Das Hotel als Zentrifuge: Famose Uraufführung in Jena

Am Theaterhaus feiert die Sehnsucht nach Verwandlung ein filmreifes Bühnenfest. Die Inszenierung hat Witz, Melancholie und Geheimnis. Und sie bietet den Schauspielern vielfach Gelegenheit, sich spielerisch zu entfalten.

Wer ist wer in dieser abseits gelegenen, nicht ganz geheuren Bettenburg? Szene mit Vera von Gunten als Diva (l), Saskia Taeger als Rezeptionistin und Mohamed Achour als Page. Im nächsten Moment sind sie ganz andere.
Foto: Joachim Dette

Wer ist wer in dieser abseits gelegenen, nicht ganz geheuren Bettenburg? Szene mit Vera von Gunten als Diva (l), Saskia Taeger als Rezeptionistin und Mohamed Achour als Page. Im nächsten Moment sind sie ganz andere. Foto: Joachim Dette

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Jena. Die Hotelwelt ist eine rotierende Scheibe mit düsteren Gängen und flackernden Lampen. Der Hausmeister geht um, verschwindet hinter einer Tür und taucht in der Lobby wieder auf, wo das übrige Personal schon wartet. "Sarah, sehen Sie zu, dass die Zimmer gemacht sind", weist die Rezeptionistin das Zimmermädchen an. "Minibar, Extradecke, keine Aschenbecher ... Noch Fragen?" Kaum sind Putzfrau und Page verschwunden, kommen die ersten Gäste. Weiter und immer weiter dreht sich zu schwelgender oder Spannung erzeugender Musik die Bühne, gewährt voyeuristisch Einblick in Flure und Zimmer, wo sich illustre Szenen abspielen - Hotelszenen. Bis Frau König verschwindet. Die Diva hat ausgecheckt, doch ihr Gepäck und ihre Kleider liegen in der Lobby unter dem Sofa. Ein Mord?


Die Zuschauer im Theaterhaus Jena ahnen längst, dass mit dieser Vorstellung etwas nicht stimmt. Vier Schauspieler verkörpern ein Dutzend Rollen, gehen durch eine Tür ab und tauchen als Andere von der Seite wieder auf, um sich nach neuerlichem Abgang in Dritte zu verwandeln. Und so weiter. Der Schweizer Tomas Schweigen, der in Jena mit Improvisationsstücken wie "Second Life" und "Memento" bereits punkten konnte, hat jetzt ein Theaterfest für Schauspieler angestiftet.


Lustvolles Spiel mit Identitäten


"Hotel - make yourself at home", so der Titel der jüngsten Kollektivarbeit, deren Uraufführung am Donnerstag kräftig gefeiert wurde, ist eine Mischung aus "Pension Schöller", Hitchcock, "Dinner for One" und absurdem Theater. Grandios Stephan Webers Drehbühnenbild, das permanent für Szenenwechsel sorgt. Vorn leben die Darsteller die Vorlieben und Sehnsüchte ihrer Figuren aus und hinten, für den Zuschauer nicht sichtbar, kämpfen sie mit Bademänteln, engen Kleidern, Blusen und Perücken. Das ist ein Fight auf Biegen und Brechen, immer gegen die Uhr, denn die Scheibe rotiert unaufhörlich, stoppt bald in der Lobby, bald im Gang oder rückt das Zimmer mit Doppelbett ins Licht. Nur nicht im falschen Moment auf- oder untertauchen! Nicht die Stiefel, die Uniform oder die Brille vertauschen - der Requisiteur und die Ankleiderinnen sekundieren im Verborgenen.


Es ist ein famoses, doppelbödiges Spiel mit Identitäten, das die Mimen antreibt und das sie selbst mit bestimmen; denn wie immer hat Schweigen das Stück gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt und lustvoll ausgereizt. Die vier verkörpern heimat- und wurzellose, in der Anonymität der Hotelzimmer gestrandete Wesen, die sich nach Nähe und Geborgenheit sehnen: Saskia Taeger als staksig-korrekte Rezeptionsdame, sympathisch einfältige Ehefrau und überkandidelte Autorin. Mohamed Achour als flirtender Schauspieler-Macho, biederer Ehemann und mürrischer Liftboy. Vera von Gunten als schnippisches Zimmermädchen, frivoles Fräulein und verwöhnte Diva. Und Slapstickmeister Julian Hackenberg als komischer Alter, trauriger Herr und Hausmeister mit stierem Psychopathenblick. Da schwingt das eine oder andere Kinoabenteuer mit: ein bisschen Wim Wenders oder Agatha Christie, vor allem aber Woody Allens "The Purple Rose of Cairo", jener Streifen, in dem der Filmheld von der Leinwand ins Leben herabsteigt.


Das Hotelleben als cineastisches Rührstück, das sich anfangs unmerklich, dann immer rasanter ins Surreale kehrt. Spielt das Personal seinen Gästen oder sich selbst etwas vor? Warum sind nie mehr als vier Leute gleichzeitig anwesend? Die Zentrifuge beschleunigt, und Irritationen schleichen sich ein. Der überraschende Schluss, den nicht einmal Oscar Wilde hätte besser erfinden können, soll hier nicht verraten werden. Den muss man sich anschauen. Mach's noch einmal, Sarah! Das Stück hat das Zeug, zum Renner, pardon, zum Dreher der Saison zu werden.


Nächste Aufführungen: 5., 18. und 19. März

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