Weimarer Dichterzimmer werden sorgsam restauriert

Als historisch bedeutende Stätte der Memorialkultur erinnert der Komplex im Westflügel des Stadtschlosses an Goethe, Schiller & Co.

Behutsame Pflege: Rahel Herz reinigt ein Gemälde in der Goethegalerie des Weimarer Residenzschlosses. Foto: Wolfgang Hirsch

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Weimar. Der Zutritt bürgerlicher Besucher war schon in feudalistischer Zeit ausdrücklich erwünscht: Im Westflügel des Weimarer Schlosses führen ein Extra-Eingang und eine Stiege hinauf zu den Dichterzimmern, wo der vier Heroen der Deutschen Klassik - Goethes, Schillers, Wielands und Herders - in einer einzigartigen Stätte deutscher Memorialkultur gedacht wird. Bürgerlich von Geburt auch sie, doch den vornehmsten Adel des Geistes repräsentierend, fand ihr Andenken gleich neben den Gemächern der Großherzogin Platz. Jetzt werden ihre vier kostbar gestalteten Räume aufwendig restauriert.

Die Goethegalerie und das Wielandkabinett befinden sich derzeit unter der behutsamen Obwalt der Restauratoren. Kerstin Arnold, Baureferentin der Klassik-Stiftung, erklärt: "Wir möchten nächstes Jahr im Februar damit fertig sein." Pünktlich zum Geburtstag der Maria Pawlowna sollen die beiden illustren Gemächer dem Publikum wieder offen stehen.

Mit einer halben Million Euro teilen sich der World Monuments Fund und die Rudolf August Oetker-Stiftung in die Kosten der Maßnahme. Das Herderzimmer, berichtet Arnold, ist bereits seit 2005 fertig. Nur Schiller muss leider warten. Für seinen Memorialraum fehlt noch die Finanzierung, beklagt Arnold. Das gesamte Projekt, angefangen bei der Schadensaufnahme, währt seit gut einem Jahrzehnt.

Sorgen bereitet den Fachleuten die komplizierte Maltechnik, denn bei der Gestaltung zwischen 1835 und 1847 hatten die ausführenden Künstler, darunter Friedrich Preller d. Ä., sich unter forscherischem Rückgriff auf alte Malweisen darum bemüht, besonders beständige Kunstwerke zu schaffen. Veit Gröschner vom Rudolstädter Ingenieurbüro für Denkmalpflege, der nun die Instandsetzung koordiniert, spricht von einer Fresko-Secco-Malerei und von Enkaustik. So seien etwa die großformatigen Gemälde auf einem in Metallrahmen gefassten Gipsputz-Untergrund erstellt und anschließend in die Wände eingelassen worden. Diese wiederum zieren direkt aufgetragene Ornament-Malereien und vergoldete Stucke.

Stark schwankende Raumklimata

"Wir haben es mit abblätternden Farbschichten in Größenordnung zu tun", weist Gröschner auf eines der schwerwiegenden Probleme hin. Zudem haben sich, ausgelöst von den implantierten Rahmen, mit der Zeit Risse ergeben. Denn die Dichterzimmer werden seit je nicht beheizt und unterliegen wegen der mit Steinfassade verblendeten Fachwerk-Außenmauern starken klimatischen Schwankungen. Auch für diesen historischen Makel muss noch eine konservatorische Lösung gefunden werden.

Die vorsichtige Reinigung der Gemälde mit Wattestäbchen von Staub und teils sogar verkrustetem Schmutz der Äonen ist folglich nur ein einfacherer Teil der restauratorischen Ar­beit. Gefährdete Farbschichten hingegen werden mit Spezialinjektionen fixiert, und verlorene Bildstellen per Punktretusche geheilt: Aus der Distanz entsteht so für den Betrachter wieder ein veritabler Gesamteindruck des Kunstwerks, aus der Nähe indes erkennt der Fachmann die moderne Hinzufügung.

Das bis heute dunkelste Zimmer des Memorialkomplexes ist das dem Friedrich Schiller gewidmete - und doch verströmt es bis heute eine unverkennbare Würde. Im Zentrum prangt eine marmorne Büste des Dichters, darunter in vergoldeten Versalien der Vers: "Mich hält kein Band / Mich fesselt keine Schranke / ... / und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort."

An den Wänden zeigen Gemälde Szenen aus den großen Dramen des Freiheitsdichters, dem "Wilhelm Tell" und "Wallenstein", der "Jungfrau von Orleans" und "Maria Stuart", jedoch auch, etwas kleiner, verborgener, ein Verweis auf das "Lied von der Glocke". Im Wechselspiel mit abstrahierender Ornamentik und kleineren Motiven entsteht eine ikonografisch ausgeklügelte Verweisstruktur. In ähnlicher Weise sind die drei anderen Räume gefasst.

Kerstin Arnold macht klar, dass bald nach Goethes Tod anno 1832 niemand Geringeres als die Zarentochter und Großherzogin Ma­ria Pawlowna persönlich die treibende Kraft war, die Memorialstätte zu begründen; daher schließt diese auch direkt an ihre Bibliothek und Ar­beitsgemächer, den Conseil-Saal zum Beispiel, an, so dass sie ihre vornehmen Gäste mit der kultigen Würdigung ihrer Klassiker beeindrucken konnte.

Gleichwohl durften und sollten auch Bürgerliche über die Schillertreppe die Dichterzimmer besuchen, um ihre sittliche Bildung daran zu stärken. Eine aufrichtige Verehrung für Goethe & Co. darf man der Pawlowna, die die Kosten zum Teil aus der Privatschatulle übernahm, sehr wohl unterstellen. Gleichwohl mag sie auch politische Ziele verfolgt haben.

In Zeiten, da man über eine Reichseinigung im in Kleinstaaten zersplitterten Deutschland zäh diskutierte, machten die Weimarer so zumindest ihren Anspruch deutlich, das geistige Zentrum der "Kulturnation" zu bilden. So schaltete man sogar Schinkel in Berlin, wie Entwürfe im dortigen Kupferstichkabinett belegen, bei Fragen der Gestaltung ein, und Maria Pawlowna scheute weder Kosten noch Mühe. - Ähnliches gilt heute für die Restaurierung, denn die Weimarer Dichterzimmer stehen für eine klassische Memorialkultur, nun gar gleichsam in wiederholten Spiegelungen.

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