"Frankenstein" in Jena: Die Totengräber nehmen sich mit auf die Schippe

Das Theaterhaus Jena hat zur Eröffnung der diesjährigen Kulturarena Mary Shelleys Roman "Frankenstein" adaptiert. Die Premiere ging am Donnerstagabend im doppelten Sinne heiter über die Open-air-Bühne.

Foto: zgt

Jena. Eigentlich will es nur spielen. Möchte lieben und geliebt werden wie ein Mensch. Doch weil Viktor Frankenstein, dieser faustisch-neurotische, hypernervöse Leichenverwurster, bei der Arbeit geschlampt hat, quillt seinem künstlichen Geschöpf aller Schmerz der Welt aus den Nähten. Nur von blutigen Verbänden geschürzt, betritt es nackt und verletzlich die Manege. Ein großes Lob der Maskenbildnerin Julia Gottlöber, die keinen dumpen Unhold à la Boris Karloff, sondern eine erbarmungswürdige Missgeburt kreiert hat, einen bedauernswerten, kleinen Quasimodo!

Der Schauspieler Yves Wüth­rich verleiht diesem "Monster" die Unschuld eines Kindes. Er lässt es arglos durch den Wald stapfen, ein anderes Kind vor dem Ertrinken retten und für den blinden Alten (Mathias Znidarec) in der Hütte Holz hacken. Doch wird‘s ihm gelohnt?

Es gibt einen Moment in dem "Frankenstein"-Spektakel - mit dem noch bis morgen Abend die Jenaer Kulturarena eröffnet wird -, da wendet sich für das arme Ding alles zum Schlechten, für die Inszenierung jedoch zum Guten: Nach einer knappen Stunde betritt die bislang unauffällig vorm Zirkuswagen Tagebuch schreibende Mary Shelley ins Rampenlicht. Die farbige Bella Asonganyi verkörpert im historischen Kostüm die 19-jährige Verfasserin des Horror-Klassikers "Frankenstein" und erzählt mit ausländischem Akzent das Märchen vom mutterlosen Kinde.

Das Märchen vom armen, mutterlosen Kind

Dieser Text ist zwar nicht von Shelley, sondern aus Georg Büchners "Woyzeck"-Fragment, passt aber wunderbar ins Konzept: Verlassen auf der Erde wie im Himmel, "hat sich‘s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein".

Plötzlich wechselt die Per­spektive. Von nun an erlebt man die Vorgänge zumeist mit den Augen des zum Täter deklarierten, erbarmungslos gejagten Opfers. Das Verhältnis Schöpfer-Geschöpf tritt in den Vordergrund, und die Frage, wie das Böse in den Menschen kommt, bewegt das bis dahin technisch brillant, doch inhaltlich schlicht lustig entfaltete Stück. Nicht, dass es Theaterhaus-Regisseur Moritz Schönecker und seinem Ausstatter-Bruder Benjamin (nebst Veronika Bleffert) an Ideen mangelte. Allein wie sie die Talente der etwa fünfzig Statisten in die Vorstellung einbringen und mit Hilfe von Gauklern, Akrobaten, Feuerjongleuren, Harlekins, Animier- und Tangotänzern eine leuchtend-bunte, wimmelnde Zirkuswelt erwecken, aus der Frankenstein und sein künstliches Wesen ausgestoßen sind, ist sehenswert. Ein Kontrast wie Leben und Tod.

Auch die Live-Videos von Peer Engelbracht und Co., die man in solcher Qualität bisher nur beim Jenaer "Faust" sehen konnte, sind originell und bei allem Witz ergreifend. Weil sie jene Nähe schaffen, die den sich oft in der Breite der Open-air-Bühne verlierenden Darstellern nicht immer vergönnt ist. Eingangs triumphiert die Ausstattung über die von Katharina Raffalt und Jonas Zipf gestraffte, aber immer noch mit Längen behaftete, durch die Roman-Kapitel holpernde Familienstory. Dagegen kommt auch Natalie Hünig als moderierende Zirkusdirektorin nicht recht an. Die Art des Spielens ist mitunter besser als das Gespielte.

Slapstick-Nummern am Telefon

Erst mit der Erzählung des zur Einsamkeit verdammten, seinen Schöpfer anklagenden Wesens gewinnt der Plot an Tiefe. Yves Wüthrichs Stimme ändert ihren Klang - vom gedemütigten Kind zum unglücklichen Racheengel: "Wenn ich keine Liebe erwecken kann, werde ich Angst verbreiten." Auch das wird, in aller Drastik, gezeigt. Bloß gut, dass sich die theatralischen Totengräber auch gern selbst mit auf die Schippe nehmen.

Auch Viktor Frankenstein wollte spielen - mit der Schöpfung. Sebastian Thiers gibt den Elitestudenten, der, wie Faust, die okkulte schiefe Bahn einschlägt, als fahrigen, zuckenden, seine junge Braut vernachlässigenden Typen, der mit seinem Vater (Caspar Laute) manche Slapstick-Nummer am Telefon meistert. Elisabeths (Lena Vogt) verhasste Welt, gegen die sie sich verbal wendet, erschließt sich dem Zuschauer nicht. Da ist der zu Live-Musik (Komposition: Joachim Schönecker) tanzende Zirkus viel zu schön.

Heute und letztmalig Sonntag, 21.30 Uhr

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