultureller künstlerischer Praxis dar und bietet eine Alternative zur Kulturpolitik des Staats", wie es in einer von der Berliner Akademie der Künste herausgegebenen Publikation heißt. Jesch selbst wird in dem Katalog als Initiator der ersten ­unzensierten Mail-Art-Ausstellung der DDR gewürdigt. Sie wurde 1981 in der Dresdner Weinbergkirche gezeigt. Darauf, sagt er heute, sei er ein bisschen stolz.

Jesch, der über eine umfangreiche Mail-Art-Sammlung verfügt, war 1979 auf diese Kunstform aufmerksam geworden. Von Robert Rehfeldt - "für uns Junge damals eine Vaterfigur" - bekam er seine erste Liste mit Adressen von Künstlerkollegen in Ost und West, die bereits Teil des Mail-Art-Netzes waren. Auch Joseph Beuys‘ Adresse stand in dem Verzeichnis.

Subversion ist vielleicht nicht das oberste Ziel von Mail Art. Das Klima vor der Wende wirkte sich aber begünstigend auf sie aus. Jesch, zum Beispiel, stand im intensiven Austausch mit polnischen Künstlern. Von Tomasz Schulz etwa erreichte ihn ein Umschlag, der brav mit einer großen Lenin-Briefmarke frankiert worden war - ergänzt durch eine selbst gestaltete Marke mit dem Titel "Jail Mail", Knast-Post. Schulz, ein Solidarnosc-Aktivist, ist dann tatsächlich im Gefängnis gelandet.

Ein solches Schicksal dürfte Eddie Nero, einem US-amerikanischen Mail-Art-Künstler des 21. Jahrhunderts, erspart bleiben, wobei man sich da nach neueren Erkenntnissen zur NSA-Affäre auch nicht so sicher sein kann. Nero trat mit Jesch nach der Wende in Brief-Kontakt. Auch er hat Marken selbst entworfen; eine Serie heißt "Empty Warheads". Sie zeigt die leeren Köpfe der einschlägigen Kriegsbefürworter: Bush, Rumsfeld und andere...

Ausstellung "Macht! Kunst!", Eröffnung: Donnerstag, 16. Januar, 13 Uhr, Thüringer Landtag, bis 16. Februar

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