DNT-Premiere: Zur Erlösung fehlt allen Punkmusik

Anne Leppers Stück Seymour ist als schwarzhumorige Schlafsaaltragödie in Weimar zu erleben: Ich will doch einfach nur hier liegen, sagt Leo in Loriot-Manier. Und Robert entgegnet harsch: Wir müssen uns jetzt anstrengen, wie wir uns nie angestrengt haben!

Foto: zgt

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Weimar. Anstrengen heißt abnehmen, denn dann, nur dann kommt Doktor Bärfuss und die rettende Generaluntersuchung. Doch während die in einem Sanatorium festgehaltenen dicken Kinder auf ihre Erlösung - sprich: verordnete Verdünnung - warten, ertrinkt eines im Schwimmbad und erhängt sich der unglücklich verliebte Max am Bettpfosten. Natürlich kommt der Doktor am Ende nicht, wie ja auch der erwartete Godot von Beckett niemals erscheint, und so müssen die von ihren Eltern abgeschobenen übergewichtigen Kleinen ewig im Fegefeuer schmoren.


"Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier" heißt dieses poetisch-makabre Stück, das die 1978 geborene Anne Lepper als Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarkts 2011 verfasst hat. Ein Vierteljahr nach der Uraufführung in Hannover ist die bitterböse Parabel auf den Normierungswahn unserer Zeit in Weimar zu erleben: Nur wer schlank ist, gilt als schön, und Schönsein ist gesund - Abweichler werden wie Tuberkulosekranke brutal ausgegrenzt. Der Zufall spielte am Donnerstag mit, denn die Premiere fand zeitgleich mit der RTL-Castingserie "Germany's Next Topmodel" statt.


Schön, dass sich eine ganze Schulklasse für richtiges Theater entschieden hatte! Im Gegensatz zu Hannover, wo Claudia Bauer ihre Protagonisten wollwülstig auspolstern ließ, agieren hier die Schauspieler ganz ohne jede Leibesverstärkung, manchmal sogar barbäuchig. Der Clou ist, dass in Daniela Kranz' Inszenierung die Kinder von Erwachsenen verkörpert werden, was die ironische Distanz noch verschärft. Der elfjährige Neuankömmling Leo, der glaubt, versehentlich eingeliefert worden zu sein, wurde sogar mit einem sehr schlanken Schauspieler (Tobias Schormann) besetzt - mit umwerfender Wirkung: Denn es geht ja im Grunde gar nicht um Dickleibigkeit, es geht schlechthin um die gesellschaftliche Ausgrenzung all derer, die sich jenseits der "Norm" bewegen. Dünn, dünner, Magersucht - das andere Extrem wird durch diesen Leo gleich mit bedient.

Zwischen Beckett und Loriot


Das Ganze begibt sich hoch oben, nahe bei Thomas Manns "Zauberberg", aus dem auch ein paar Zitate in den Text eingeflossen sind. Die Fallhöhe zwischen Beckett, Mann und Loriot ist enorm und die Inszenierung im Foyer III des DNT kunstvoll kleingehalten, ein Kammerstück oder besser: eine Schlafsaaltragödie, denn Jutta Burkhardts Ausstattung besteht gerade mal aus vier einfachen Betten, einem Doppelstockbett und einem Haufen zerschnittener Schaumgummimatratzen, auf denen sich die Schauspieler austoben dürfen.


Großartig, wie sich Markus Fennert und Johannes Schmidt altersmäßig "nach unten" spielen, mit Witz und viel Bauchgefühl, ohne je ins Alberne abzudriften. Wie die Pubertierenden ihre homoerotischen Neigungen ausloten bis hin zum leidenschaftlich praktizierten Männerkuss, das beeindruckte selbst das in Abwehrhaltung verharrende junge Publikum. Und Petra Hartung erst, als unter ihrer (imaginären) Leibesfülle zwischen den Geschlechtern changierende 15-Jährige, die noch nicht weiß, ob sie Mädchen oder Jungen mag, dann aber den spillerigen Leo mit Haut und Haaren vernascht - sie läuft subtil zu Hochform auf. Alle erleben hier, jenseits des Schulalltags, ihr Frühlingserwachen - ja, auch Frank Wedekinds Pubertätstragödie steht ein bisschen Pate. Schade nur, dass Daniela Kranz die Figur des in fanatischer Autoritätsgläubigkeit befangenen, sexuell verklemmten Robert in den totalen militärischen Drill treibt. So muss Hagen Ritschel, wortlos von bewundernswerter Bühnenpräsenz, immer wieder militärisch die Anstaltsregeln aus sich herausbrüllen.


Überzeugend gelöst ist der Ausgang der Inszenierung, wo die Regisseurin Ritschels Robert zum Überbringer des als Erzählertext abgefassten Fazits macht. Der wandert von Figur zu Figur, um Trost zu spenden. Die uralte Weisheit, wonach jeder ersetzbar ist, erfährt in Anne Leppers Tragikomödie nämlich eine ausgesprochen boshafte Bestätigung: Leo wird, während er sich in seiner Abschiebeklause quält, durch den britischen Austauschschüler Seymour ersetzt, einen smarten, dünnen Jungen, der bis zu Leos Rückkehr dessen Kinderzimmer bewohnen darf und den die Mama viel lieber hat. So wie Leo ergeht es auch den anderen. Ja, kann sich diese Jugend, ob zu dünn oder zu dick, denn aus ihrem Elend nicht selber erlösen? Doch, sie könnte, schlussfolgert Anne Lepper, wenigstens rebellieren: "Ganz vielleicht fehlte allen im Raum Punkmusik ..."


Nächste Aufführungen: 25. und 29. Mai

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