"Lohengrin" in Magdeburg: Der silbrige Ritter schlüpft aus der Kugel

Magdeburg eröffnet die Spielzeit mit "Lohengrin"

Heldentheater an Brabants Gestaden liefern Corby Welch als Lohengrin und Elizabeth Llewellyn als Elsa in Magdeburg.Foto: Nilz Böhme

Heldentheater an Brabants Gestaden liefern Corby Welch als Lohengrin und Elizabeth Llewellyn als Elsa in Magdeburg.Foto: Nilz Böhme

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Magdeburg. Wagners "Lohengrin". Ein Schmuckstück! Ziemlich romantisch. Wann kommt schon mal der Ritter in der Not genau zum richtigen Zeitpunkt? Und das nicht nur als Retter, sondern gleich noch als Mann für eine Liebesheirat? Bei der brabantischen Thronerbin Elsa und dem Ritter, der mit dem Schwanenboot aus dem Nichts kommt, ist das so. Einziger Haken: Er will inkognito bleiben.

Dass das Ortrud und ihrem Friedrich Telramund nicht passt, ist nachvollziehbar, da die beiden selbst auf die Macht scharf sind. Hinzu kommt das Rasseln des Königs mit dem "deutschen Schwert" gegen die Gefahr aus dem Osten. Und nicht zuletzt Lohengrins Abschiedsgruß, der der verdutzten Menge bei seiner unfreiwilligen Abreise, Elsas tot geglaubten Bruder als neuen "Führer" präsentiert. Vom Blatt weg kann man das eigentlich nicht (mehr) inszenieren ...

Doch zuerst kommen die musikalischen Hürden: Gelingt das Vorspiel aus dem Nichts? Und entfaltet es sich wirklich so sphärisch silbrig, dass jedes Dazwischenhusten wir pure Barbarei klingt? Hört man vor Elsas "In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da" wirklich jene Pianissimo-Trompeten aus dem Graben, die Thomas Mann als Gipfelpunkt der Romantik bezeichnete? Schafft es Lohengrin in seiner Monsalvat-Erzählung, sich als eloquenter und traurig strahlender Wagnertenor zu präsentieren, der den Saal in atemlose Stille bannt?

Mit alledem sind sie wirklich gut in Magdeburg. Pultgast Titus Engel inspiriert die Magdeburger Philharmonie im Ganzen zu einer Glanzleistung. Manchmal etwas gedehnt, und das Blech im Brautgemach etwas vorlaut - aber dieser Orchesterklang würde bei einem Augen-zu-Test mit Bravour bestehen!

Da es das ideale "Lohengrin"- Ensemble in jeder Position, nicht mal in Bayreuth gibt, kann man zufrieden sein, wenn die vokale Hauptlast des Abends in den richtigen Kehlen liegt. Man darf jubeln, wenn eine differenzierte Ensemble-Leistung von einem Elsa-Debüt wie dem von Elizabeth Llewellyn überstrahlt wird. Eine betörend leuchtende Stimme, die perfekt zwischen zarten Traumtönen und müheloser Kraft wechselt und obendrein eine mustergültige Diktion bietet.

Corby Welch kann seinen Schwanenritter trompetenklar aufstrahlen lassen, an Kraft wäre bei ihm weniger sogar mehr. Bei der Gralserzählung ist man fast froh darüber, denn unterdessen rumpelt die Drehbühne ohne Erkenntnisgewinn vor sich hin. Undine Dreißig führt mit ihrer fulminanten Ortrud mustergültig vor, wie man sich diese Rolle anverwandeln kann. Der Rest schlägt sich nach Kräften.

Und die Inszenierung von Andreas Baesler? Sein Bühnenbildner Harald Thor hat alles in ein halbrundes Geschichts-Memorial eingemauert. Es gibt moderne Sitzmöbel, aber sonst herrscht demonstrativ imperiale Kühle. Drinnen befindet sich ein weiteres Mauerhalbrund auf der reichlich rotierenden Drehbühne. An den Wänden prangt immer mal ein markiges Textzitat.

Oben hat der Raum ein riesiges Loch. Doch der in Silber verpackte Ritter fällt nicht vom Himmel, sondern kullert eher beiläufig aus einer riesigen Kugel. - Die Kugel als Gralswunder, vertretungshalber. Luftbildaufnahmen zum Einstimmen der Brabanter auf den Krieg, die leibhaftige Erscheinung Gottfrieds mit einem Arm als Schwanenflügel und ein am Ende vom Notwehrmord torkelnder Lohengrin. Viel mehr ist nicht.

Polit- oder Psychokrimi geht anders. Beispiele dafür gibt es im Halbdutzend - inklusive der Inszenierung in Weimar. Der Rest ist Auf- und Abmarschieren des albern kostümierten Fußvolkes, viel Rumstehen und szenische Langeweile. Zum Glück wird gesungen.

Weitere Vorstellungen: 3., 10. u. 19. Okt., 16. u. 23. Nov.