Der tiefe Riss und die hübschen Schnörkel

In den Meininger Kammerspielen wurde Peter Hacks' "Der Maler des Königs" uraufgeführt - und kommt nicht recht in Gang. Die drei Figuren sind sich immer einig und man wartet als Zuschauer vergebens auf den sanftesten Hauch eines dramatischen Konflikts.

"Der Maler des Königs" von Peter Hacks UA am Theater Meiningen, Dez. 2010 Peter Bernhardt Hofmaler Boucher (Frontal) und Hans-Joachim Rodewald als Fragonard (Rückenansicht) Foto: Ed

"Der Maler des Königs" von Peter Hacks UA am Theater Meiningen, Dez. 2010 Peter Bernhardt Hofmaler Boucher (Frontal) und Hans-Joachim Rodewald als Fragonard (Rückenansicht) Foto: Ed

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Meiningen. "Im Film, da warn se noch jung", spricht die ältere, wackere Theaterbesucherin nebenan vernehmlich zu ihrer Nachbarin. Da beginnt der erste Akt nach dem Vorspiel, jenem Film, in dem se noch jung warn.

Peter Hacks hat vor knapp zwanzig Jahren eine Komödie zu Künstlern und Günstlingen der Macht geschrieben: "Der Maler des Königs". Da war ihm grad seine DDR abhanden gekommen. Den drei Personen des Stückes ist vor geraumer Zeit jegliche höfische Gunst genommen worden. Bei Ludwig XV. war der eine, Boucher, hochgeehrter Maler, der andere, Fragonard, sein emporkommender Schüler und die dritte, OMurphy, das kindhaft-verderbte Modell. Jetzt, am Vorabend der französischen Revolution, sitzen alle drei in tiefer Armut in einem Dach-Verschlag, reden über Kunst und Macht, Nachttöpfe und was man essen könnte, so man an Geld käme. Ist das ein Stück?

Es ist Hacks, und die Uraufführung an den Kammerspielen des Meininger Theaters zeigt viel Mühe. Hacks schreibt in seiner Regieanweisung, das Fest im Vorspiel "hat den Künstler ein Jahreseinkommen gekostet, es ist nicht zu ersehen, weshalb das Theater für die Aufführung weniger ausgeben sollte."

Man hat auf die breite, wenig tiefe Bühne ein Dachkämmerchen aus Latten und französischem Schornstein gebaut und viele limonadenfarbige Bilder auf einer Staffelei und zwischen dem Müll am Boden verteilt, eine hübsch-gruselige Anmutung echter Rokokomalerei (Bühne: Helge Ullmann; Kopien von Edmond Garn und Bernd Schiller). Und man hat das Vorspiel "Als der Künstler dem König die Gnade erweist, ihn zu sehen" als Film auf eine Leinwand gebracht. Da gibt es nun statt der Stimmen Ludwig XV. und seiner Mätresse einen leibhaftigen Ulrich Kunze als Walter Ulbricht und eine FDJ-Maid. Es wird das Emblem gehisst, Staatsliedgut der DDR intoniert und man wundert sich nur, warum über feurige Franzosen schwadroniert wird.

Peter Hacks wurde zwischen seinem Tod 2003 und seinem 80. Geburtstag 2008 neu als belebendes Element des gesamt- also vorwiegend westdeutschen Feuilletons entdeckt. Er lehnte den 89er Umbruch strikt und stracks ab und machte das, was er am besten konnte: sarkastische Sentenzen, witzige Gedichte, intelligente, oft schiefe Zeit-Analysen.

Nirgends ein Konflikt

Doch das Dutzend Stücke, das er noch schrieb, wurde bisher selten aufgeführt und kaum nachgespielt. Wenn es dem "Maler" anders gehen sollte, wäre dies des Merkens würdig. Denn wenn da auch viel Futter für Schauspieler drin steckt - da werden Bilder nachgestellt, ein Staats-Akt erzählt, Pointen gestreut, eine Intrige gesponnen und Szenen auf der Straße tief unten halsbrecherisch kommentiert - zwischen den dreien passiert nichts. Kein Konflikt - nirgends.

Hans-Joachim Rodewald gibt dem Fragonard etwas vom Grat zwischen Kriechertum und abgelumpten Selbstbewusstsein; der Boucher von Peter Bernhardt ist als uralter Greis zu beweglich, das mag Geschmackssache sein. Doch der OMurphy Rosemarie Blumensteins glaubt man die Geliebte des Königs ebensowenig wie die herumwirtschaftende Prostituierte, sie spricht alles mit Kammerton A.

Dass die Inszenierung von Christian Claas vielleicht einem Missverständnis unterliegt, zeigt sich in der gewaltsamen DDR-Analogie des Vorspiels. Hacks meinte immer die DDR und die Welt, den Sprung in der Schüssel und den Riss im Machtgefüge. Er war für ein aufgeklärtes kommunistisches Fürstentum, denn kluge Fürsten hätscheln ihre Künstler. Doch die meisten der realsozialistischen Gönner waren eben keine Wohltäter des eigenen Leibes, auch wenn heute von prassenden kommunistischen Oberschichten gefaselt wird. Sie waren zumeist genussunfähige Kleinbürger mit deutscher Sülze und Muddl im Bedde. Hacks hätte sie gern als klassisch-weise Staatslenker mit Esprit und Weinkennerschaft gehabt. Doch das waren sie wohl nie, auch nich, als se noch jung warn.

Weitere Vorstellungen: 15.12., 19.30 Uhr, 26.12., 19 Uhr, Kammerspiele Meiningen