"Le Grand Macabre" mit Bühnenbild von Baselitz setzt Maßstäbe

Auf dem Kopf stehen muss in György Ligetis "Le Grand Macabre" auch in Chemnitz niemand. Und dass, obwohl Malerfürst Georg Baselitz bei dieser ambitionierten Auftaktinszenierung der neuen Intendanz der Bühnenbildner ist.

Ein opulentes Kostümfest: Bei "Le Grand Macabre" gestaltete der Maler Georg Baselitz das Bühnenbild. Foto: Dieter Wuschanski

Ein opulentes Kostümfest: Bei "Le Grand Macabre" gestaltete der Maler Georg Baselitz das Bühnenbild. Foto: Dieter Wuschanski

Foto: zgt

Chemnitz. Dessen Markenzeichnen ist ja seit Jahrzehnten der Kopfstand seiner Figuren, also der radikale Perspektivenwechsel. Dass es ausgerechnet Chemnitz gelungen ist, ihn ein zweites Mal zur Oper zu verführen, mag wohl auch daran liegen, dass die erfolgreiche Chemnitzer First Lady der Bildermuseumslandschaft im südlichen Mitteldeutschland, Ingrid Mössinger, die Stadt in den letzten Jahren zu einem Hort der bildenden Kunst gemacht hat.

An Ligetis (1923-2006) Antioper "Le Grand Macabre" wagen sich seit der Stockholmer Uraufführung 1978 und einer Überarbeitung für die Salzburger Festspiele 1997 gelegentlich auch mittlere Häuser heran. Immerhin ist der Komponist so massenkompatibel, dass Stanley Kubrick seinen Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum" mit einem Ligeti-Soundtrack unterlegte. Die Geschichte nach Michel de Ghelderodes Schauspiel "La Balade du Grand Macabre" ist eine absurde Weltuntergangsfantasie, die der Komponist mit den ungarisch-jüdischen Wurzeln in eklektizistischer Virtuosität zu einem Feuerwerk der Avantgarde gemacht hat, das immer noch ziemlich frisch und vital wirkt. Zumindest, wenn man so dazwischenfährt wie GMD Frank Beermann mit der Robert Schumann Philharmonie.

Der titelgebende große Makabre Nekrotzar (Heiko Tirsinger) verkündet dem etwas lädierten Breughelland den bevorstehenden Untergang durch Kometeneinschlag. Doch der fällt am Ende aus. Wegen landestypischer Trunkenheit.

Im Wechselbad der Klänge

Auch sonst überall skurriles Personal: der Säufer mit dem sprechenden Namen Piet vom Fass (wunderbar: Dan Karlström), Amanda (Guibee Yang) und Amando (Tiina Penttinen), die als Liebespaar so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie nichts von der Welt und ihrem vermeintlichen Ende mitkriegen. Der Astrologe (Kouta Räsänen), der von den Schlägen seiner SM-versessenen Domina-Gattin Mescalina (wunderbar derb: Monika Straube) mehr zu fürchten hat, als vom großen Einschlag des Kometen. Der Landesfürst Go-Go, der nur ans Fressen denkt und auch so aussieht. Ein Schwarz-Weiß Ministerpaar (Andreas Kindschuh und André Riemer), das sich nur im Einander-Widersprechen definiert, samt Piia Komsi als Geheimdienstchef Gepopo ("Was ich noch sagen wollt: Schweigen ist Gold").

Er und seine Truppe kommen freilich bei John Bocks opulentem Fantasy-Kostümfest nicht goldig, sondern in Silber daher. Und Baselitz? Der nimmt sich nicht nur in Sachen Kopfstand, sondern insgesamt zurück, allerdings ohne den Blick des Malers zu verleugnen. Wie seine jüngeren Arbeiten hat auch sein Bühnenbild im Grunde keinen ausgearbeiteten Hintergrund. Zunächst schweben drei blau schimmernde, amorphe Ungetüme auf einer bühnenfüllenden schwarzen Wand, auf die der Säufer vom Dienst von ganz oben seine Beine baumeln lässt. Bis man erkennt, dass man in ihnen wie in einer Höhle herum klettern kann. Das ist schön und beklemmend, verzichtet aber in seiner Leinwandanmutung auf die Tiefe des Raumes. Dank des uneitlen Beitrages von Baselitz kann Regisseur Walter Sutcliffe im Wechselbad der Klänge zwischen Trompeten, Autohupen und Türklingeln, kammermusikalischen Tupfern und Orchestertutti mit so erkennbaren wie grotesken Einzelstudien szenisch Funken schlagen.

Homepage des Chemnitzer Theaters

Zu den Kommentaren