Nur der Karriere zu folgen, reicht mir nicht

Die Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller über ihre Anfänge in Weimar, die Herausforderungen in Film und Fernsehen und ihre Rolle als Mutter

Petra Schmidt-Schaller vorm Schloss Ettersburg: Im Mai diesen Jahres gastierte sie dort beim Pfingstfestival und las die Ulrike aus Martin Walsers Goethe-Roman "Ein liebender Mann". 
Foto: Maik Schuck

Petra Schmidt-Schaller vorm Schloss Ettersburg: Im Mai diesen Jahres gastierte sie dort beim Pfingstfestival und las die Ulrike aus Martin Walsers Goethe-Roman "Ein liebender Mann". Foto: Maik Schuck

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Sie war der Shooting-Star am Deutschen Nationaltheater Weimar: Bereits als Schauspielstudentin spielte Petra Schmidt-Schaller dort in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" und übernahm die Hauptrolle in "Romeo und Julia". Nur kurze Zeit später erhielt sie für ihre Rolle im Film "Ein fliehendes Pferd" (2007) die Auszeichnung als beste Nachwuchsdarstellerin des Bayerischen Filmpreises. Sie war in "Almanya – Willkommen in Deutschland" zu sehen und in Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm "Sommer in Orange". Die 32-Jährige entstammt einer Schauspielerfamilie und ist seit 2006 freischaffend tätig. Neben weiteren Hauptrollen in Fernsehfilmen ermittelt sie seit diesem Jahr gemeinsam mit Wotan Wilke Möhring im neuen NDR-"Tatort". Gegenwärtig dreht sie mit Iris Berben und Heino Ferch das ZDF-Epos "Der Clan – Die Geschichte der Familie Wagner", in der sie Cosima Wagners Tochter Isolde verkörpert. Wir sprachen mit Petra Schmidt-Schaller.

Junge Schauspieler wie Sie bringen derzeit den ARD-"Tatort" in Schwung. War die Zeit reif für einen Generationswechsel?

Das kann ich gar nicht beurteilen, denn ich bin nicht mit dem "Tatort" großgeworden. Ich schaue ihn nur sporadisch. Außerdem habe ich mich bisher mehr für den Kriminalfall interessiert, weniger für die Kommissare. Aber kürzlich hörte ich, wie Bekannte, die sonst fast nie "Tatort" geguckt haben, sagten: Mensch, neue Gesichter! Die gucken jetzt öfter"...

Und sehen Petra Schmidt-Schaller an der Seite von Wotan Wilke Möhring. Was sagt denn Ihr Herr Vater, einer der dienstältesten TV-Kommissare, dazu?

Ursprünglich hatte man mir ja ein Drehbuch für nur einen Krimi vorgelegt. Kurz vor Drehbeginn hieß es dann plötzlich: Du bist jetzt "Tatort"-Kommissarin. Ich hatte 24 Stunden Bedenkzeit und war mir nicht sicher, ob ich das persönlich in die Reihe kriege. Als ich meinen Vater anrief, sagte er mir: Jetzt spring doch einfach!

Was hat sich nach der Ausstrahlung der ersten Folge für Sie geändert?

Von meinem Vater wusste ich ja schon, was es heißt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, dass mich von einem Tag zum andern die Leute auf der Straße erkennen und ansprechen würden.

Ist Ihnen das nicht schon nach dem Kinofilm "Ein fliehendes Pferd" passiert?

Nein. Die Walser-Verfilmung haben im Kino 360"000 Leute gesehen. Beim "Tatort" waren es zehn Millionen.

Sie wollten ursprünglich gar keine Schauspielerin werden. Warum eigentlich nicht?

Meine Eltern hatten mich gewarnt. Sie wussten, was dieser Beruf an Problemen so mit sich bringt. Also schmiedete ich andere Pläne. Doch während meines Austauschjahres in den USA ließ ich mich zur Teilnahme an einem Theaterkurs überreden. Plötzlich stand ich auf der Bühne und habe zum ersten Mal gespürt, was Schauspielerei für Energien freisetzt. Mit anderen Worten: Ich habe mich ins Theaterspielen verliebt. Der Zauber wirkt noch heute.

