"Faust" in Jena: Mach mir mal den Pudel!

Von wegen "Urfaust" und Sturm und Drang! Das neue junge Theaterhaus-Ensemble ist mit Goethes "Faust", mit dem es seine erste Spielzeit einläutete, klassisch gealtert.

Ihre Ruh' ist hin, ihr Herz ist schwer, und in der Tonne lauert der Teufel: Ella Gaiser als Gretchen.
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Jena. Faust sitzt an einem Büroschreibtisch und beklagt die Vergeblichkeit seines akademischen Tuns. So, wie sich der hagere, fast kahlköpfige Mathias Znidarec rezitierend windet und dabei mit der Hand über seinen Drei-Tage-Kinnbart fährt, erinnert er ein bisschen an Lenin im Kreml - grotesk, doch leider nicht so gemeint.


Benjamin Mährleins Mephisto ist ein Bewegungstalent. Dieser Teufel hat Spaß an Masken und Verkleidungen, zwittert zwischen Mann und Weib, steigt aus der Mülltonne und macht sogar den Pudel. Einmal steppt er auf der Plattform hoch über der Bühne ein Tänzchen - großartig, aber warum eigentlich?


Ella Gaiser, das Gretchen, tritt ans Mikrofon und singt einen betörenden "König Thule". Am Spinnrad tappt sie den Takt zu "Meine Ruh' ist hin", und überhaupt, wie sie sich ihrem Liebsten hingibt, obwohl jener, wie sie ahnt, es heimlich mit dem Teufel treibt, das ist beschaulich - doch geht es unter die Haut?


Das neue Jenaer Theaterhaus-Ensemble um die Brüder Schönecker hat zum Spielzeitauftakt Goethes "Urfaust" gewählt, mit anderen Faust-Texten verquirlt und schön bebildert. Aber sie wissen nicht, warum sie ihn spielen. Zur Premiere am Donnerstagabend war, in der Regie von Moritz Schönecker, eine solide Vorstellung zu erleben. Nur vom Sturm und Drang des jungen Goethe war nichts zu spüren. Die jungen Leute wirkten klassisch gealtert. Warum sich für den "Urfaust", das durch Brüche, Risse und Skizzenhaftigkeit reizende Fragment, entscheiden und dann doch "Faust I" geben? Jedenfalls zu Teilen. Die Wette, aber nicht der Pakt - was macht das für einen Sinn?


Völlig überflüssig der Prolog im Himmel: Drei seifenblasende Engel bilden auf der Leiter eine Weihnachtspyramide, und hinter ihnen fährt Knecht Ruprecht, pardon, der Herr mit der Hebebühne empor, um traditionell zu tönen. Klar, dass Mephisto - hier noch als gefallener Engel - nur mit Megafon gegen ihn ankommt. Schade jedoch, dass Mährlein seinen aufgesetzt quäkenden Ton - selbst später zur Gitarre - mehr oder weniger bis zum Schluss beibehält.


Denn sie sprechen und spielen wirklich gut, die Neuen, allen voran Znidarec und Gaiser als Faust und Margarethe. Auch Natalie Hünig, die eine melancholische Marthe im Zwanziger-Jahre-Look gibt. Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert (Bühne/Kostüme) haben dem Faust-Trupp, dem außerdem Yves Wüthrich, Tina Keserovic und Moses Leo angehören, ein mit Requisiten vollgestopftes, doch rasch umzuräumendes Experimentierfeld geschaffen, das - lässt man Mephistos Schminktischchen in der hinteren Ecke beiseite - aber nur etwa bis zur Bühnenmitte genutzt wird. Gespielt wird dafür des Öfteren in der Vertikalen.

Gute Schauspieler, doch keine Idee


Moritz Schönecker, der Regisseur, hat nahezu alles: gute Schauspieler, den Bonus der Jugend und trotzdem schon ein gewisses Maß an Bühnenerfahrung, dazu Technik, die begeistert. Bloß keine Idee. Statt eine Haltung zur Wirklichkeit zu transportieren, arbeitet er sich an Goethes Ästhetik ab. Flüssige Dialoge, schöne Tableaus und Stimmungen, zu denen auch die sparsam eingesetze Musik (Komposition: Joachim Schönecker/Live-Parts: Levi Raphael) beiträgt. Durch den konzertierten Einsatz mehrerer Videokameras (Stephan Komitsch/Impulskontrolle) entstehen zauberhafte Überlagerungen: Figuren werden auf einer Leinwand hintereinander kopiert, so dass die Illusion eines bis zum letzten Platz gefüllten Kirchenschiffs ensteht. Im Bauernschrank gaukelt ein virtuelles Schmuckstück. Und Marthes Wintergarten wächst sich über Spiegelungen fast zum Dschungel aus!


Das ist handwerklich gekonnt und bringt allerlei Effekt. Auch an die kleinen Zuschauer wurde gedacht: Yves Wüthrich turnt als Erdmännchen (Erdgeist) über die Bühne. Solche Putzigkeiten nähme man gern in Kauf, wäre da nicht besagtes Grundproblem: Die Handlung verläuft so brav, beinahe widerstandslos, dass man sich verwundert die Augen reibt: Wo ist hier der Stachel? Wo bleibt die Irritation? Wo sind der Blick auf die Brüche in der Gesellschaft und das Subversive, aus dem vor 20 Jahren das Jenaer Theaterhaus entstand? Noch nie wurde dort eine Spielzeit so professionell und so unverbindlich eröffnet. Das Schönecker-Team hat gezeigt, was es kann, muss den Grund für sein Tun aber noch finden. Vielleicht gelingt dies ja schon mit den nächsten Inszenierungen: mit "Betaville" (29. November oder der "Sepsis-Panikshow" (30. November).


Weitere "Faust"-Aufführungen: 9., 10., 13., 17. und 21. Dezember

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