Liebe auf der Leinwand im Altenburger Heizhaus

Die "Romeo und Julia"-Inszenierung im Altenburger Heizhaus nutzt eine Digitalkamera als stilbildendes Mittel und wäre eigentlich gern ein Film geworden.

So sieht der Zuschauer Romeo und Julia (Jochen Paletschek und Judith Mauthe) eher selten. Denn vor allem Julia bleibt meist hinter einer Leinwand verborgen, auf die allerdings ihr Bild projiziert wird. Foto: Stephan Walzl

So sieht der Zuschauer Romeo und Julia (Jochen Paletschek und Judith Mauthe) eher selten. Denn vor allem Julia bleibt meist hinter einer Leinwand verborgen, auf die allerdings ihr Bild projiziert wird. Foto: Stephan Walzl

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Altenburg. Drei Mal greift Tybalt Romeo auf dem Fest der Capulets an, und drei Mal weist ihn der alte Capulet in seine Schranken. Später wird Tybalt (Heiko Senst) dann in einem nicht enden wollenden Solo "Liebe ist Einsamkeit" und "Liebe ist Scheiße" brüllen, und kurz darauf ist er auch schon tot. Ein Grund für seinen heiseren Hass erschließt sich dem Zuschauer in Altenburg nicht, weswegen der böse Tybalt in der Maske des bösen Batman-Feindes Joker recht schnell albern wirkt.

Regisseur Pedro Martins Beja scheint sich für seine Inszenierung von "Romeo und Julia", die am Freitag im Heizhaus Premiere hatte, mit einer pauschalen Chakterisierung der Figuren zufrieden gegeben zu haben. Sie sind, wie sie sind, haben weder eine Geschichte hinter noch eine Entwicklung vor sich. Denn Martins Beja setzt den Konflikt des Liebespaares als bekannt voraus. Nur hat er seine 100-Minuten-Fassung so gekürzt, dass die Veranlassung seiner Figuren zum Handeln hinfällig werden und man nicht mehr versteht, wer warum was tut.

Theater am Rande

Stattdessen gibt es viel zu hören und zu sehen in dieser sehr jugendaffinen, vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus bedachten Multimedia-Inszenierung. Deren Blickfang ist Anne Keßler - "zweigeteilt" in Maske und Kostüm (Sophie du Vinage) - in der rot-schwarzen Doppelrolle als Julias Amme und Mutter. Julia (Judith Mauthe) ist als Objekt der Begierde von Vater, Paris und schließlich Romeo (Jochen Paletschek) fast ununterbrochen auf der Bühne, aber meist nur als übergroße Projektion zu sehen: Eine Digitalkamera (Mario Binkowski) nimmt sie in ihrem Zimmer auf und wirft das Bild an die dünne Leinwand, die das Zimmer und Julias Zugang zur Außenwelt abgrenzt. Doch was zunächst noch als gelungener Verfremdungseffekt ein Aha-Erlebnis beim Zuschauer hervorruft und die intelligente Frage stellt, auf wen hier Gefühle projiziert werden, nutzt sich schnell ab, weil die Kamera pausenlos aufzeichnet. Das filmische Mittel drängt die Theateratmosphäre wie einen überflüssigen Kommentar zur Seite - als hätte sich die Inszenierung im Raum geirrt und sei eigentlich vollständig für die Kinoleinwand bestimmt gewesen.

Diesen Eindruck bestärken auch die Songs, die in einigen Szenen der Gefühlswelt der Figuren Ausdruck verleihen sollen. Zu Romeo und Julias erster Begegnung ertönt Björks "It's oh so quiet", und hätte der Regisseur es bei den ersten Takten belassen statt den Titel auszuspielen, die Szene wäre umso wirkungsvoller gewesen: Die Unentschlossenheit zwischen vorsichtiger Annäherung und der Flucht zurück in sicherere Distanz findet hier ihre hervorragende Entsprechung als Choreographie zu Björks mal flüsternder, mal krachender Stimme.

Was Julia indes dazu bewegt, eine physische Revolution auszurufen, das bleibt kryptisch. Regisseur und Dramaturg Lennart Naujoks haben ihr dies in den Mund gelegt, doch wogegen wollen sie und Romeo rebellieren? Letztendlich wollen sie wohl einfach nur anders sein als ihre Familien, setzen sich Brillen und Perücken auf und posieren mit Knarre als Bonnie und Clyde. Konkret für eine Sache sind sie nicht, aber in jedem Fall dagegen.

Weitere Vorstellungen: 24., 29. Nov., 10 Uhr, 26. Nov. 19.30 Uhr; Geraer Premiere: 21. Jan., 19.30 Uhr

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