Dann ging alles ziemlich schnell: Schauspielstudium in Leipzig, erste Rollen am DNT Weimar - gleich die Hermia im "Sommernachtstraum". Ein Sprung ins kalte Wasser?

So war es! Wir fühlten uns als Studenten aber gut aufgehoben in der Inszenierung. Mir war die Dimension des großen Zuschauersaales gar nicht bewusst. Ich wollte einfach spielen. Das große Zittern kam erst mit "Romeo und Julia". Bei der Premiere saß ich da und dachte: Ich kann jetzt nicht raus, ich kann jetzt nicht raus...!

Auch die Julia war noch während des Studiums?

Ich wurde im dritten Studienjahr am DNT "engagiert", und wir hatten einen Deal mit der Schauspielschule gemacht, so dass ich parallel zu dem Engagement mein Studium beenden konnte. Das war ein 24-Stunden-Job. Ich lag in den zwei Jahren auch drei Mal vor Erschöpfung im Krankenhaus.

Und Ihr Vater schimpfte: Kind, ich habe dich gewarnt.

So ungefähr war's wirklich.

Und dann kam der Filmregisseur Rainer Kaufmann und sagte: Frau Schmidt-Schaller, ich hätte da eine Rolle für Sie, die verführerische Helene in "Ein fliehendes Pferd" nach Martin Walser?

So hat er es leider nicht gesagt. Davor gab es ein Casting. Dabei wurde aber relativ schnell klar, dass ich die Rolle bekomme.

Hat sich Martin Walser für die Dreharbeiten interessiert?

Er ist zwei Mal am Set gewesen und fand es toll. Ich weiß, dass er am Drehbuch mitgewirkt und die Endfassung abgesegnet hat.

Stimmt es, dass Walser Ihnen in Bezug auf seinen Goethe-Roman "Ein liebender Mann" geschrieben hat: "Sie sind meine Ulrike"?

Ich weiß nicht, woher dieses Gerücht kommt. Er hat mir eine Widmung ins Buch geschrieben: "Hier ist ein Text, den Sie sofort spielen könnten. Diese Ulrike spricht Ihren Text." Keine Ahnung, wer das umgedichtet hat. Walser hat es aber auch nie revidiert. Möglicherweise habe ich ihn bei der Arbeit am Roman inspiriert, der zwei Jahre nach dem Film herausgekommen ist. Darin gibt es ein paar Stellen, wo ich mich tatsächlich wiederfinde, nicht als Ulrike, sondern als die Petra vor sechs Jahren.

Letztlich sind Sie Walsers Anregung gefolgt, denn Sie lesen ja die Ulrike. Wie ist das, wenn man mit dem Vater auf der Bühne interagiert?

Schön. Aber nur, wenn er wirklich kommt. Wir hatten mal eine gemeinsame Lesereise, bei der er zwei Mal kurzfristig ausfiel und ich den kompletten Abend übernehmen musste. Das wäre bei "Ein liebender Mann" sehr schade.

Sie sind seit einiger Zeit Mutter. Wie bringen Sie Kind und Karriere unter einen Hut?

Mir war klar, dass man mit dem Kind nicht ewig warten kann. Irgendwann sind wir keine jungen Eltern mehr. Allerdings verspürte ich dann einen unglaublichen Druck, wieder zurückzukommen. Schon nach vier Monaten war ich wie ein Pferd, das gegen das Gatter donnert. Wenn man Schauspieler ist, bleibt man es auch und findet einen Weg. Das heißt vielleicht nicht in jedem Fall, dass man auf einer großen Bühne steht oder große Filmrollen bekommt. Man darf sich aber nicht dem Leben in den Weg stellen. Leuten, die nur der Karriere folgen, misstraue ich.

Viel drehen heißt auch viel reisen. Bleibt das Kind in diesen Fällen beim Vater?

Immer abwechselnd. Wir haben eine Regelung, dass wir uns nie länger als vier Tage nicht sehen. Aber meist ist es so, dass ich jede freie Minute nutze, um mit unserem Kind zusammen zu sein. Manchmal fahre ich auch für eine Nacht vom Drehort zurück. Solche Aktionen sind momentan fast Dauerzustand, aber nach München, wo wir demnächst drehen, nehme ich meine Tochter mit.

