Schnorr von Carolsfelds in Eisenach: Penible Skizzen des Glaubens

Eisenach  Erste Sonderausstellung im Eisenacher Lutherhaus zeigt Zeichnungen Schnorr von Carolsfelds.

Viel Bild, wenig Text: Die Zeichnungen in der Ausstellung „Die Bibel in Bildern – Zeichnungen von Julius Schnorr von Carolsfeld“ im Lutherhaus Eisenach entstanden in der Zeit von 1820 bis 1862. Foto: Norman Meißner

Viel Bild, wenig Text: Die Zeichnungen in der Ausstellung „Die Bibel in Bildern – Zeichnungen von Julius Schnorr von Carolsfeld“ im Lutherhaus Eisenach entstanden in der Zeit von 1820 bis 1862. Foto: Norman Meißner

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„Zu den stärksten Eindrücken meiner Kindheit gehört die große Bilderbibel von Schnorr von Carolsfeld aus dem Jahr 1862“, schrieb Vicco von Bülow alias Loriot einmal. „Seitdem weiß ich, wie der liebe Gott aussieht und sein Sohn.“ Ein Mann mit markanten Gesichtszügen und langem Rauschebart im flatternden Gewand – so zumindest stellt ihn der Maler und Zeichner Julius Veit Hans Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) dar.

Das Buch der Bücher in Bilder, in Kunst umzusetzen, das hatte sich der Lutheraner vorgenommen. Seine Bibelillustrationen gehören noch heute zu den bekanntesten der Welt. Im neuen Sonderausstellungssaal des Lutherhauses Eisenach wird ab morgen eine exquisite Auswahl Schnorrscher Zeichnungen gezeigt – sie stammen allesamt aus dem Kupferstichkabinett in Dresden. Darunter seien Werke, die noch nie öffentlich gezeigt wurden, sagt Jochen Birkenmeier, Kurator der Ausstellung.

Eine Bibel für das gemeine Volk – das zur Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu zur Hälfte analphabetisch war –, ein protestantisches Bilderbuch, das in die ganze Welt hinausgehen sollte, eine Art religiöse Werbekampagne hatte Schnorr im Sinn. Es war ein eifriges Projekt. Mehr als 40 Jahre zogen ins Land, bevor der Leipziger die endgültigen Entwürfe für „seine“ Bibel in den Druck brachte. „Es war ein sehr mühevoller Weg “, sagt Birkenmeier. Den wolle die Ausstellung zum ersten Mal nachzeichnen.

Schnorr skizzierte, experimentierte, verbesserte – immer und immer wieder. Das ist vor allem an den Vorzeichnungen zu sehen: Der Künstler ringt mit der Gestaltung einer einzelnen Figur. Sein Moses, der einen misshandelten Stammesgenossen rächen will, trägt erst Sandalen, dann tritt er barfuß auf. Sein Blick ist in der späteren Version weiter über die Schulter gerichtet. Es ist nur eine klitzekleine Nuance in der Bewegung, doch sie hat ihre Wirkung: Der Prophet, der sich mit dem Schwert unter dem Mantel in die Szene pirscht, sieht verstohlen aus. Ist er etwa unsicher?

Julius Veit Hans Schnorr von Carolsfeld gehörte zur Gruppe der Nazarener, einem mehr oder weniger losen Verbund von Künstlern, die in Abgrenzung zum vorherrschenden Klassizismus eine romantisch-religiöse Kunst betrieben. Vorbilder waren die alten Meister, vor allem der Renaissance. Schnorr, der sich den in Rom lebenden Nazarenern angeschlossen hatte, muss Michelangelo und dessen Zeitgenossen eingehend studiert haben. Das ist vor allem seinen ersten Werken anzusehen.

Zum Beispiel einer frühen Version von „Die Frauen am Grabe Jesu“ (1820). Mit brauner Farbe pinselte der Künstler die berühmte Szene, in der die drei Frauen entdecken, dass Jesus‘ Grab leer ist, und ein Engel die Auferstehung verkündet. Der fast schematische Faltenwurf der Gewänder, die stillen, innehaltenden Figuren erinnern an Darstellungen Raffaels. Mit einer gefühlvollen Distanz betrachtet der Künstler die Szene – ein sehr zart wirkendes Bild mit schwachem Kontrast.

Immer wieder griff Schnorr zu seinen frühen Versionen, um sie abzuwandeln, zu verbessern: Er überarbeitete die Komposition, drängte die Menschen näher aneinander, verdichtete die Szene, gab ihr, unter anderem durch expressive Gesten, mehr Dynamik. Von 1852 bis 1860 setzte er sich dann, nach rund 30 Jahren des Ausprobierens und Illustrierens fremder Bibeln, endlich an sein Lebenswerk. Seine „Bibel in Bildern“ wurde 1862 in Leipzig gedruckt, sie umfasste 240 Holzschnitte.

Jeden einzelnen dieser Holzschnitte bearbeitete der Perfektionist mehrere Male, unternahm kleinste Veränderungen bis zur letzten Minute, bevor der Entwurf in den Druck ging. Schön ist das am Beispiel der „Verstoßung aus dem Paradies“ zu sehen, die in der Eisenacher Ausstellung in mehreren Versionen und als Druck ausgestellt ist.

Die minuziöse Arbeit zeigte seine Wirkung: Die „Bibel in Bildern“ war so beliebt, dass sie in unzähligen Haushalten landete – und sogar die Katholiken die Schnorrschen Illustrationen ab 1909 für bebilderte Bibelausgaben nutzten. Allerdings, sagt Birkenmeier, einen Unterschied gab es doch zu den protestantischen Ausgaben: Einige nackte Stellen wurde sittlich übermalt.

www.lutherhaus-ei

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