Ein Fall ins Bodenlose: Eindrucksvoller Prinz Friedrich von Homburg in Salzburg

Andrea Breth hat in Salzburg Heinrich von Kleists Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" inszeniert - konsequent unironisch und ohne Mätzchen. Kleist muss bei ihr seine Zeitgenossenschaft selbst beweisen - und das schafft er mühelos.

Die Kleist-Inszenierung im Landestheater Salzburg überzeugt mit kluger Regie und großer Besetzung: August Diehl als Prinz Friedrich von Homburg und Andrea Clausen als Kurfürstin.

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Die Kleist-Inszenierung im Landestheater Salzburg überzeugt mit kluger Regie und großer Besetzung: August Diehl als Prinz Friedrich von Homburg und Andrea Clausen als Kurfürstin. Foto: dapd

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Salzburg. Dass sich der neue Festspielintendant Alexander Pereira für das Salzburger Schauspielprogramm Sven-Eric Bechtolf an seine Seite holte, verwunderte nicht wirklich. Aus seiner Zeit als Intendant der Oper in Zürich ist ihm der Schauspieler als Opernregisseur vertraut. Da weiß er, was er bekommt, so ungefähr jedenfalls. Und dass Bechtolf zu den ersten Festspielen, die er in der Chefetage mit verantwortet, als Regisseur "nur" eine Inszenierung von "Ariadne auf Naxos" beisteuert, darf sogar als Akt der Selbstbescheidung gelten. Im Schauspiel hält er sich als Akteur zurück. Programmatisch ist der Auftakt seines Programmteils aber allemal.


Nach dem Salzburg-Dauerbrenner "Jedermann" nahm nämlich die für ihre Präzisionsarbeit am Text geliebte (und gefürchtete) Andrea Breth im Landestheater vor Heinrich von Kleist und seinem Prinzen von Homburg sozusagen Haltung an und erntete ungeteilten Jubel dafür. Wobei das Ensemble, das ihr zur Verfügung steht, natürlich auch das Telefonbuch spielen könnte ... Peter Simonischek ist eben schon Kurfürst, wenn er nur den Raum betritt. Mindestens. Oder Udo Samel der knorrige Feldmarschall Dörfling, den der zerstreute Prinz bei der Lagebesprechung sichtlich nervt; Hans-Michael Rehberg eine Idealbesetzung für den alten Schrot-und-Korn-Obristen Kottwitz und Roland Koch der um den exzentrischen Prinzen zunehmend besorgte Freund Graf Hohenzollern. Bei den Damen überzeugen Andrea Clausen als Kurfürstin ebenso wie Pauline Knof als Homburgs Schwarm Natalie. Dass man eine so kleine Rolle wie die der Gräfin Bork mit einer Elisabeth Orth adeln kann, ist Burgtheaterluxus pur.

Alptraum zwischen Neigung und Pflicht


Und mittendrin ist August Diehl der Prinz. In dem wunderbar atmosphärischen Eröffnungs-Traumbild mit einem kriegsversehrten Wald, viel Dunkelheit und Nebel, finden wir ihn von Ruhm und Natalien träumend. Was alle von seinem Innersten sehen und mithören können, beginnt dann im kühlen Licht des Tages in den mit Milchglas verkleideten leeren Räumen von Martin Zehetgruber in die Katastrophe zu treiben. Vom Befehl, den er fast überhört, bis zu dessen Missachtung auf dem Schlachtfeld. Das Kriegsgerichtsurteil und Homburgs Fall ins Bodenlose. Der Kampf der anderen um sein Leben, seine Einsicht.


August Diehl wirft sich in diese Rolle - ist mit einer Hingabe, die auf den Bühnen so gut wie aus der Mode gekommen ist, der völlig überhitzte Traumtänzer, der zerstreute Offizier, dann der wild entschlossene Haudrauf. Aber auch der hochfliegende Liebhaber Natalies und dann der von Panik erfasste Verurteilte ("Seit ich mein Grab sah, will ich nichts als leben, und frage nichts mehr ob es rühmlich sei!"). Sympathisch macht ihn diese Überhitzung nicht gerade. Erst wenn er sich abkühlt, und Verstand und Einsicht die Oberhand gewinnen, während die Verzweiflung und die Emotionen auf die übergehen, die für sein Überleben kämpfen, kann man ihn mögen.


Andrea Breth exerziert ihr Texttheater konsequent, lässt in den zweieinhalb pausenlosen Stunden keine Lücke für irgendwelche Mätzchen, enthält sich freilich auch jedem Anflug von ironischem Witz. Bei ihr muss Kleist seine Zeitgenossenschaft selbst beweisen. Und bei ihr - das ist dann doch ein Eingriff - überlebt der Prinz diese Schule des Lebens nicht. Er wacht am Ende, wenn der Kurfürst und die anderen die Traumszene vom Anfang wiederholen wollen, aus seiner Ohnmacht nicht wieder auf. Dieser Homburg war für den Lebensalptraum zwischen Neigung und Pflicht wohl nicht stark genug. Dem sehr diesseitigen Kurfürsten und seiner Generation war dieser dünnhäutige Homburg nicht gewachsen, und so bleibt er bei Andrea Breth, so wie sein Erfinder Kleist im wirklichen Leben, vor der Zeit auf der Strecke.


Irgendwie gehören die Aufsteller, die im Kurpark unter dem Titel "Allee der Gerechten" an die konkreten Lebensgeschichten von 90 Österreichern erinnern, die verfolgte Juden gerettet haben, mit zu dieser Inszenierung. Denn das Homburg-Dilemma, zwischen äußeren Befehl und der Regung des Herzens zu geraten, lässt sich nicht ungeprüft so oder so beantworten. Man muss es immer wieder neu zur Diskussion stellen. Die altmodisch entschleunigte, und doch faszinierend ergreifende Art, mit der Breth das gemacht hat, gehört dabei zu den nachhaltigen Möglichkeiten.

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