Das müssten Sie doch aus Ihrer Kindheit kennen, dass die Eltern wenig Zeit haben.

Ja, das beruhigt merkwürdigerweise.

Das Gewissen?

Nein, mir hilft diese Erfahrung. Denn ich war als Kind oft mit am Set oder mit im Theater. Auch im Synchronstudio, wo ich gern gemalt habe. Es war für mich mehr oder weniger normal, dass meine Eltern auch mal für längere Zeit weg waren und ich bei den Großeltern gewohnt habe. Unsere Tochter wird damit groß und kennt es nicht anders. Und sie wird es lieben lernen, weil ich weiß, wie ich es geliebt habe.

Träumt man als junge Filmschauspielerin nicht auch von Hollywood?

Es gab Castings, zu denen ich nein gesagt habe. Wenn ich mir für einen Actionfilm fünf Kilo abhungern soll, fahre ich gar nicht erst hin. Ein gutes, seriöses Angebot würde ich zwar nicht ablehnen, aber ich fände es auch nicht schlecht, wenn man mit dem Beruf in Deutschland oder in Europa alt werden würde. Es gibt ja auch viele tolle europäische Produktionen.

Das DNT Weimar war Ihre bisher einzige Festanstellung. Sehnsucht nach der Bühne?

Große Sehnsucht. Ein Festengagement könnte ich mir allerdings unter der jetzigen Lebenskonstellation nicht vorstellen. Dass man den Abend am Stück durchspielt und man unmittelbares Feedback bekommt, das vermisse ich sehr. Ich liebe das Live-Erlebnis auf der Bühne, du spielst und kannst nicht mehr zurück, wenn du die Szene verkorkst hast. Dann musst du eben wild herum improvisieren.

Wie einmal bei "Romeo und Julia" in Weimar?

Ach, die Sache mit dem Dolch. Lustigerweise hatte die Geschichte an den Theatern die Runde gedreht und war nach ungefähr drei Jahren wieder zu mir zurückgekommen. Ein Kollege erzählte: Da gab's mal eine, die hat"... - Ja, sagte ich, das war ich.

Was war passiert?

Anders als bei Shakespeare sollten wir uns am Ende beide mit dem Dolch umbringen. Romeo war schon tot, doch auf einmal flüsterte mir Patrick, der den Romeo spielte, zu: Der Dolch ist nicht da. Das habe ich aber nicht gehört. Ich habe nur seine Lippenbewegungen gesehen und gedacht, was ist jetzt los? Dann merkte ich es aber selber: Oh, der Dolch ist nicht da! Wie kann ich mich denn jetzt umbringen? Ich hätte natürlich so tun können, als hätte ich einen Dolch in der Hand, das hätten wahrscheinlich nur die in den ersten Reihen mitgekriegt. Aber wenn du auf der Bühne stehst, bist du so aufgeregt, dass dir das Simpelste nicht einfällt. Mir ging alles Mögliche durch den Kopf: Im Pool ertränken? Da waren nur fünf Zentimeter Wasser drin. Gegen die Wand springen und tot umfallen? Bis zur Wand war es zu weit. Ich dachte sogar daran, mir eine Krawatte zu besorgen, um mich zu erdrosseln.

Wie viel Zeit hatten Sie denn?

Ich habe mir alle Zeit der Welt genommen. Eines war klar: Julia musste irgendwie sterben, damit es weiterging. Zum Glück habe ich das alles nicht gemacht. Ich saß einfach nur da und bekam einen Lachkrampf, weil die Situation so abstrus war. Dann drehte ich mich mit dem Rücken zum Publikum und lachte lautlos. Okay, dachte ich, dann brech‘ ich mir eben das Genick. Dass das die hirnrissigste Idee von allen war, war mir in dem Moment nicht klar. Ich nahm also meinen Kopf in beide Hände und habe mir sogar noch erlaubt, das Knackgeräusch anzudeuten.

Hat das Publikum das akzeptiert?

Ja. Bis auf eine Schulklasse, und der bin ich sehr dankbar. Die Schüler haben laut kundgetan, dass das gar nicht gehe. Das hat mich letztlich von meinem Lachkrampf erlöst.

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