Pina Bausch in Weimar: Sonne, Sand & Saxofon

Zwischen Trauer und Lebensfreude: Pina Bauschs getanzte Palermo-Bilder wurden in Weimar frenetisch gefeiert - ein Höhepunkt des zu Ende gegangenen Kunstfestes "pèlerinages".

Frauen schweben, von Männerhänden gehalten, durch die Luft: In den Inszenierungen von Pina Bausch (1940-2009) sind alle Generationen versammelt.

Foto: Maik Schuck

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Weimar. Palermo Palermo! Man darf die Aufführung des gleichnamigen Stückes der vor zwei Jahren verstorbenen Tanzikone Pina Bausch getrost als Höhepunkt des gestern zu Ende gegangenen Kunstfestes "pèlerinages" betrachten, führte sie doch eindrucksvoll vor Augen, wie man mit einfachen künstlerischen Mitteln Zuschauer in Staunen und Begeisterung versetzen kann, mitunter sogar in Verzückung. Die seit Monaten ausverkauften beiden Gastspiele des Tanztheaters Wuppertal wurden im DNT Weimar frenetisch gefeiert, von Einheimischen und Gästen und - am lautesten - von Fans, die der Truppe von Ort zu Ort folgen wie Groupies ihrem Popstar.


Sonne, Sand und Saxofon: Der fast dreistündige Abend bot "sizilianische" Sinnlichkeit pur. Hinter der gleich zu Beginn einstürzenden Mauer ein Trümmerfeld, auf, vor und hinter dem sich Figuren aus allen Schichten des Volkes behaupten - Arme und Reiche, Einsame und Suchende, Dominante und still in sich Gekehrte. Auch wenn die Bühne zumeist in südliches Licht getaucht wird, immer wieder feiner rötlicher Sand von der Decke rieselt und, wie von afrikanischen Winden getragen, in den Zuschauerraum stäubt, italienische und orientalische Klänge sich spannungsvoll mischen - Palermo ist überall. Es sind, merkte man rasch, Leute wie du und ich, die sich da auf sehr eigenwillige Weise bewegen: eine nicht mehr ganz junge Frau, die ständig umarmt werden möchte und zugleich die Männer von sich stößt, eine junge Witwe, die wiederbelebt wird und später ihren Ehering mit einer Tasse Kaffee hinunterschluckt, ein Farbiger, der mit seinem Zigarettenrauch tanzt, ein Transsexueller, der schrille Verkleidungen liebt und ausgiebig vorführt, oder eine von ihrem Mann verlassene herrische Dame, die aus Verzweiflung in Dutzende Paar Schuhe schlüpft.


Das ist, streng genommen, gar kein Tanztheater, sondern Erzähltheater mit pantomimischen und tänzerischen Mitteln. Und Pina Bausch war eine begnadete Geschichtenerzählerin. Für "Palermo Palermo" ließ sie sich mit ihrer Company vor Ort inspirieren. Die Atmosphäre des sizilianischen Alltags, das Leben der Leute - vom einfachen Fischer über den Kellner bis zum Mafioso - floss in vielerlei Facetten in die Arbeit ein. Das Stück handelt von unstillbarer Sehnsucht und der Flucht in materielle Werte, von geheimer und käuflicher Liebe, vom Wunsch, ein anderer zu sein, von zerrinnendem Glück und nicht vergehender Trauer. Für all dies hat die Choreografin eine so originäre wie allgemeinverständliche Sprache gefunden.

Jeder tanzt hier seinen eigenen Stil


Diese Sprache scheint dem Rock'n'Roll oft näher zu stehen als dem klassischen Ballett. Und jeder tanzt bei Pina Bausch seinen eigenen Stil. Denn es sind keine mechanischen Tänzer, die sich einer übergeordneten Ästhetik beugen, sondern tanzende Individuen - Charaktere! Darin, die eigenen Stärken in die Inszenierung einzubringen - und sei es das Spiel auf dem Saxofon -, hat die Gründerin der Wuppertaler Company ihre Tänzerinnen und Tänzer nachhaltig ermutigt. Alle Generationen sind hier auf der Bühne versammelt, und vornehmlich die älteren unter den Akteuren geben künstlerisch den Ton an. Auch das ist eine Vision, die mit dem Lisztschen Kunstfest-Motto korrespondiert: Tanz als eine universelle, von Geschlecht und Alter unabhängige Ausdrucksform.


Zauberhaft, wie da zur arabischen Maultrommel von Männerhänden gehaltene Tänzerinnen wieder und wieder durch die Luft schweben. Wie immer gleiche Abläufe zu einer so noch nie wahrgenommenen Melancholie verschmelzen. Wie fünf greise Pianisten vor einem stürmischen Wolkenhimmel nicht müde werden, die Grundakkorde aus Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 anzuschlagen. In der Wiederholung liegt ein Teil jenes suggestiven Reizes, der allen Choreografien von Pina Bausch innewohnt.


Im zweiten Teil des insgesamt etwas zu lang geratenen Abends zeigen sich neben grandiosen Szenen auch kleinere Schwächen: Zu viele spaßige Clownsnummern drängen das Tänzerische zuweilen in den Hintergrund, aus dem dann aber die Damen, einander an den Hüften gefasst, selbstbewusst nach vorn schreiten - expressiver Gleichklang unkonventioneller rhythmischer Bewegungen! Oder jener Trauermarsch, zu dem sich das gesamte Ensemble in zwei Reihen formiert, um sich, untergehakt und mit jeweils einem Apfel auf dem Kopf, melancholisch hin und her zu wiegen.


Irgendwann senken sich mit der Krone zuunterst blühende Bäume vom Himmel und bleiben einfach liegen. Statt eines getanzten Finales trägt einer der Tänzer mit charmantem Akzent ein Märchen vor, das nicht mehr aufhören will. Auch das ist Pina, wie die Wuppertaler Choreografin von ihren Getreuen liebevoll genannt wird: Immer wieder durchkreuzt sie die Zuschauererwartungen. Und nimmt man die Mär vom Fuchs und den Gänsen ernst, so reihen sich die Gänse noch immer wie die Apfeltänzer vor dem verdutzten Fuchs, dem beim Zuschauen das Wasser im Maul zusammenläuft. Soll heißen: Noch einmal konnte man in Weimar jene poetische Kraft und ungewöhnliche Bewegungssprache erleben, mit der Pina Bausch die Tanzwelt verändert hat. Dafür gilt auch Peter Pabst (Bühne), Marion Cito (Kostüm), den künstlerischen Leitern Dominique Mercy und Robert Sturm und vor allem der Pina-Bausch-Company Dank.

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