"Detroit"-Premiere: Brennt nieder, was Euch fesselt!

Endlich mal wieder richtig gelacht: Am Jenaer Theaterhaus feierte "Detroit" von Lisa D`Amour eine gelungene Premiere.

Richtig lachen, richtig knutschen: Im Theaterhaus Jena feierte "Detroit" Premiere.

Richtig lachen, richtig knutschen: Im Theaterhaus Jena feierte "Detroit" Premiere.

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Jena. Irgendwo unter dem Grill, dem Couchtisch und dem Sonnenschirm - unter den "Bright houses" in der Sunshine-Avenue und der Rainbow-Road - liegen offenbar Chancen vergraben. Es muss nur erst alles in Flammen aufgehen, um sie unter dem Ballast des sterbenden Mittelstands hervorzukramen. Lisa D‘Amours Stück "Detroit", das nach seiner Uraufführung 2010 in Chicago für den Pulitzer-Preis nominiert wurde, feierte am Donnerstag Premiere im Theaterhaus Jena.

Auf der Bühne kreist eine kleine Welt: Die Reihenhäuser Nummer 637 und 639 sind in einem Würfel vereint, der sich auf einem Rondell dreht. So wechseln die Ansichten zwischen den Gärten und den Hauseingängen der Häuser zweier junger Paare (Bühnenbild: Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert).

Mary (Sophie Hutter) und Ben (Matthias Zera) leben schon einige Zeit in der Reihenhaussiedlung und versuchen, Schritt zu halten mit der überkandidelten Nachbarschaft. Denn es gibt nur die maroden, heruntergekommenen Häuschen und die, deren "Einfahrt man nur mit neuen Schuhen betreten möchte." Sharon (Anne Greta Weber) und Kenny (Benjamin Mährlein) dagegen sind erst kürzlich in die Nachbarschaft gezogen - sie mit rotem Lockenwuschelkopf und Schmetterlings-Tattoo auf dem Rücken, er mit Muskelshirt und tiefsitzender Jeans.

Regisseur Jan Langenheim lässt die Paare bei einem gemeinsamen Nachbarschaftsbarbecue im Garten von Mary und Ben aufeinandertreffen. Beklemmendes Schweigen, oberflächliche Gespräche, vorsichtige Zurückhaltung: Es ist herrlich amüsant, den fein erarbeiteten, dezent überzeichneten und glaubwürdig dargestellten Figuren bei ihrer unbeholfenen Annäherung zuzusehen.

Sophie Hutter spielt dabei als Mary eine wunderbar affektierte, verklemmte Rechtsanwaltsgehilfin, verloren in einem Leben aus Konsumzwängen, Langeweile und Alkoholismus. Ihr Partner Ben stellt sich seinen neuen Nachbarn als "professionellen Versager" vor. Er war Kreditberater, bis die Bank alle Angestellten entließ. Nun versucht sich der junge Mann mit weißer Sommerhose und Poloshirt unter dem Druck seiner kaufsüchtigen Partnerin selbstständig zu machen.

Sharon und Kenny, die sich in einer Entzugsklinik kennengelernt haben, stammen aus einer ganz anderen Welt: mittellos, vagabundierend, neurotisch, aber frei in ihren Leidenschaften. Dass sie überhaupt zum Grillen eingeladen wurden, grenzt für Sharon an ein Wunder und rührt sie zu Tränen, denn für "die Junkies hat sich sonst niemand interessiert" - und überhaupt: Wer lädt denn schon noch seine Nachbarn ein?! "Nachbarn, das Wort ist doch archaisch", sagt Sharon.

Von Anfang an liegt etwas Unbehagliches in der Luft. Im Verlauf der Tragikomödie wird aus der vagen Ahnung, dass sich unter der Oberfläche des amerikanischen Reihenhausdaseins seelische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Abgründe verbergen, eine immer klarere Gewissheit.

Aus der anfänglichen Zurückhaltung zwischen den Paaren entwickelt sich eine seltsame Verbundenheit, die in einer gemeinsamen Gartenparty mündet, für die das Wort "ausgelassen" als Beschreibung nicht ausreicht. Man möchte als Zuschauer auf die Bühne rennen, sich mit Dosenbier übergießen, zu schlechter Musik umherspringen, als hätte man völlig den Verstand verloren, und Sharon einen langen, leidenschaftlichen Kuss aufdrücken. Viele Zuschauer dürften aufgrund der Party-Szene als Erinnerung an "Detroit" Muskelkater im Bereich des Zwerchfells mit nach Hause genommen haben.

Die Party jedoch endet für Mary und Ben, der sich als Ian outet, mit dem Untergang des alten Lebens, mit Offenbarungen und Wahrheiten. Sie verlieren alles - und gewinnen dadurch ihre Freiheit.

Ob es Frank (Klaus Birkefeld) gebraucht hätte, der am Ende auftritt, um sich an die Reihenhaussiedlung in den 1968ern zu erinnern, ist Ansichtssache. Dass dem Regisseur Jan Langenheim mit "Detroit" eine herrlich tragikomische Inszenierung mit vier starken Schauspielern und einem wirkungsvollen Bühnenbild gelungen ist, steht außer Frage.

Weitere Vorstellungen: am heutigen Sonnabend sowie am 15., 16., und 17. Dezember

Zum Theaterhaus Jena

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.