"Umsonst ist der Tod" in Mühlhausen: Die Heiligkeit auch in der Fremde suchen

Luise Schendel
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Erweckung eines umgebrachten Schülers durch den Heiligen Nikolaus: der Mühlhäuser Nikolausaltar. Foto: Luise Schendel

Erweckung eines umgebrachten Schülers durch den Heiligen Nikolaus: der Mühlhäuser Nikolausaltar. Foto: Luise Schendel

Foto: zgt

Die Mühlhäuser Museen widmen ihre Großausstellung "Umsonst ist der Tod" mit 130 Exponaten der Frömmigkeit am Vorabend der Reformation

Bleiche, betende Hände, flehend übereinandergelegt, wenden sich gen Himmel. Von tiefen Schatten umrandete Augen folgen der Bewegung, die das stille Gebet nach oben richtet. Und darüber, zuweilen nur eine Handbreit voneinander entfernt, schweben die himmlischen Engel. Hier und da klauben sie nackte Männer und Frauen auf, die vom hohen, rot und gelb wogenden Flammenmeer umgeben sind, und führen sie ins Paradies.

Die Darstellungen, die den Besucher der außergewöhnlich üppig und exklusiv bestückten Ausstellung "Umsonst ist der Tod" im Museum am Lindenbühl der Mühlhäuser Museen am Eingang empfangen, lassen nichts Gutes erahnen. Eher das Fegefeuer, seelische Qualen, die Hölle als solche. Doch nein, letztere will man hier nicht heraufbeschwören, sondern spätmittelalterliche Frömmigkeit und Glaubensdoktrin um 1500 - passend zur Lutherdekade.

Unter der Federführung von Museumsdirektor Thomas Müller und Ausstellungskurator Hartmut Kühne geben in der Großausstellung 300, teilweise nie zuvor gezeigte Exponate aus ganz Mitteldeutschland ein multimedial angelegtes, interdisziplinäres Bild von strenger und weniger strenger Religiosität, von Brauchtum und dem Glauben im Alltag. Der half durch so manche schwierige Situation, wie zahlreiche Zitate belegen. Im Mirakelbuch Heiligenleichnam Nr. 35 werden dazu kurze Situationen geschildert, wie sie den Gläubigen vor 500 Jahren passiert sein könnten.

In einem Beispiel führt der Schreiber des Werks an: "Ein Mann ist von einer Kirchturmspitze vierzig Ellen hoch gefallen. Im Fall hat er den Heiligen Leichnam angerufen und ist ihm geschehen worden, dass der Fall nicht schädlich war." Ein anderes Mal wird zum Beweis der Heilsbringung angeführt: "Zu Merseburg, als es gebrannt hat, ist ein Kind in einem brennenden Haus in einer Wiege gelegen, und niemand hat wegen des Feuers dazukommen mögen. Nachdem der Heilige Leichnam innig angerufen wurde, hat ein Mann das Kind mit der Wiege mit einem Haken aus dem Feuer gezogen, und es ist unversehrt geblieben."

Dass man dann schon einmal im Fegefeuer hätte landen können, wenn man nicht ausreichend gebetet oder noch keine Pilgerfahrt unternommen hatte, war in den Gedanken der Frommen fest verankert - und stärkte nachhaltig die Macht der Kirche. So ging es, wie der Rezipient erfährt, der sich aufmerksam an die Lektüre des reich bebilderten Buchs des Mainzer Domherrn Bernhard von Breydenbach gemacht hat, schon auf Erden zuweilen wahrhaft "höllisch" zu. Auf der etwa 40 Tage andauernden Schiffspassage von Venedig aus durch die Adria bis nach Jaffa habe es riesige Ratten gegeben, wird der Betrachter informiert, die über die Pilgerer hinweggesprungen seien - welche wiederum selbst so schrecklich gestunken haben sollen, dass man den Geruch kaum hätte ertragen können.

Mit Ablassbriefen Seelenheil erkaufen

Nicht jeder Reisende habe zudem die lange Fahrt und die schlechten, hygienischen Bedingungen ertragen können: Wer starb, blieb zwischen den Lebenden an Bord liegen und verschlimmerte deren Reiseleiden. Wer die Fahrt auf Grund einer kämpferischen Auseinandersetzung nicht überstand, konnte dennoch seine ausstehenden Rechte als Opfer oder seine Schuld als Täter posthum bestätigen. Einen besonders aussagekräftigen, wenn auch makabren Beweis für ein solches Vorgehen führen die Mühlhäuser Museen mit einem so genannten Leibzeichen an, einer zwischen 1430 und 1525 mumifizierten menschlichen Hand in einem Holzkistchen. Die, im Jahr 1769 bei Bauarbeiten an der alten Kirche im nordthüringischen Abberode gefundene Extremität war zu gerichtlichen Zwecken fachmännisch vom Leichnam getrennt worden, um anschließend vom Täter wieder nachbestattet zu werden.

Wer nun die Strapazen einer Wallfahrt nicht auf sich nehmen wollte oder durfte, blieb zu Hause und konnte sich, und den Angehörigen im Fegefeuer, mit Ablassbriefen das Seelenheil erkaufen. Zahlreiche Originaldokumente führen die Mühlhäuser dazu an, doch die größten literarischen Schätze finden sich, geradezu unscheinbar anmutend, in kleinen lichtgeschützten Kästen. Es sind einmalig ausgestellte Bibeln aus der Zeit vor Martin Luthers Übersetzung der Heiligen Schrift - in deutscher Sprache. Mit üppigen, schwarz-weißen Bildelementen versehen, in denen sich unter anderem gerüstete Männer im Schlachtgewimmel präsentieren, erschien die "Biblia dudesch" oder "Halber-städter Bibel" am 8. Juli 1522 in niederdeutscher Sprache, und damit drei Monate vor dem Erscheinen der Übersetzung Martin Luthers.

Etwa vierzig Jahre zuvor entstand ein Kreuzigungstriptychon, welches sich heute im Besitz der Mühlhäuser Museen befindet und ein schönes Beispiel für die bereits zu diesem Zeitpunkt aufgekommenen extremen Auslegungen der Bibel in Mitteldeutschland liefert: Aus dem starkfarbigen Andachtsbild mit graviertem Goldgrund sind in Anlehnung an die heilige Schrift die Gesichter der zierlich gestalteten Heiligen herausgekratzt und später von ungeübter Hand rekonstruiert. Nur die Stifterin beweint noch original mit einem zartem Schleier über den langen, blonden Locken den gekreuzigten Jesus vor ihr.

Fast zeitgleich entstand auch das kostbare, bestickte Korporalienkästchen, das sich mit seinen nahezu unitären Verzierungen auf rotem Samt während der Messfeier auf dem oft reich geschmückten Altar befand. Die Darstellung zeigt Johannes den Täufer mit seinem Attribut, dem Lamm. Überhaupt war der Priester-Beruf nicht nur wegen der Kunst-Schätze sehr begehrt. Und doch erscheint er in einem, nach Originaltexten gesprochenen Tondokument fast wie ein Anwärteramt im Vorhof zur Hölle - mit der Köchin und dem Kustos als geifernde, ja, dämonische Diener.

Wäre dies nicht, man könnte die überraschende, ausgeklügelte Szenografie der Ausstellung und ihre erstaunlichen Exponate beinahe himmlisch nennen.