Nora Schlockers rebellisch-ratloser Abschied von Weimar

Ein typischer Schlocker-Schocker: Mit der Inszenierung "Reicht es nicht zu sagen, ich will leben", einer Stückentwicklung von Claudia Grehn und Darja Stocker, sagte DNT-Hausregisseurin Nora Schlocker Weimar ade.

Sinnsuche auf abschüssiger Bahn: Hagen Ritschel in der Weimarer E-Werk-Inszenierung.

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Sinnsuche auf abschüssiger Bahn: Hagen Ritschel in der Weimarer E-Werk-Inszenierung. Foto: Aurin

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Weimar. "Wir sind die Kinder von Toten", klagen die Teenager. Ihre Eltern sind aber gar nicht tot, noch nicht, nur müde, abgewrackt und angepasst, denn sie wollen das Beste für ihre Kinder. Die aber wissen nur, was sie nicht wollen: So werden wie sie. Also was nun: Rein ins oder raus aus dem "Wahnsinnssystem"? Für die Karriere büffeln oder das Abi schmeißen? Alles abnicken oder dem Lehrer widersprechen? Demütigungen schlucken oder den Job riskieren?

Wir sind frei, lautet die Botschaft der Abschiedsinszenierung von DNT-Hausregisseurin Nora Schlocker, die am Donnerstag im Weimarer E-Werk zu erleben war, frei und ratlos. So ist das, erzählt der knapp zweistündige Abend, der auf Biografien von Menschen aus Weimar und Leipzig basiert - Schüler, Lehrer, Dozent, Student, Anwalt, Arbeiter, Asylbewerber etc. -, wenn man "die Utopien wieder in die Bücherregale stellt".


Claudia Grehn und Darja Stocker haben Leute zwischen 15 und 65 Jahren nach ihren Erfahrungen und Lebensentwürfen befragt und aus diesen Recherchen ein Stück entwickelt, das die Konflikte brennpunktartig zuspitzt. Es zeigt, was in unserer profit- und konsumgesteuerten Gesellschaft so alles schief läuft, auch die Ignoranz und Heuchelei - nicht als Doku-Drama, sondern als rasante Szenencollage. Da schwingt am Ende die Staatsmacht den Polizeiknüppel und schlägt einer Schülerin, die sich bei einer Demo die Freiheit nimmt, etwas verändern zu wollen, die Zähne aus - Stuttgart 21 lässt grüßen.


Ein typischer Schlocker-Schocker, diese Koproduktion mit dem Central-Theater Leipzig - ehrlich, zupackend und natürlich rebellisch. Steffie Wurster hat für die Auf- und Abstiege eine rustikale Holzrampe durch den Maschinensaal gelegt, eine Art Laufsteg des Lebens, zugleich schiefe Bahn mit Prellbock. Darauf strampeln sich sechs Schauspieler in zwei Dutzend Rollen ab. Sie kommen von überall, auch aus dem Publikum, das bei grellem Licht dicht am Geschehen sitzt, mal das Baby halten und die "Regeln für eine Demo" laut vorlesen muss.

Nur selten zeigt sich ein Charakter


Das Stück zeigt jedoch nicht nur ein Dilemma - das gesellschaftliche -, sondern es produziert auch eins - ein ästhetisches: Im permanenten Wechsel der Schauplätze und Rollen hat der Zuschauer oft das Nachsehen. Es ist zwar kein reines Thesentheater, dennoch dominiert das Demonstrieren von Haltungen. Charaktere blitzen nur gelegentlich auf. So bleibt manche Figur blutarm und lediglich verbal in Erinnerung: "Meine Heimat ist da, wo mir die Dinge nicht egal sind", bekundet Vera. Wer aber war Vera? Wer Joshi, Jürgen, Elli, Sebastian, Isabell?


Die großartig agierende Barbara Trommer erlebt man als überforderte Altenpflegerin und aufopferungsvolle Mutter, die schlacksige Linda Pöppel überzeugt vor allem als kompromisslose Schülerin Annette. Einer, der nach Annettes Auffassung längst tot sein müsste, der in die Obdachlosigkeit abgestürzte Wirtschaftsanwalt Brietz, lebt als Kleistscher Michael Kohlhaas wieder auf und tritt eine Prozesslawine gegen Hartz IV los. Markus Fennert spielt ihn mit starker Bühnenpräsenz. Dass er getrunken habe, bis er "wieder ganz in der Wirklichkeit angekommen" sei, nimmt man dem intellektuellen Pfandflaschensammler ab. Auch den Stoßseufzer "Reicht es nicht zu sagen, ich will leben?", der dem Stück den Titel gibt. Manchmal jedoch verfällt er ins Dozieren.


In weiteren Rollen Jeanne Devos, Carolin Haupt und Hagen Ritschel - alles in allem eine bravouröse, sportive Ensembleleistung. Viel Poetisches konnte Schlocker der Vorlage nicht abgewinnen: einen klavierspielenden Engel mit an den Hüften baumelnden schwarzen Flügeln und einen aus der Bahn geworfenen Jungen, der mit roten Lappen um sich schlägt. Die Bewegungsfreiheit der Figuren ist ungebremst. Und doch stößt jede, sobald sie ernst machen will, mit dem Kopf gegen Beton. Das Ganze wirkt wie ein Schrei, der im Hals stecken bleibt.


Aufführungen im E-Werk Weimar: 2. u. 9. Juli; Premiere in Leipzig: 28. September


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