Sandra Meisel in Erfurt: Neuerliche Balanceakte am Rand des Fatalismus

Das Erfurter Kunsthaus zeigt die Schau "In einen Raum = rückwärts wieder anders gehen"

Sandra Meisel steht in der Installation "Haus". Vor ihr hängt die Arbeit "Fetisch" von der Decke und durchbricht damit die Wand. Foto: Maik Ehrlich

Sandra Meisel steht in der Installation "Haus". Vor ihr hängt die Arbeit "Fetisch" von der Decke und durchbricht damit die Wand. Foto: Maik Ehrlich

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Erfurt. Die steilen Treppen des Erfurter Kunsthauses hinauf ins erste Geschoss, zwischen puristisch-weißen Wandfluchten hindurch und vorbei an federleichten Papierbildern der Ausstellung "In einen Raum = rückwärts wieder anders gehen" führt der Weg. Immer dem Licht entgegen, das so warm und versöhnlich hinter einer querstehenden Wand hervorquillt - lockend, wonnig, verheißungsvoll. Das Ziel scheint nah, nur wenige Schritte, dann ist‘s geschafft. Oder doch nicht?

Unvermittelt stehen wir in einer Wand. Nicht davor, nicht daneben, sondern mittendrin. Die schwarzen Balken, die schief in dem Ausstellungsraum balancieren, weisen klare Flächen aus. Ist das Glas? Die Frage schießt uns in den Kopf, den wir reflexartig einziehen. Schließlich kann man bei zeitgenössischer Kunst, wie der von Sandra Meisel, nie wissen. Tastend, suchend, bewegen sich die Finger der ausgestreckten Hand ins Nichts. Die Leere straft dem Gedanken Lügen. Hier ist kaum etwas wirklich so, wie es im ersten Moment scheint. Die Hauswand ist keine, der Fensterladen, der an der Seite angebracht ist, wird seiner Nutzlosigkeit überführt.

Wenn die Wände der Installation "Haus" den Blick in die Außenwelt nicht versperren, werden solche Architektur-Elemente aus ihrer inneren Logik heraus ad absurdum geführt. Ohnehin ist das Objekt an die Grenzen der Wahrnehmung gebunden. Und an die alltäglichen Seh-Gewohnheiten des Betrachters, die dem schwarzen "Haus"-Skelett eine eigentümliche Bedrohlichkeit attestieren. Jeden Moment könnte die schräg in den Raum gelehnte Konstruktion kippen - scheinbar.

Der Gedanke jagt dem Rezipienten Schauer über den Rücken. Was, wenn die Pseudo-Architektur in sich zusammenfällt? Was, wenn sie uns unter sich begräbt? Ach nein, sie besteht ja aus Luft. Und die vierzigjährige Künstlerin ist nicht dafür bekannt, die wohlerdachte Balance ihrer Arbeiten zu überreizen. Noch einmal Glück im Unglück gehabt! Denn noch können wir die Konstruktion nicht entschlüsseln. Einen fatalistischen Hintergrund ahnen wir schon hinter diesem Bild - vielleicht eine sich selbst nicht überlebende Gesellschaft, die am Rande des Abgrundes steht. Der Balanceakt hängt von wenigen Faktoren ab. Bräche nur eine davon weg, wäre das "Haus" als zivilisatorisches Äquivalent zum Untergang verurteilt.

Sandra Meisel schweigt sich zu Gedanken dieser Art aus. Kipp- und Waageeffekte plant sie minutiös voraus, akribisch setzt sie die kleinen Störwerte in ihren Arbeiten um, die einer oberflächlichen Interpretation durch den Rezipienten den Garaus machen. Und doch nimmt sie die individuellen Ergebnisse, zu denen Betrachter in Abhängigkeit des eigenen Wissenshorizontes kommen mögen, nicht vorweg. Doch trotz allen herrlich gefinkelten Kunstgenusses, der sich auch in einer auf den Kopf gedrehten Dachgaube ("blau:Wal") oder einer cineastischen Kunstblut-Orgie auf Bauelementen darbietet - Meisel lässt uns allein mit einer verschraubten Ideenwelt, die sich nur dem ersten Anschein nach auf dem Silbertablett zu bieten scheint.

Angerissen, schweigsam und still verkopft präsentieren sich die blauen, roten, schwarzen und weißen Kunstwerke, deren Dramatik stets im Detail steckt. In weißen Holzlatten beispielsweise, deren Inneres rot zu bluten scheint.

Frei nach Haruki Murakamis Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", dessen Protagonisten Shiro (weiße Wurzel), Kurono (schwarzes Feld), Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer) in der Schau nicht benannt werden, wird dem Betrachter ein verschlüsselter Weltatlas der geistigen Wanderschaft Meisels geboten. Durch Räume zu pilgern, und ungewöhnliche Pfade einzuschlagen werden wir verleitet. Wir begegnen alten und neuen Gegenständen und Erinnerungen der Künstlerin, die aus der Betrachterperspektive keinen veritablen Wert besitzen. Indes: Auch wenn die Werkidee schließlich an der Übersetzbarkeit auf Betrachterebene zu scheitern droht, bleibt zu guter Letzt doch die des Gefühls. Und auf der mag der Rezipient den Arbeiten zwar keine Brisanz, wohl aber Neugier abzuringen.

Bis 30. April, Di-Fr 12-18 Uhr, Kunsthaus Erfurt

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