Geburtstag von Henry van de Velde: 150 Jahre Schaffenskraft

Zum 150. Mal jährt sich heute, am 3. April der Geburtstag des belgisch-flämischen Design- und Architekturgiganten. Und der wird mit 14 Ausstellungsprojekten zum Van-de-Velde-Jahr 2013 vielfältig begangen.

Planungen: Van de Velde (von li.), Harry Graf Kessler, Felix Holländer, Ludwig von Hofmann und Edward Gordon Craig. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Planungen: Van de Velde (von li.), Harry Graf Kessler, Felix Holländer, Ludwig von Hofmann und Edward Gordon Craig. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Foto: zgt

Weimar. "Seine Art zu sprechen, sich zu bewegen, alles ist vom gleichen Rhythmus durchdrungen wie die kleinste Zeichnung aus seiner Hand", äußerte der finnische Architekt Sigurd Frosterus 1912 unverhohlen seine Hochachtung gegenüber der "Alleskunst" des kurz zuvor in Weimar erlebten Henry van de Velde (1863-1957).

Tatsächlich tragen noch heute viele Thüringer Städte die dezente Handschrift des gebürtigen Flamen. Sie spiegelt sich beispielhaft in einem Fenstergitter, welches entfernt an einen antiken Eierstab erinnert, in einer Türklinke mit vegetabiler Linienverzierung und in Häusern und Denkmälern, die als Gesamtkunstwerke die Straßen Jenas, Weimars und Geras säumen.

Zum 150. Mal jährt sich der Geburtstag des belgisch-flämischen Design- und Architekturgiganten. Und der wird mit 14 Ausstellungsprojekten zum Van-de-Velde-Jahr 2013, darunter die Weimarer Großausstellung "Leidenschaft, Funktion und Schönheit. Henry van de Velde und sein Beitrag zur Europäischen Moderne", vielfältig begangen. Objekte, die von Van de Veldes ingeniöser Schaffenskraft sprechen, gibt es genug. Seien es Teller, Kerzenhalter, Malereien, Textilgestaltungen, Möbel, Buchgestaltungen, Architekturentwürfe und unzähliges anderes.

Bei all der Hinwendung zur schönen Linie, zur Verquickung von Ästhetik und Funktionalität ist es heute kaum noch vorstellbar, dass Van de Velde von Kindesbeinen an eigentlich Dirigent und Komponist werden wollte. Als sechstes von acht Kindern wurde der Knabe in eine Familie von Apothekern hinein geboren. Sein Vater, der wohlhabende Brüsseler Guillaume Charles van de Velde, organisierte nebenher auch Festivals zu Ehren Hector Berlioz‘, Richard Wagners und vieler anderer. Dass dem leicht zu beeindruckenden Henry schließlich eine lebenslange Liebe zum Theater und zur Musik eingeschrieben war, mag vor diesem Hintergrund wenig verwundern. Dass er sich nach dem Gymnasium der Malerei zuwendete, allerdings schon.

Große Leidenschaft für die schöne Linie

Vor allem die Kunst der Impressionisten und Edouard Manets, die er 1882 in einer Brüsseler Ausstellung sehen konnte, beeindruckten ihn nachhaltig. Daraufhin entstanden zahlreiche getupfte, im Licht flimmernde Malereien von seiner Hand, die nur allmählich von der neuen Hinwendung zum kunstgewerblichen Schaffen abgelöst wurden. Ihren Höhepunkt fand diese Kunst der maßvollen Alltäglichkeiten, die wie Mosaiksteine in ein intentionelles Gesamtkunstwerk eingepasst wurden, in Van de Veldes wohl produktivster Schaffensphase zwischen 1902 und 1917.

Zu dem Zeitpunkt seiner, durch den hiesigen Kunstmäzen Harry Graf Kessler initiierten Weimarer Anstellung als künstlerischer Berater für Industrie und Kunsthandwerk bei Großherzog Wilhelm Ernst, hatte Van de Velde nicht nur äußersten kunstgewerblichem (nicht ökonomischen) Sachverstand erworben, sondern auch als Architektur-Autodidakt sein erstes Haus - Bloemenwerf im Brüsseler Vorort Uccle - errichtet. An diesem pflegte die dortige Gesellschaft laut lachend entlangzuspazieren. Der Spott und die Häme, die ihm bereits zu diesem Zeitpunkt entgegenschlugen, zu der man in ihm noch nicht den künstlerischen Neuerer, sondern das Enfant Terrible des "Neuen Stil" sah, sollte ihn durch sein gesamtes Leben begleiten.

In Weimar und Thüringen steuerte er mit dem 1902 gegründeten "Kunstgewerblichen Seminar" der schwindenden Produktkultur entgegen, und installierte damit - Jahre vor seiner glücklichen Anregung, Walter Gropius nach Weimar zu holen - einen Vorgänger für das Bauhaus in Weimar. Während Van de Velde stetig "die Vorstellung einer neuen sozialen Gesellschaftsordnung" umtrieb, reiste er viel. Seine Frau Maria Sèthe und die ebenso fortschrittlich wie antiautoritär erzogenen Kinder blieben derweil zu Hause, führten ein "ruhiges Leben [in] der Residenz".

So konnte sich Van de Velde auf seine europäischen und Weimarer Architekturprojekte wie das hiesige Haus Hohe Pappeln, das Haus Esche in Chemnitz und das Haus Schulenburg in Gera fokussieren, schuf ein modernes Design und neue Vertriebswege für die Glasmanufaktur in Lauscha, die Korbflechterei in Tannroda und eine Porzellanmanufaktur in Burgau. Ab 1907 gab er auch Kurse in Produkt-Design, die von der Buchbinderei bis zur Metallverarbeitung aus den ästhetischen Idealen der "Arts and Crafts"-Bewegung der Engländer William Morris und John Ruskin heraus entwickelt worden waren. Van de Velde selbst schöpfte aus diesen Vorbildern "die Leidenschaft für die Linie", da die schnörkellose "Linie eine Kraft" sei, wie er später schrieb.

Kräftig genug, den zunehmend nationalistisch geprägten Anfeindungen der Bevölkerung entgegenzutreten, war er jedoch nicht. 1912 schrieb er: "Immer mehr fühlte ich mich in der Atmosphäre tödlicher Mittelmäßigkeit isoliert; abgestoßen von der Teilnahmslosigkeit und dem Dünkel neuer Hofleute". 1917 musste er, als "feindlicher Ausländer", mit seiner Familie Deutschland in Richtung Schweiz verlassen.

Festakt zum Geburtstag: 3. April, 17 Uhr, Haus Hohe Pappeln in Weimar.

In Weimar soll 'Haus der Demokratie' entstehen

Weimar: Jahresempfang der Klassikstiftung

Ehemaliges 'Gauforum' in Weimar für Ausstellung öffnen

Zu den Kommentaren